Chancen-Check: Der Mann von morgen

Ist der Mann am Ende? Gibt es in der Kreativökonomie der Zukunft keinen Platz mehr für ihn? Wir glauben: Dem Mann steht eine fantastische Renaissance bevor.

Quelle: Trend Update 05/2014

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Jeder Mensch lebt in verschiedenen Welten. Bei der Arbeit, in der Familie, auf Partnersuche oder im Freundeskreis spielen wir alle verschiedene Rollen, haben unterschiedliche Wünsche, Bedürfnisse, Erwartungen und Ziele, auf die wir hinarbeiten. Ein durch die Serie „Mad Men“ bekannt gewordenes Sprichwort sagt: „A man is whatever room he is in“ – ein Mann ist immer so, wie der Raum, in dem er sich aufhält. Diese realen und übertragenen Räume – Liebes- und Familienleben, Büro- und Arbeitswelt, Gesundheit und Karriere – sind großen Veränderungen unterworfen. Wo werden Männer in Zukunft wer sein können? Und werden sie damit erfolgreich sein? Eine Prognose.


Unsere Studie "Lebensstile für morgen"

Situativer Konsum und Multigrafien sorgen für Albträume im Marketing. Bis gestern: Als neue Klassifizierungsebene identifizieren wir in Lebensstile für morgen die Avantgarde in unterschiedlichen Lebensphasen, analysieren auf empirischer Basis ihr Einflusspotenzial auf den Mainstream und liefern Ihnen so ein operativ anwendbares Bild von Wertesystemen im Wandel.
Mehr über die Studie

Männer im Bett

„Hardcore pornography has become sex education“ – Hardcore-Pornografie hat den Platz von Sexualerziehung eingenommen, so formuliert es Cindy Gallop (makelovenotporn.tv) in einem legendären TED-Vortrag. Der nie versiegende, jederzeit verfügbare, kostenlose Strom der Online-Pornografie stürzt besonders junge Männer in Verwirrung, sobald sie in die wirkliche Welt hinausgehen und dort echten Frauen begegnen. Das liegt aber nicht nur an der Diskrepanz zwischen den Fantasiebildern aus den Filmen und richtigen Menschen, sondern auch daran, dass die Erwartungen an Männer sich im Umbruch befinden. Die Ansprüche der potenziellen Partnerinnen erscheinen oft widersprüchlich.

Und doch gibt es Hoffnung: Nicht nur weiblichen Ansprüchen, sondern auch den Männern selbst erschließt sich, dem Megatrend Individualisierung sei Dank, ein ganz neues Spektrum an Möglichkeiten, was ihr Liebesleben angeht. So variieren nicht nur die Optionen für Individualisierung und Digitalisierung eröffnen neue Möglichkeitsräume das eigene Sexualleben zwischen Polyamorie, BDSM, Post-Post-Gender und Transsexualität, sondern es erschließt sich auch ein ganz neuer Pool an potenziellen Partnerinnen – nicht zuletzt durch das Internet, wo auf hochspezialisierten Foren und mithilfe ausgeklügelter Algorithmen Topf endlich zu Deckel finden kann. Die Partnersuche in der digitalisierten Welt lässt sich in Zukunft noch effizienter gestalten: Seit Services wie 23andMe die unkomplizierte Analyse der eigenen Gene ermöglichen, warum nicht die Partnerin suchen lassen, die genetisch perfekt zu einem passt?

Männer in der Familie

Im Laufe ihres Lebens erkennen viele Männer, dass die scheinbar widersprüchlichen Erwartungen der Frauen gar nicht so widersprüchlich sind, sondern sich nur auf unterschiedliche Lebensbereiche beziehen. Im Bett ein Macho, am Arbeitsplatz ein Querkopf, am Herd wie Mutti – aus solchen Fragmenten werden Traumprinzen gebacken. Die scheinbare Widersprüchlichkeit dieser Eigenschaften rührt auch daher, dass das Rollenbild, das männliche „Gender“, sich jetzt gerade stark verändert. Die Soziologin Eva Illouz geißelt die Idealisierung der Bindungsunfähigkeit vieler Männer, die oft mit einer albernen Einsamer-Cowboy-Romantik verklärt wird, und fordert ein ganz neues In der Familie werden Männer mehr gebraucht denn je Männlichkeitsideal, „eines, bei dem Abhängigkeit, Verletzbarkeit und Leidenschaft zu einem ‚echten‘ Mann dazugehören. Eines, in dem wir das Verhältnis von Autonomie und Fürsorge neu formulieren.“

In der Familie werden Männer mehr gebraucht denn je. Seit dem Film „Fight Club“ wissen wir, dass wir es mit einer Generation von Männern zu tun haben, die von Frauen erzogen wurde. Lehrerinnen und, oft, alleinerziehende Mütter haben ihre ersten Lebensjahre geprägt. Diese Männer wissen, dass ihre eigenen Kinder sie brauchen, und nehmen sich zwei Monate Elternzeit. Ein kleiner Schritt, zugegeben, aber er führt in die richtige Richtung. In einer Umfrage des „Spiegel“ (siehe Quellenverzeichnis) gab mehr als die Hälfte der befragten Männer an, dass sie zugunsten der Karriere der Partnerin beruflich kürzertreten und sogar zeitweise die Rolle des Hausmannes übernehmen würden.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird für Männer zunehmend zum Thema. Mittlerweile gibt es Beratungsunternehmen, die Organisationen helfen wollen, eine „väterfreundliche“ Unternehmenskultur zu entwickeln (vaeter-ggmbh.de). Aktive Väter werden zu Rollenvorbildern, abwesenden Vätern hingegen droht in Zukunft eine ähnliche Geringschätzung, wie sie heute Hausfrauen entgegenschlägt.

Männer auf der Karriereleiter

Doch trotz dieser grundsätzlichen Gemeinsamkeit scheint es noch tief sitzende Unterschiede zu geben zwischen den Erwartungen von Männern und Frauen an die Karriere. Diese Unterschiede sind aber nicht nur dem größtenteils noch konservativen Rollenverständnis der Männer geschuldet, die sich immer noch als „Breadwinner“ und verpflichtet fühlen, ihre Familie zu ernähren, sondern auch den unterschiedlichen Biografieverläufen. Einige biologische Konstanten werden bleiben: Frauen werden älter als Männer und kriegen, heute meist mit um die 30, Kinder. Auch Männer werden Männer haben eine größere Neigung zum Risiko in Zukunft Phasen haben, in denen sie sich vorrangig um die Familie kümmern, aber es werden andere Phasen sein. Die Politikwissenschaftlerin Anne-Marie Slaughter empfiehlt deshalb Männern, den Höhepunkt ihrer Karriere ganz klassisch in der „Lebensmitte“ (mit um die 50) zu verorten, während Frauen auf einen etwas späteren Peak mit um die 60 hinarbeiten sollten.

Beobachtbar ist auch die größere Neigung von Männern zum Risiko. Der politische Ökonom Alexandre Afonso vergleicht in seinem Blog die Karrieren von Drogenhändlern mit den Karrieren von Universitätsprofessoren: Nur die wenigsten schaffen es wirklich bis zum Lehrstuhlinhaber bzw. zum steinreichen Gangsterboss. Auf dem Weg zu diesem kaum erreichbaren Ziel muss der Adept schreckliches Leid bei grauenhaft schlechter Bezahlung auf sich nehmen, im Falle der Drogenhändler droht sogar mit hoher Wahrscheinlichkeit der gewaltsame Tod. „Get rich or die tryin’!“ Diese Art von Hochrisikokarriere, sei es in der akademischen Welt oder im Drogenhandel, erscheint als typisch männlich: In den Vereinigten Staaten waren 68 Prozent der im Jahr 2011 festgenommen Drogendealer Männer. Und in  Deutschland wurden laut Statistischem Bundesamt 1202 der insgesamt 1646 Habilitationen im Jahr 2012 von Männern geschrieben.

Ausblick: Das Kind im Manne

Die Journalistin Hanna Rosin erklärte 2012 in ihrem gleichnamigen Buch „Das Ende der Männer“. Ihr Zeitalter sei vorüber, schreibt sie, weil es ihnen nicht gelungen sei, sich rechtzeitig an eine neue Epoche anzupassen. Und tatsächlich scheinen Zahlen wie etwa das aktuelle Geschlechterverhältnis unter Abiturienten in Deutschland (55 Frauen zu 45 Männer) darauf hinzudeuten, dass die zukünftige Wissens- und Kreativgesellschaft die Männer in den Ruinen der alten Industriekultur zurück gelassen hat, während die Frauen im Dienstleistungssektor und in den Zukunftsbranchen Männern steht eine Renaissance bevor, wenn sie ihren Sinn für Blödsinn pflegen Bildung und Gesundheit richtig durchstarten. Doch es wäre verfrüht, den Mann für tot zu erklären. Denn er verfügt über bestimmte Fähigkeiten, die Männern in unserer gegenwärtigen Kultur anerzogen werden. Zwei dieser Eigenschaften werden in Hinblick auf die Kreativökonomie der Zukunft von entscheidender Bedeutung sein:

1. Männer haben Sportsgeist

Von frühester Kindheit an lernen Männer, sich im Wettbewerb zu messen, Siege zu feiern und Niederlagen nicht persönlich zu nehmen. Diese Sozialisierung verschafft ihnen einen Vorteil in Sachen Resilienz: Sie sind unter Konkurrenzdruck emotional widerstandsfähig, haben Spaß an der Sache und lassen sich von Rückschlägen nicht so leicht aus der Bahn werfen. Das ist die Eigenschaft, die ihnen in einer unsicheren Hochrisikogesellschaft von großem Nutzen sein wird, denn mit Rückschlägen müssen wir in einer instabilen Welt alle rechnen.

2. Männer sind verspielt

In Zukunft wird Wert mehr und mehr mit originellen Gedanken geschaffen. Hier kommt das Stichwort Kreativökonomie ins Spiel. Berühmt ist das Beispiel der Firma Google, die ihren Mitarbeitern einen Tag in der Woche einräumt, an dem sie ungehindert eigenen Projekten nachgehen können (so sinnlos diese auch scheinen mögen), und die gelegentliche Kämpfe mit dem Plastik-Laserschwert gleichsam zur Unternehmensphilosophie erhoben hat. Hier wird vorexerziert, wie eine neue kreative Firmenkultur die Originalität, man könnte auch sagen: die Spinnereien von Männern, zu nutzen lernt. Ausgerechnet „Playfulness“ scheint zu dem entscheidenden Wirtschaftsfaktor der Zukunft zu werden. Für Männer bedeutet das, dass ihnen eine fantastische Renaissance bevorsteht, wenn sie ihren Sinn für Blödsinn nicht verlieren. Der große Gewinner der Zukunft ist das Kind im Manne.

Männer im Büro

Männer werden sich auf mehr Diversität am Arbeitsplatz einstellen müssen, zumal wenn sie in kreativen Berufen arbeiten. Mehr weibliche Kollegen und Chefs zum einen, Teilzeit zum anderen werden die neue Normalität. Die Paradigmen verschieben sich von einer Präsenz- hin zu einer Effizienzkultur, in der nicht die am Arbeitsplatz verbrachte Zeit, sondern die tatsächliche Leistung ausschlaggebend ist für Anerkennung, Status und Gehalt. Die Zeit der Time-Machos neigt sich dem Ende zu: Abends das Licht an- und das Jackett über dem Stuhl hängen zu lassen, damit die Kollegen denken, man wäre noch da, wird in Zukunft nicht genügen, um im Job erfolgreich zu sein.

Doch Wichtiger als das Geld auf dem Konto wird das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun was heißt das eigentlich, „im Job erfolgreich sein“? Statt Firmenwagen, Eckbüro, ja selbst Gehalt, gewinnen andere Kriterien für beide Geschlechter an Bedeutung. „Im Job erfolgreich sein“ kann in Zukunft auch heißen: nette Kollegen, eine erfüllende Tätigkeit, gute Arbeitsatmosphäre und eine gelingende Work-Life-Balance. Wichtiger als das Geld auf dem Konto wird das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.

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