Das Gesundheitssystem der Silver Society

Im Zeichen des demografischen Wandels ändert sich unser Bild vom Alter(n) – und die Altersmedizin avanciert zum zentralen Gesundheitsplayer.

Von Prof. Dr. Andreas Klein (06/2016)

Moderne Gesellschaften befinden sich in einem grundlegenden demografischen Wandel: Die Rede von der „Überalterung der Gesellschaft“ erweckt bereits bei deren Erwähnung negative Assoziationen: Der Anteil der Älteren in der Bevölkerung steigt sukzessive, die Jungen haben scheinbar das Nachsehen und wie diese Entwicklung künftig finanziert werden soll, ist noch völlig offen. Hinzu kommt, dass sich älter werdende Menschen zunehmend von überlieferten Rollenbildern distanzieren, ihre Selbstbestimmung aktiv in die Hand nehmen und nach neuen Wegen der Selbstverwirklichung Ausschau halten, zu denen sie häufig auch das nötige Kleingeld mitbringen.

Dementsprechend werden sich gesellschaftlich neue Begriffe etablieren (müssen), um diesen Veränderungen adäquat Rechnung zu tragen. Denn die traditionellen Worthülsen wecken ganz bestimmte, weitgehend negative Assoziationen im Kopf, denen aber immer mehr die Identifikation verweigert wird. Kurz: Es geht um eine Neubewertung des Alter(n)s, bei der die positiven Gesichtspunkte herausgehoben werden und womöglich überhaupt der Begriff des Alters allmählich zum Relikt mutiert. Denn Begriffe sind menschliche Konstrukte und folglich verhandelbar.

Für das Gesundheitswesen ergeben sich durch diese Verschiebungen zahlreiche Konsequenzen. Die sogenannte Altersmedizin wird schon durch die Anzahl der Betroffenen allmählich zu einem zentralen Player im Gesundheitswesen. Neben den vielfältigen Entwicklungen im Gesundheitsbereich – Self-Tracking, Gesundheits-Apps, Robotik, das sich wandelnde Verständnis von Gesundheit und Krankheit – wird vor allem die Gesundheitstelematik relevant: die vielschichtige zeit- und ortsunabhängige Nutzung moderner Kommunikation- und Interventionsoptionen im Health Sektor.

Telemedizin eröffnet ganz neue Möglichkeiten, Menschen länger in ihrem vertrauten Lebenskontext zu belassen und ihr selbstbestimmtes Leben mit technologischer Hilfe zu unterstützen. Auch werden Menschen künftig fernab von Gesundheitseinrichtungen medizinische Versorgung in Anspruch nehmen können. „Best point of Practice“ und „Best point of Service“ bedeuten dann: die Medizinversorgung kommt zum Menschen – und nicht umgekehrt.

Generell könnte sich die Altersmedizin als medizinischer Taktgeber etablieren. Weil ihr Klientel multiperspektivisch betreut werden muss, integriert sie seit jeher zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen. Diese Interdisziplinarität wird künftig durch die stärkere Integration technologischer Unterstützungsoptionen noch weiter gesteigert werden. Auch die medizinische Genetik steht vor neuen Durchbrüchen durch Gen-Editing und Gen-Doping, was wiederum Gesundheit bis ins hohe Alter erwarten lässt. Damit ergibt sich eine Methodenvielfalt, die sich an den jeweiligen Bedürfnissen ausrichtet und die Altersmedizin als zentralen Gesundheitsplayer positioniert. „Ganzheitlichkeit“ könnte gerade hier gelebte Realität werden. Dazu müssen jedoch Berührungsängste mit Gesundheitsberufen abgebaut werden, da sie künftig mit vielen anderen Berufszweigen, etwa Ingenieuren oder Programmierern, verknüpft werden.

Vor allem den Pflegeberufen wird in Zukunft eine zentrale Bedeutung zukommen. Der Bedarf an professionell geschulter Pflege wird aufgrund der demografischen Entwicklung deutlich steigen, wenngleich sich auch hier das Berufsbild verändern wird. Denn die Pflegebranche wird durch technologische Neuerungen wie assistive Pflegeroboter, Zunahme an Sensorüberwachung, Telemedizin usw. zu Modifikationen ihres Aufgabenprofils gezwungen. Hier wäre wünschenswert, insbesondere in kommunikative und psychosoziale Kompetenzen zu investieren. Durch die Fokussierung auf ein selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter hinein in vertrauter Umgebung wird zudem die mobile bzw. ambulante Pflege an Bedeutung zunehmen.

Damit ergibt sich fast zwangsläufig ein neuer Trend des Zusammenlebens, der international bereits sichtbar wird, nämlich das sogenannte Home-Sharing: Menschen öffnen ihr Eigenheim für andere Personen als Mitbewohner, um so in einen kooperativen und kommunikativen Austausch zu treten – und nebenbei die Alterseinsamkeit zu überwinden. Dies schafft Bedingungen für ein verdichtetes Netz an Gesundheitsversorgung und wechselseitiger Unterstützung.


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Die zu erwartenden Veränderungen bedingen ein Umdenken im Blick auf die jeweiligen beruflichen Kompetenzen und Fähigkeiten. Berufsbilder und Aufgabenprofile müssen an die aktuellen Bedingungen adaptiert werden, was Offenheit für Veränderung als Selbstverständlichkeit voraussetzt. Flexibilität, Mobilität und Virtualität werden für viele Berufsfelder im Gesundheitsbereich grundlegend, bedeutet aber vor allem auch Flexibilität und Mobilität hinsichtlich der eigenen Vorstellungen und Gewohnheiten. Das betrifft auch die organisatorisch-strukturelle Ebene, wo es gilt, herkömmliche Grenzen neu zu justieren. So muss der gesamte Bereich der Prävention und Vorsorge auf die frühzeitige Förderung einer gesundheitskonformen und eigenverantwortlichen Lebensführung ausgerichtet werden. Und auch die Politik muss bereit sein, überkommene Denkgewohnheiten proaktiv zu durchbrechen.

Die demografischen Verschiebungen und die neue Selbstbestimmung bis ins hohe Alter hinein sowie die damit verbundenen Sinnbezüge erzeugen neue Anspruchsmentalitäten, denen künftig Rechnung zu tragen ist. Der gut informierte Patient, der im Mittelpunkt des Gesundheitssystems stehen möchte und nicht mehr nur abhängig von externen Vorgaben sein will, nötigt zum Umdenken auf beruflicher und politischer Ebene. Dabei bringt diese Mentalität nicht einfach nur einen Altersegoismus hervor, sondern orientiert sich an zentralen Werten wie Gesundheit, Vitalität, Weisheit und Achtsamkeit.

Gerade der Trend zur Achtsamkeit, der allmählich zu einem Megatrend anwächst, führt auch zur Forderung der umsichtigen Achtsamkeit gegenüber dem alternden Menschen. Gesellschaftlich ist es längst überfällig, das Alter nicht primär als (negativ konnotierte) letzte Stufe des Lebens zu betrachten, sondern als dessen reife Gestalt und Frucht. Dann erst kann sich auch eine Gelassenheit im Altwerden entwickeln, die ihr Heil nicht in einer zwanghaften Verjüngungskur erblickt, sondern in der Annahme des Lebens auf jeder Stufe.

Über den Autor

Prof. Dr. Andreas Klein ist Universitätslektor und Privatdozent für Systematische Theologie an der Universität Wien. Außerdem arbeitet er im Bereich Ethikbegleitung bei Hartinger-Klein Consulting, einer unabhängigen Unternehmensberatung im Gesundheitswesen.

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