„Das Spektrum des Politischen erweitert sich“

Medienwissenschaftler Prof. Andreas Dörner über politisches Selbstdarstellertum und die Veränderungen der parlamentarischen Demokratie.

Interview mit Prof. Andreas Dörner

Trend Update: Herr Professor Dörner, sind Politiker Schauspieler?
Prof. Andreas Dörner:
Politiker müssen immer auch Schauspieler sein, das gilt im Grunde schon seit den Anfängen von Gesellschaft und Politik. Wenn Entscheidungen getroffen sind, wenn die Unterstützung des Volkes gebraucht wird, dann muss der politisch gemeinte Sinn immer auch über die Person des Politikers sinnfällig dargestellt werden. Daher nahm und nimmt die Inszenierung der Akteure schon immer einen großen Raum ein, von den antiken Redekünstlern über die mittelalterlichen Herrscheradvente bis zu den großen Masseninszenierungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Ein Problem entsteht eigentlich immer erst da, wo das Schauspielerische die anderen Kompetenzen überdeckt oder gar vollständig ersetzt.

Wird besessenes Selbstdarstellertum in Zukunft Voraussetzung für politischen Erfolg sein?
Zunächst einmal: Selbstdarstellung ist wichtig, denn die meisten Wähler interessieren sich heute kaum noch für Wahlprogramme, und die traditionellen Bindungen von Stammwählern an bestimmte Parteien oder Lager lösen sich zunehmend auf. In dieser Situation orientieren sich viele Bürger an der Person und Persönlichkeit der Politiker. Wer die Wähler erreichen und dabei sympathisch rüberkommen will, der muss auch Facetten seines Selbst darstellen, die über die klassische Funktionsrolle des Politikers hinausgehen: den Gatten und Familienvater, den Sportler oder Fußballfan, den Bergsteiger oder Musiker. Allerdings hat das Publikum sehr feine Antennen dafür, ob jemand authentisch erscheint.

Wie viel Ehrgeiz wird verziehen?
Wir leben in einer sehr leistungsorientierten Gesellschaft. In einer solchen Gesellschaft stellt Ehrgeiz eine weithin anerkannte Tugend dar, er gilt als Voraussetzung für nachhaltigen Erfolg. Er darf nur nicht zum Selbstzweck im Sinne persönlicher Karriereplanung verkommen. Wenn die Wähler den Eindruck bekommen, da strengt sich jemand nur für sein eigenes Fortkommen an und der Egoismus beeinträchtigt die politische Sache, dann wird das nicht mehr verziehen, und die Zustimmung erodiert.

Ein prominenter Fall einer medialen Inszenierung waren die „Pool-Fotos“ von Rudolf Scharping im Jahr 2001. Was hat Scharping damals falsch gemacht?
Der Fall Scharping zeigt, dass ungeschickte Versuche, ein positives Image aufzubauen, in Unglaubwürdigkeit und Machtverlust enden. Der Bruch zwischen Scharping, dem drögen Aktenfresser, und Scharping, dem fröhlich planschenden Liebhaber, war zu radikal, als dass er als Bestandteil einer stimmigen Biografie hätte abgekauft werden können. Zudem war das Timing richtig schlecht. Die Bilder in der „Bunten“, die den Minister so ausgelassen zeigten, erschienen just zu dem Zeitpunkt, als deutsche Soldaten in den Kosovo geschickt wurden und viele Mütter Angst um ihre Söhne hatten. Den verantwortlichen Minister dann so fröhlich zu sehen, musste vielen geradezu als Hohn erscheinen. Vieles spricht dafür, dass Scharping hier schlecht oder gar nicht beraten wurde.

Sind die Menschen in Deutschland politikverdrossen? Erleben wir gerade das Ende der parlamentarischen Demokratie?
Ich glaube, der Begriff der Politikverdrossenheit ist zu unpräzise, um die komplizierte Gemengelage erfassen zu können. Einerseits stellen wir fest, dass viele mit der etablierten Politik unzufrieden sind. Dennoch kann man kaum von einer systemgefährdenden Verdrossenheit sprechen, zumal sich das politische Interesse eher verlagert als verliert. Viele, nicht nur junge Bürger finden zunehmend einen Gefallen an zivilgesellschaftlichen Formen der politischen Aktivität, von der Sitzblockade bis zum Flashmob, von der Bürgerinitiative bis zum politischen Blog im Internet. Das klassische Spektrum des Politischen erweitert sich, und viele haben hier wieder großen Spaß an politischen Inhalten und Beteiligungsformen gefunden. Insofern gibt es kein Ende, sondern eine Veränderung der parlamentarischen Demokratie.

Liegt das auch daran, dass etablierte Politik langweilig geworden ist?
Politik ist vielleicht insofern langweiliger geworden, als Spielräume enger werden und die traditionell größeren Unterschiede im parteipolitischen Spektrum zunehmend verblassen. Den Akteuren werden oft die Ecken und Kanten ausgetrieben aus der Angst heraus, sie könnten nicht mehrheitsfähig sein. Das ließ sich sehr gut im Wahlkampf von Peer Steinbrück beobachten. Auf der anderen Seite gibt es auch neue Trends gegen die Langeweile, beispielsweise Formen politischer Satire wie die „heute show“, „Extra3" oder „Neo Magazin Royale“. Das sind politische Formate, an denen vor allem auch jüngere Bürger Spaß haben. Talentierte Politiker können hier mit Humor und Selbstironie punkten und sogar erhellende Einsichten aussprechen, die im ernsthaften Diskurs sofort abgestraft würden.

Das Interview führte Cornelia Kelber.

Andreas Dörner ist Professor für Medienwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Seit vielen Jahren forscht und publiziert er zum Thema Mediendemokratie. Bereits 2001 erschien sein Buch „Politainment. Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft“.

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