Carpe diem: Die Achtsamkeit des Alters

Freeager haben die Rush Hour des Lebens hinter sich. Sie leben im Hier und Jetzt und begegnen Stress mit Gelassenheit. Das verändert auch den Rest der Gesellschaft.

Von Rosalie von Boch (06/2016)

Reizüberflutung, Leistungsdruck, ständige Verfügbarkeit – der Dauerlärm aus Informationen, Meinungen und Gleichzeitigkeiten lässt Achtsamkeit zum Trend der Stunde werden. Mindfulness-Apps und Magazine wie "Flow", "Mindart" oder "Happinez" widmen sich dem Thema, und in den Buchläden stapeln sich Ratgeber wie "Das Prinzip Achtsamkeit“ oder "Mit Achtsamkeit in Führung". Sie alle propagieren eine Form der Gelassenheit, die Ausdruck bewusst gelebter Achtsamkeit ist.

Doch während der Mindfulness-Trend in der Arbeitswelt (etwa in Form von Business-Yoga oder Achtsamkeits-Seminaren für Manager) allzu oft nur als weiteres Mittel zur Leistungssteigerung dient, stößt das Thema Achtsamkeit bei der älteren Generation auf echte Resonanz. Denn mit den augenscheinlichen Verlusten des Alterns entfalten sich auch neue Stärken: Gelassenheit, Resilienz und Weisheit.

Dass die Kindheit zu den glücklichsten Zeiten im Leben gehört, ist bekannt. Glücksforscher beobachten jedoch seit längerem, dass wir mit steigendem Alter dem kindlichen Zufriedenheitsniveau wieder näher kommen – und es sogar übersteigen. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Coca-Cola Happiness Instituts (Berlin) schätzen sich die Menschen ab 60 Jahren am glücklichsten – mit einem respektablen Anteil von 88 Prozent. In den USA zeichnet sich dieser Trend noch stärker ab als bei uns. Eine weitere Altersstudie des Allensbach-Instituts ergab, dass 45 Prozent der 65- bis 85-Jährigen ihre Zeit nutzen, um sich im gesellschaftlichen Bereich, unter anderem im kirchlichen Umfeld oder in Freizeit-, Sport- und Kultureinrichtungen, zu engagieren – durchschnittlich vier Stunden pro Woche.


Unser Szenario-Buch "Pro-Aging"

Die Alten machen uns jung: Pro-Aging wird also zum notwendigen Imperativ einer kommenden Gesellschaft und ihrer Unternehmen. Mit 14 alternativen Szenarien zum Thema Pro-Aging eröffnen wir einen der wichtigsten, und bis heute fehlgeleiteten Diskurse: hin zu einer neuen Wertschätzung des Alterns und einer Ökonomie der zweiten Lebenshälfte!

Mehr über das Szenario-Buch

Die "neuen Alten", die Freeager, suchen das Glück im Hier und Jetzt: Sie sind den Zwängen von Konkurrenz und Karriere enthoben und betrachten Zeit als höchstes Gut. Die leibhaftige Erfahrung der Knappheit der eigenen Lebenszeit bewirkt eine intensive Wertschätzung der verbleibenden Zeit: Sie ist zu kurz, um mit belanglosen Tätigkeiten gefüllt zu werden. So steigert die Reife des Alters die Fähigkeit, das Wichtige zu sehen und das Unwichtige zu vergessen.

Die Wirtschaft hat die Affinität der Älteren zum Trend der Achtsamkeit bereits erkannt. Reisebüros bieten Erholungsreisen mit Meditations- und Yogaangeboten speziell für Über-60-Jährige. Und alternative Pflegemodelle wie Mindfulness Based Elder Care (MBSR) bringen Achtsamkeit auch in die Altenpflege.

Die Gelassenheit der Älteren prägt den aktuellen Trend der Slow Culture mit, der altersübergreifend wirksam wird: entschleunigen, sich Auszeiten gönnen, sich bewusst Zeit nehmen und genießen. Und dabei darauf achten, was einem wirklich wichtig ist. Diese Entschleunigung im Alter wird eine nachhaltige Wirkung haben – auf die gesamte zukünftige Gesellschaft.

Mehr zum Thema

Flow Economy: Wider die Altersstarre

Flow Economy: Wider die Altersstarre

Betrachtet man das Leben in seiner Gesamtheit, ist die Verfügbarkeit von freier Zeit sehr ungleich über das Leben verteilt – Zeit für eine Revision der Lebenslaufplanung.

Das Gesundheitssystem der Silver Society

Das Gesundheitssystem der Silver Society

Im Zeichen des demografischen Wandels ändert sich unser Bild vom Alter(n) – und die Altersmedizin avanciert zum zentralen Gesundheitsplayer.