Das Geschäft mit dem Tod

Wir werden nicht nur immer älter – auch unsere Bestattungswünsche werden immer ausgefallener: Die Silver Economy offenbart für das Geschäft mit dem Tod ganz neue Modelle.

Von Daniel Anthes (06/2016)

"Der Trend geht zu individuellen Bestattungen oder Billigangeboten", so fasst Dominic Akyel die Ergebnisse seiner Studie zusammen. Zusammen mit dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung untersuchte Akyel den deutschen Bestattungsmarkt als Exempel für einen Paradigmenwechsel von Ökonomie und Moral. Die Erkenntnis: Das klassische Begräbnis liegt im Sterben.

Und in der Tat: Aufgrund von zunehmender Säkularisierung, Enttraditionalisierung, Individualisierung, Neoliberalisierung und Ökonomisierung wandelt sich der lange Zeit unveränderte, ja quasi durchritualisierte Bestattungsmarkt derzeit so stark wie nie zuvor. Die Umwälzungen haben dazu geführt, dass seit den 1990er-Jahren der Jahresumsatz pro Bestattungsunternehmen in Deutschland um rund ein Viertel zurückgegangen ist. Insbesondere die alteingesessenen, wenig spezialisierten Institute in den Großstädten leiden unter dem gestiegenen Wettbewerb mit seinen neuen Produkten und innovativen Geschäftsmodellen.


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Vieles, was früher noch streng tabuisiert war, wird heute zunehmend salonfähiger: das Schalten von Werbung, Preisvergleiche mit Kostenvoranschlägen, das Erwirtschaften von Gewinn. Eventmarketing, Posterkampagnen und Rabattaktionen stehen kaum noch im Widerspruch zu Pietätsgefühlen. Der Wertewandel eröffnet damit auch aus wirtschaftlicher Sicht ganz neue Möglichkeiten.

In globalisierten Zeiten ist ein Grabstein "Made in India" keine Seltenheit mehr. Immer mehr neue Player mit aggressiver Niedrigpreispolitik verderben den etalbierten Unternehmen die einst "todsicheren" Geschäfte. So findet sich im Angebotskatalog statt einem schlichten Sarg aus Holz ein individualisierter Zellulose-Sarg mit Farbmotiv. Und für jene, die sich im Hinblick auf ihre Bestattung nicht entscheiden können, gibt es zum besseren Kennenlernen eine Kaffeefahrt ins Krematorium.

"Der Tod ist ein Problem der Lebenden", formulierte es einst der Soziologe Norbert Elias. Denn neben der geistig-emotionalen Dimension mit Abschied, Trauer, Verlust und Angst sehen sich die Hinterbliebenen auch mit der materiellen Dimension des Todes konfrontiert: der Ver- und Entsorgung des Leichnams. Die Veränderung traditioneller Wertebilder führt dazu, dass neben der Globalisierung auch der Megatrend Neo-Ökologie zunehmend eine Rolle im Geschäft mit dem Tod spielt.

So werden mittlerweile fast regelmäßig neue, umweltfreundlichere Bestattungsmethoden vorgestellt. Bestattungswäsche aus Naturfasern, Särge aus Wellpappe oder Bambus und Urnen aus Kartoffelstärke sind dabei nur der Anfang. Noch 2016 soll der Infinity Burial Suit auf den Markt kommen: ein Pilz-Beerdigungsanzug, der die im Körper vorhandenen Schadstoffe (Konservierungsstoffe, Pestizide und Schwermetalle) zersetzt und säubert.

Heiß diskutiert wird auch die in Schweden entwickelte Promession-Methode. Hierbei wird der tote Körper heruntergekühlt und schließlich bei -196 Grad Celsius schockgefroren, um dann brüchig wie Glas durch Vibration zu einem Granulat zu werden. Wer möchte, kann dann das organische, geruchsfreie Pulver in einer kompostierbaren Urne oder mit der Saat eines Baumes beerdigen lassen.

Noch radikaler geht es bei dem erstmals in den USA erprobten Verfahren namens Resomation (alkalische Hydrolyse) zu: Wie bei der Tierkörperbeseitigung wird der Leichnam mittels Lauge in einem Hochdruckbehälter zersetzt. Übrig bleiben nur noch die Knochen als Bioasche und eine organische Lösung, die angeblich bedenkenlos ins Abwasser geschüttet oder zur Düngung verwendet werden können.

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