Dealing with Reality

Warum erleben wir den demografischen Wandel und den Flüchtlingszustrom als „Krisen“? Weil das Denken und das Handeln den Umweltveränderungen stets hinterherhinken.

Von Verena Muntschick (06/2016)

Die Story ist immer dieselbe: Eine Gesellschaft wird mit einem veränderten Status quo konfrontiert, der ein Anpassen der Systeme einfordert. So stellt der Flüchtlingszustrom das Integrations- und Sozialhilfesystem in Deutschland auf die Probe, der demografische Wandel bringt die bisherigen Renten- und Krankenkassensysteme an ihre Grenzen. Die Reaktion: Überforderung, die Angst, nicht mehr zurechtzukommen, gefühlter Kontrollverlust – und dann folgt die Krise.

Krisen sind gut ausgeschmückte Erzählungen von denen, die mit einer neuen Situation nicht zurechtkommen. Von Menschen, die nicht einverstanden sind mit einer Realität, die nicht (mehr) ihrem inneren Bild, ihrem "So soll es sein" entspricht. Mentale Bilder von der Realität werden zu erstarrten Wunschbildern, von denen sich die Wirklichkeit – eine alternde Bevölkerung und eine anhaltende Zuwanderung – immer weiter fortbewegt.

Die Erfahrung der Krise ist letztlich eine menschliche Emotion der Abwehr, die dann "objektiv" wird, wenn nicht nur einzelne Menschen und ihre mentalen Bilder, sondern ganze Gesellschaftssysteme von der ungewollten Veränderung betroffen sind. Krise der Sozialsysteme, der Wirtschaft, des Staates, der Kultur: Je mehr vermeintlich auf dem Spiel steht, desto besser. Und je mehr Menschen der Erzählung zustimmen, desto realer wird die Perspektive einer plötzlich krisenhaften, defizitären Realität, die in allen Tagesmedien reproduziert wird. Genau das gilt auch für die “Krise” der alternden Gesellschaft.

Wer die Geschichte einer Krise erzählt, lagert sein inneres Problem aus: "Ich bin nicht einverstanden, aber das Problem liegt nicht bei mir (bzw. bei den bestehenden Systemen), sondern in dem, was die Veränderung verursacht." Mit so einer Aussage lässt sich besser glücklich werden. Wir sehen das in den thematisch austauschbaren Debatten um die "demografische Krise” oder die "Flüchtlingskrise”: Die bisherigen Regulatoren sind gesprengt, bekannte Problemlösungsstrategien versagen, die Systeme funktionieren nicht mehr (weil sie nicht für die veränderte Realität gemacht sind) – also wird eine Krise ausgerufen, die zu Erstarrung und Abwehr führt. Schuld an der Krise sind immer "die anderen": die Alten, die Flüchtlinge – alle, die man aktuell nicht zum "Wir" dazugehörig empfindet und am liebsten gar nicht (wahr)haben will.

Auf diese Weise wird eine Geschichte erzählt von einem "Vorher", in der man mit allem einverstanden war, vom "Früher war alles besser". Die Erinnerung an diese idealisierte Vergangenheit wird entsprechend angepasst, das "Zurück" wird zur einzig vorstellbaren Richtung, in die man sich bewegen kann. Manche Krisengeschichten enden hier und wiederholen sich bis ins Unendliche, während die Wirklichkeit ihren eigenen Verlauf nimmt.

Doch wer gute Geschichten erzählen will, sollte die gute Pointe am Ende nicht auslassen: Zur Storyline der Krise gehört immer auch ein "Nachher" – der Ausgang aus der Krise. In der Literatur wurden Anfang des 20. Jahrhunderts von Rilke über Nietzsche bis hin zu Kafka Geschichten über die Krise der Sprache erzählt – schlichtweg, weil man darüber reden wollte, wie man die damals neue, überfordernde Moderne literarisch zu fassen kriegen könne. Manche Literaten hatten es aber mit der Erzählung der Krise direkt auf das "Nachher" abgesehen: Eine Krisengeschichte eröffnet die Chance, einer neuen Sichtweise auf die Welt eine Daseinsberechtigung zu geben. Wer von einer Krise erzählt und dann auch noch direkt eine Lösung in der Hand hält, der wird gehört. Garantiert.


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Wie könnte eine solche Story zum demografischen Wandel aussehen? Es ist kein Zufall, dass gerade heute die Debatten um Grundeinkommen, Lebensarbeitszeitkonten und andere neue Arbeitskonzepte intensiver denn je geführt werden – und zwar in engem Zusammenhang mit dem Thema der überforderten Rentensysteme. Diejenigen, die einen Wandel der Arbeitskultur vorantreiben wollen, nutzen die Bereitschaft zur Krisenempfindung in der Gesellschaft, die im Bezug auf den Altersstrukturwandel herrscht, um ihre Forderungen noch einmal vor einem neuen Argumentationshintergrund zu platzieren – und so mit einer neuen Dringlichkeit zu überzeugen.

Es ist aber auch möglich, ohne solche Krisengeschichten und die sie begleitende Erregungskultur auszukommen. Für die Betrachtung unserer heutigen "Krisen” bedeutet das: sich auf den Perspektivwechsel einzulassen und Veränderungen, etwa im Gesellschaftsgefüge, als Grundbedingungen, als natürlichen Teil der Realität zu verstehen – und nicht als etwas, was sich daneben abspielt oder als dunkler Schleier darüber legt. Realität passiert, sie ist fluide und ständig in Bewegung. Nur unsere Bilder im Kopf sind starr und machen unser Denken und Handeln träge.

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