Age Shift in Japan: Smart Aging

Die Überalterung der Gesellschaft stellt die Sozialsysteme, aber auch die Gesellschaft auf die Probe. Das Beispiel Japan zeigt, wie man dem soziokulturellen Wandel begegnen kann.

Von Jerri Bazata (06/2016)

Japan ist das älteste Land der Welt: Ein Viertel der Bevölkerung ist bereits 65 Jahre oder älter, auf einen Senioren oder ein Kind kommen nur noch 1,6 erwerbsfähige Menschen. Für die bestehenden Rentenkassen ist die Geburtenrate zu niedrig, die Lebenserwartung zu hoch: Das System kann sich die nötigen Auszahlungen nicht mehr leisten, immer mehr Rentner kommen der Armutsgrenze gefährlich nahe. Auch das Gesundheits- und Pflegesystem ist mit der Anzahl der hilfsbedürftigen Senioren überfordert. Bereits 180.000 junge Japaner zwischen 15 und 29 Jahren müssen ihre Verwandten alleine pflegen. Die Stimmung zwischen den Generationen ist angespannt. Doch langsam kristallisieren sich Strategien heraus, die zeigen, wie den Herausforderungen des demografischen Strukturwandels begegnet werden könnte.

Zwei Ansätze werden in Japan vor allem verfolgt: Einerseits wird versucht, Angestellte länger arbeitsfähig und arbeitstätig zu halten, andererseits ist es von zentraler Bedeutung, das Potenzial der bereits Pensionierten zu aktivieren. Denn in Japan wollen viele Rentner aktiv mithelfen, die Situation zu verbessern – es gilt als unhöflich, Hilfe ohne Gegenleistung anzunehmen. So möchten sich die wenigsten im Alter auf ihren Lorbeeren ausruhen und den Sozialsystemen “zur Last fallen”.

Ein Teil der Lösung liegt in der klugen Implementierung innovativer Technologien, etwa Pflegerobotern. Gerade in Berufen, in denen harte körperliche Arbeit gefragt ist, kommt Japan seine Technikaffinität zugute. So testet der Bauriese Obayashi gerade das Exoskelett HAL, das die Muskeln des Körpers unterstützt und sowohl ältere als auch jüngere Mitarbeiter körperlich entlasten soll. Mit dem Exoskelett könnte auch ein 65-Jähriger noch problemlos auf dem Bau arbeiten. Auf den großen Teeplantagen Hokkaidos oder auch am Flughafen Haneda (Tokyo) werden viele Arbeiter bereits mit ähnlichen “Smart Suits” ausgestattet, die beim Tragen von Gepäck oder dem ständigen Beugen beim Ernten helfen.


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Gerade in Berufen, die nur minimale körperliche Belastungen mit sich bringen, bleiben viele Japaner sowieso länger berufstätig. So findet man beispielsweise in der Berglandschaft von Nagano den kleinen Restaurantbetrieb Ogawanosho, der sich dem Ziel "Working for life" verschrieben hat – bereits über die Hälfte der knapp 90 Angestellten ist über 60 Jahre alt. Auch für bereits Pensionierte gibt es reichlich Angebote, aktiv zu werden oder zu bleiben. Dazu zählt beispielsweise das Projekt MyStar60, eine Jobvermittlung speziell für Rentner, die noch arbeiten wollen. Das Ergebnis: Über die Hälfte aller Japaner zwischen 65 und 69 ist noch berufstätig – in Europa sind es nur knapp ein Drittel.

Auch Senioren-Selbstorganisationen (oft "Silver Societies" genannt) sind in Japan deutlich populärer als in Europa und basieren stärker auf gelebter Selbstorganisation ohne staatliches Zutun. Zusätzlich zu einem breiten Freizeitangebot, etwa gemeinsame Karaoke- oder Kochabende, agieren sie meist gemeinnützig. Auf diese Weise engagieren sich Senioren bei Nachmittagsbetreuungen für Kinder berufstätiger Eltern, halten öffentliche Bäder instand oder organisieren Aktivitäten für Austauschschüler und -studenten. Der Effekt: Die Senioren bleiben aktiv, in Kontakt mit der Jugend und tragen zum Funktionieren des Sozialsystems bei. Auch die Pflegeorganisation Saint-Care basiert auf dem Konzept der Selbstorganisation: Hier sind zum Großteil Rentner angestellt, die sich um noch Ältere kümmern.

Einen weiteren Ansatz, die staatlichen Systeme zu entlasten, findet man bei Fureai Kippu, der größten Zeitbank der Welt, in der man jede Stunde Hilfe, die man für andere leistet, angerechnet bekommt – mit ebenfalls einer Stunde Hilfe, die man in Anspruch nehmen kann. Der Unterschied zu anderen Zeitbanken: Während man bei den meisten Konzepten seine angesparte Zeit nur selbst einfordern kann, kann man sie bei Fureai Kippu auch auf Verwandte oder Freunde übertragen.

Die demografische Struktur Japans gibt uns einen Ausblick auf unsere eigene Zukunft. Trotz vieler Initiativen hat Japan noch mit dem Age Shift zu kämpfen. Die meisten der Projekte sind noch nicht großflächig im Einsatz. Dennoch nimmt Japan seine Vorreiterrolle mit viel Innovationsgeist und Zukunftsorientiertheit wahr – und zeigt Möglichkeiten auf, die Alterung der Gesellschaft aus ihrem starren Problemstatus zu befreien: mit dem Prinzip der Selbstorganisation, mit Offenheit für technologische Neuerungen und mit der grundsätzlichen Bereitschaft, strukturell flexibel und kreativ mit dem Wandel umzugehen.

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