Ageless Living: Design für alle

Wohnen und Leben in der Silver Society geht weit über barrierefreie Konzepte hinaus: Erfolgreiche Wohnmodelle müssen die Bedürfnisse von Alt und Jung integrieren.

Von Christiane Varga (06/2016)

Foto: Lanzavecchia+Wai / www.lanzavecchia-wai.com/

In Deutschland wird bis zum Jahr 2030 mehr als jeder Zehnte 75 Jahre oder älter sein. Und trotz des medizinischen Fortschritts machen sich früher oder später bei jedem erste Alterserscheinungen bemerkbar. Die Folge: Die physische Mobilität verändert sich. Eine ältere Gesellschaft braucht andere Infrastrukturen – bei der Gestaltung von Wohnungen und Gebäuden, aber auch bei der Rekonfiguration des öffentlichen Raums, des Nahverkehrs, der Straßen und Wege.

Denn Wohnen bezieht sich immer weniger nur auf die “eigenen vier Wände”, sondern auf das erweiterte Umfeld, auf den Lebensraum des Einzelnen. Zu einer geeigneten Infrastruktur zählt also auch eine möglichst heterogene Gruppe von Menschen. Kurz: ein Netzwerk, das sich leicht und adaptiv verändern lässt und sich den jeweiligen Bedürfnissen des Einzelnen anpassen kann. Eines, das mit den “Freeagern” älter wird, ohne sich aufzudrängen.

Die Stadt – Magnet für Jung und Alt

Forscherteams arbeiten bereits seit Jahren an Stadtkonzepten, um dem immer größer werdenden alternden Teil der Gesellschaft mithilfe neuer Technologien das Leben in der Stadt zu vereinfachen. Denn während bisher vor allem junge Menschen in die Stadt gezogen sind, werden in Zukunft zunehmend auch Familien und ältere Menschen dem Ruf nach Urbanität folgen. Der Anspruch an die städtische Infrastruktur verändert sich dadurch grundlegend – und fördert die Integration von gesundheitsfördernden Maßnahmen im öffentlichen Raum.

Das MIT AgeLab hat einen Anzug entwickelt, der die körperliche Konstitution sowie die Kraft, Beweglichkeit und Motorik einer 75-jährigen Person simuliert. So kann das optimale Design für alltägliche Dinge und Plätze in der Stadt erforscht werden. Das Risiko der altersgerechten städtischen Umgestaltung liegt jedoch darin, dass auch jüngere Bürger an Körperkraft verlieren, wenn alle Hürden zwischen ihnen und ihrer Umgebung eliminiert werden. In Zukunft wird es also um die Entwicklung neuer Lösungen gehen, die sowohl der jungen als auch der älteren Generation eine hohe Lebensqualität in ein und derselben Stadt gewährleisten – und die Gesundheit aller Generationen erhalten und fördern.

Universal Design statt barrierefreies Wohnen

In unserer künftigen Pro-Aging-Gesellschaft sind Begriffe wie "altersgerecht“, "Seniorenresidenz“ oder gar "Altersheim“ weitgehend aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Das ist einerseits das Ergebnis des "Downaging", also der länger anhaltenden Fitness und Vitalität bei höherer Lebensdauer, andererseits aber auch die Folge von neuen Strategien, Technologien und Konzepten, die es erlauben, bis ins hohe Alter in den eigenen vier Wänden unabhängig und selbstbestimmt zu leben.

Der Begriff “barrierefreies Wohnen” mag inhaltlich korrekt sein, dennoch assoziiert man mit ihm etwas Klinisch-Sanatorisches, etwas ungefragt Helfendes, etwas für Menschen mit Handicap oder extremen Altersgebrechen. Tatsächlich geht es jedoch um eine neue Norm für durchschnittliche Nutzungsbedürfnisse. Davon sollte jeder profitieren, denn der Effekt ist für alle gleich: mehr Komfort.

Barrierefreies Wohnen bedeutet nichts anderes als einen Qualitätsmaßstab zu definieren, der für alle Generationen von Vorteil ist. Sich die Zehen an einer leicht erhöhten Türschwelle zwischen zwei Räumen zu stoßen, ist für einen 14-Jährigen genauso unangenehm wie für einen 80-Jährigen. Durch innovative Services und Wohnmodelle werden deshalb älteren Menschen in Zukunft immer mehr Angebote für eine selbständige Lebensführung mit mehr Lebensqualität bereitgestellt. Gleichzeitig profitieren alle Generationen von simplen Maßnahmen zur Barrierefreiheit, wie zum Beispiel:

  • Die richtige Breite von Durchgängen
  • Leicht bedienbare Fenster und Türen
  • Stufenlose, stolperfreie Wege
  • Rutschhemmende Oberflächen
  • Sichere Griffe im Sanitär- und Treppenbereich
  • Höhenverstellbare Betten, angepasste Arbeitshöhen und ausreichende Beleuchtung

Bedürfnis-Möbel landen im Mainstream

Sowohl bei Neubauprojekten als auch bei der Modernisierung von Bestandsbauten werden künftig die Anforderungen an ein neues Wohnen im Alter in vielfältiger Weise berücksichtigt. Ageless- und Universal-Design-Konzepte sorgen dafür, dass Alltagsprodukte und Wohnungseinrichtungen so gestaltet sind, dass eine flexible, leichte und intuitive Nutzung mit hoher Fehlertoleranz möglich ist. Ein wesentlicher Aspekt dabei ist, dass Barrierefreiheit und Ästhetik nicht länger als Gegensätze aufgefasst werden.


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Die Alten machen uns jung: Pro-Aging wird also zum notwendigen Imperativ einer kommenden Gesellschaft und ihrer Unternehmen. Mit 14 alternativen Szenarien zum Thema Pro-Aging eröffnen wir einen der wichtigsten, und bis heute fehlgeleiteten Diskurse: hin zu einer neuen Wertschätzung des Alterns und einer Ökonomie der zweiten Lebenshälfte!

Mehr über das Szenario-Buch

Im Möbel- und Designbereich bricht die klassische Zuordnung “ästhetisch/modern” für Jüngere und “praktisch/einfallslos” für Senioren ebenfalls auf. Unter dem Motto “No Country for Old Men” entwarf das Design-Duo lanzavecchia+wai Möbel, die sowohl praktisch als auch ästhetisch sind. So gibt es in der Kollektion beispielsweise einen Stuhl, der beim Aufstehen unterstützend wirkt, in dem er leicht mit nach vorne kippt, wenn das Körpergewicht verlagert wird. Francesca Lanzavecchia und Hunn Wai ist es dabei gelungen, alltäglichen Gegenständen eine neue Komponente zu verleihen. So kann der Gehstock auf Rollen aus der Serie “Together Canes” in drei Varianten genutzt werden, um Gegenstände zu transportieren: als Servierbrett, Ablage oder Behälter. Lanzavecchia kam diese Idee, als sie beobachtete, wie schwer es ihrer Großmutter fiel, eine Tasse Kaffee zu transportieren. 

Wohnen als (Co-)Prinzip

In Zukunft geht es also um mehr als um “altergerechtes” Wohnen. Das Credo lautet: generationenkompatibel statt altengerecht. Darauf basiert eine Entwicklung, die sich immer stärker abzeichnet und den künftigen Freeager-Generationen modernes, modulares und gemeinschaftliches Wohnen ermöglicht: Das Prinzip des "Co-Housing“ widerlegt das Klischee des alleinlebenden, hilfsbedürftigen Seniors, der einsam in seiner vollautomatisierten Umgebung lebt. Vergleicht man die Alleinlebendenquoten der Über-65-jährigen über die Jahre hinweg, leben heute nur noch ein Drittel von ihnen alleine, vor 20 Jahren waren es noch 41 Prozent. Das liegt sowohl an der gestiegenen Lebenserwartung als auch an dem wachsenden Interesse an kollaborativen Wohnformen wie Mehrgenerationenhäusern, Senioren-WGs oder losen Wohnclustern. Dass das Zusammenleben mit anderen Menschen ein Mehr an Lebensqualität und pragmatischem Komfort bieten kann, haben aber nicht erst hilfsbedürftige Ältere gemerkt, sondern Menschen jeden Alters, die Befürworter von Nachbarschaftsnetzwerken oder der Sharing-Kultur sind.

In einer Senioren-WG können sich die älteren Menschen mit anderen austauschen, kommunizieren oder Karten spielen, sie haben aber ebenso die Möglichkeit zum Rückzug in ihre Privaträume. Sie können sich gegenseitig unterstützen und gleichzeitig eigenständig leben und sowohl ihren Tagesablauf als auch das Ausmaß der Betreuung durch Fachpersonal selbst bestimmen.

Ein Beispiel aus dem gehobenen Segment ist das Projekt rêverie, ein neugebautes Quartier in Berlin-Zehlendorf. Die relativ kleine Zahl von nur 32 Wohnungen erlaubt ein familiäreres Miteinander. Dabei steht das Servicepersonal den Eigeninitiativen der Bewohner unterstützend zur Seite. Mit eleganter Architektur, der Natur vor der Haustür und dem nahen Zentrum Berlins bietet die rêverie einen schrittweisen Einstieg in das betreute Wohnen. Die Wohnungen sind zwar rollstuhlgerecht und durch einen 24-Stunden-Notruf gesichert, lassen aber optisch nicht erkennen, dass hier nur ältere Menschen wohnen. Erst wenn die Mobilität abnimmt, werden die notwendigen Vorrichtungen ganz einfach nachgerüstet.

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