Amnesie-Apps: Die neue Flüchtigkeit

Angst vor Bespitzelung? Daten-Overload? Neue Apps bieten Hilfe an, indem sie Daten nicht nur verschlüsseln, sondern auch spurlos verschwinden lassen.

Von Christian Schuldt (11/2015)

Fotolia.com / Bahrialtay

Der Megatrend Konnektivität eröffnet neben ungeahnten Chancen auch jede Menge Gefahren rund um die immer umfangreichere “digitale Identität”. Der Internet-Zugriff über mobile Geräte sowie die alltäglich gewordene Nutzung sozialer Netzwerke und Cloud-Technologien führen dazu, dass jeder Einzelne immer größere Datenmengen im Netz hinterlässt und speichert. Wie unsicher diese Daten dort sind, hat der NSA-Skandal gezeigt. Zu einer zentralen Herausforderung im digitalen Zeitalters wird deshalb der Schutz der digitalen Privatsphäre, privat wie professionell – und der sichere Umgang mit stetig wachsenden Datenmengen

Auf diese Marktlücke zielen Dienste, die Daten hochgradig verschlüsseln und mit Selbstzerstörungsfunktionen versehen. Services wie Telegram oder Wickr bieten jedem Nutzer eine private Spionageabwehr durch avancierte Codierungsstandards und variabel einstellbare Auto-Delete-Funktionalitäten. Das Versprechen der Amnesie-Apps: der spontanen Kommunikation ihre Flüchtigkeit zurückgeben – und der Privatsphäre ihren sicheren Schutz. “Wir sind der Überzeugung, neue Technologien sollten deine Privatsphäre schützen – nicht entfernen”, lautet das Motto des Messaging-Dienstes Burn Note.

Authentisch, weil vergänglich

Die Attraktion der flüchtigen Dienste besteht aber nicht allein in einer privaten Ausspäh-Abwehr. Das verdeutlicht Snapchat, der unangefochtene Star unter den Self-Deleting-Services. Über den Bilderdienst werden täglich zig Millionen Fotos verschickt, die sich nach maximal zehn Sekunden selbst löschen (auch wenn Snapchat sich das Recht vorbehält, Inhalte zu speichern und weiterzuverwenden). Selbst die Konkurrenz-App Poke, die Facebook 2013 auf den Markt brachte, blieb dagegen machtlos. Die enorme Popularität von Snapchat, gerade unter jüngeren Nutzern, beruht nicht zuletzt auf der Erschließung einer kommunikativen Nische: Das Prinzip der Kurzlebigkeit ermöglicht einen offeneren, spontaneren Austausch von Inhalten. Bei Snapchat geht es um Authentizität und „nicht darum, den traditionellen Kodak-Moment einzufangen“, wie Gründer Evan Spiegel sagt. 

Digitales Vergessen und Wissensmanagement 2.0

In seinem Buch “Delete. Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten“ forderte der Politikwissenschaftler Viktor Mayer-Schönberger schon 2011, dem Netz das Vergessen technisch beizubringen. Amnesie-Apps sind ein Schritt in diese Richtung – und führen damit auch die organisatorischen Vorzüge einer Selbstvernichtungsfunktion vor Augen.

Für viele ist das Internet heute zu einer unbegrenzten Lagerhalle persönlicher Daten und Inhalte geworden. Mails, Songs, Videos, Fotos, Blogeinträge – alles lässt sich in den digitalen Wolken des Netzes ablegen. Angesichts unbegrenzt anwachsender und ausspähbarer Datenberge sorgen Self-Deleting-Services für Entlastung, sowohl administrativ als auch psychologisch. Bei der Idee eines Verfallsdatums geht es also nicht nur um die technischen Tools, sondern auch um ein neues, schärferes Bewusstsein für unseren Umgang mit digitalen Daten.

Das Internet hat nicht nur eine erweiterte Öffentlichkeit geschaffen, sondern auch ein erweitertes Gedächtnis. Das Netz merkt sich alles, und es macht uns zu Mitwissern. Die neuen Amnesie-Apps sind ein Zeichen dafür, dass wir lernen, bewusster mit diesem digitalen Supergedächtnis umzugehen. Je mehr Erinnerungen gespeichert werden, umso wichtiger wird auch die Fähigkeit, vergessen und selektiv erinnern zu können. Eine reflektierte Nutzung dieses Zusammenspiels von Erinnern und Vergessen deutet an, dass wir eine neue Form von Wissensmanagement erlernen, ein Wissen zweiter Ordnung: Es wird heute immer wichtiger, zu wissen, was man nicht wissen muss (und stattdessen bewusst erinnert). Nur so kann die “memory function” des Gedächtnisses unter digitalen Bedingungen aufrechterhalten werden.

Amnesie-Apps helfen uns dabei, indem sie die Selbstkontrolle über den Verbleib der eigenen Daten ermöglichen – und damit auch ein sensibleres Verhältnis zum Allzeitgedächtnis Internet.

Personal Memory Coaches und Security Guards

Der Trend der Amnesie-Apps steht erst am Anfang. Je weiter die Digitalisierung des Alltags voranschreitet, umso wichtiger wird es, die ansteigende Datenkomplexität zu reduzieren und private und sensible Inhalte zu schützen. Die nächste Stufe der digitalen Evolution wird diese Lage noch einmal verschärfen: Das „Internet der Dinge“ wird neue Dimensionen der Datenübertragung und -speicherung mit sich bringen.

Prognosen zufolge werden 2020 schon 50 Milliarden Dinge unseres alltäglichen Lebens mit dem Internet verbunden sein. In diesem Kontext werden spurenverwischende Dienste eine noch wichtigere Rolle spielen: als Personal Memory Coaches und Security Guards.

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