Der Spagat der Sozialunternehmer

Im Spannungsfeld zwischen dem Verfolgen einer großen Vision und dem täglichen Kampf ums Überleben: ein Erfahrungsbericht.

Von Andreas Heinecke (06/2017)

Pexels / Startup Stock Photos / CC0

Ich bin Sozialunternehmer. Der erste in Deutschland, der ein brennendes soziales Problem mit innovativem Unternehmertum und dem Verständnis von Marktmechanismen gelöst hat – wenn man Ashoka glauben möchte, dem weltweit führenden Netzwerk zur Förderung von sozialen Unternehmern. Das schmeichelt natürlich der Eitelkeit, entbehrt aber jeglicher Grundlage, wenn man an Friedrich Wilhelm Raiffeisen (Erfinder der Mikrokredite), Friedrich von Bodelschwingh (Begründer des Sozialkonzerns Bethel) oder Maria Montessori (Gründerin von Horten und Schulen für behinderte Kinder) denkt.

Seit fast 30 Jahren vollführe ich einen Spagat zwischen sozialer Mission und freiem Unternehmertum, bin verantwortlich für mehr als 100 Menschen und muss einige Millionen generieren, um am Leben zu bleiben. Dabei baue ich nicht auf Spenden, da diese sich in den Vergabeprozessen als äußerst unberechenbar erweisen. Auch öffentliche Mittel stehen uns kaum zur Verfügung, sodass mir nur die Eigenertragskraft bleibt, um meinen sozialen Auftrag zu erfüllen. Mein Modell hat sich bewiesen, wird vielfach kopiert und läuft inzwischen auch in anderen Ländern. Tausende blinde Menschen fanden durch mein Unternehmen Anerkennung und Einkommen und Millionen haben meine Ausstellungen besucht, in der es nichts zu sehen, aber sehr viel zu erleben gibt. „Dialog im Dunkeln“ heißt das Ganze und klingt nach einer Erfolgsgeschichte. Ist es auch, aber es wäre keine allzu große Herausforderung, die Story als fortlaufendes Pleiten-Pech-und-Pannen-Szenario zu beschreiben.

Ich kenne die Achterbahn der Hochgefühle und Niedergeschlagenheit, die Spannung zwischen Erwartungen und Realitäten, den täglichen Druck wegen zu geringer Einnahmen und notwendigen Ausgaben, die Kluft zwischen Theorie und Praxis, den Konflikt zwischen Gemeinwohl und Eigennutz, Sozialauftrag und Wirtschaftlichkeit. Mittlerweile habe ich gelernt, Erfolge nicht mehr überzubewerten und Preise und Auszeichnungen als schnell welkendes Laub zu erkennen, von dem man am Ende des Tages auch nicht leben kann. Den ständigen Krisen begegne ich mit Gelassenheit und unerschütterlichem Optimismus.

Als Sozialunternehmer lernt man schnell, sich anzupassen, umzudenken und das Gleiche in völlig unterschiedlichen Kontexten zu tun. Aber auch das hilft einem nicht aus der Sinn- und Systemkrise, wie das Beispiel Muhammad Yunus belegt: Wer den Mitbegründer des Mikrofinanz-Prinzips kennt, weiß, dass auch er ständig in der Brandung lebt und Gefahr läuft, dass sein Schiff der Mikrokredite auf Grund läuft. Die berechtigte Frage steht im Raum, warum man sich das antut, warum man sich ausbeutet, seine Freunde und Familie vernachlässigt, von seinen Mitarbeitern den doppelten Einsatz bei halber Bezahlung fordert – und sehr gut weiß, dass trotz aller Hingabe nur ein Mikrobeitrag für die Makrosorgen unserer Zeit geleistet werden kann.

Ungefähr 4.000 Menschen weltweit haben sich dem sozialen Unternehmertum verschrieben. In Deutschland bilden laut einer Studie der Mercator Stiftung 244 Individuen die Keimzelle dieser neuen Bewegung. Sie zeichnen sich durch die Haltung aus, dass am Ende immer die Menschen zählen, nicht die Moneten. Soziale Unternehmer sind nicht von dem ökonomischen Ideal der Profitmaximierung getrieben, sondern wollen vor allem eine soziale Wirkung erzielen. Diese doppelte Identität auszufüllen und nicht zwischen den Mahlsteinen widerstreitender Interessen zerrieben zu werden, ist ein hehres Ziel.

Unabhängig von den Ansätzen zur Lösung sozialer Probleme und den persönlichen Motiven der Macher jedoch hat sich in den vergangenen Jahren eine Basis gebildet, die weit über die Bedeutung von Sozialunternehmen hinausgeht. Spätestens durch die Finanzkrise wurde deutlich, dass die Handlungsmuster und Wirkungskreise des Kapitalismus auf dem Prüfstand stehen. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos diagnostizierte Klaus Schwab, Präsident des Weltwirtschaftsforums, dass der Kapitalismus einen Burn-out hat. Michael Porter, einer der führenden Management-Vordenker, fordert die Neuerfindung des Kapitalismus und propagiert das Prinzip des Shared Values, um Unternehmen einen neuen Sinn zu geben und Wachstumschancen zu nutzen, die auch benachteiligte Gruppen berücksichtigen.

Das Shared-Value-Prinzip hat nichts zu tun mit der sozialen Verantwortung, die Firmen übernehmen, um in einem bestimmten Bereich „Gutes zu tun“. Die „Corporate Social Responsibility“ ist meist vom Kerngeschäft eines Unternehmens getrennt und verfügt im Verhältnis zur Kapitalkraft der Organisation nur über sehr kleine Budgets. Der Shared-Value-Gedanke geht hier wesentlich weiter: Er rückt sozial-verantwortliches Handeln von der Peripherie ins Zentrum und will das, was Sozialunternehmer im Kleinen tun, zum generellen Wirtschaftsprinzip erheben.

Mehr als 800 Universitäten und Business-Schulen beschäftigen sich weltweit mit dieser Frage und haben in den Vorläufern dieser Bewegung – den Sozialunternehmern – einen idealen Untersuchungsgegenstand, um ein Manual für werteorientiertes, sozial verantwortliches und nachhaltigen Wirtschaften zu entwickeln. In Deutschland entsteht eine Infrastruktur mit Forschungseinrichtungen, Kompetenzzentren und auch öffentlichen Finanzierungsmodellen. Politische Rahmenbedingungen verändern sich und lösen die Grenze zwischen for-profit und not-for-profit auf: Kommerzielle Firmen und gemeinnützige Einrichtungen bilden hybride Strukturen, um in dieser Umbruchszeit Erfahrungen zu sammeln, wie Unternehmen zu gleichen Teilen sozial wirksam und ökonomisch erfolgreich sein können. Studenten an privaten Wirtschaftsuniversitäten wie der EBS in Wiesbaden oder Hochschulen in München, Bremen, Heidelberg oder Berlin lernen mehr über Social Business und erweitern ihr Bild von der Rolle von Unternehmen in der Wirtschaft.

Es entstehen Leitlinien für eine verantwortungsvolle Unternehmensführung, die weit über eine laue Ethik-Debatte hinausgehen. Eine neue DNA des Wirtschaftslebens entsteht: Sie wird die Polarität von Eigennutz und Gemeinwohl auflösen. Der reine Shareholder-Value und die Profitmaximierung um jeden Preis sind überholte Konzepte, die sich den veränderten Rahmenbedingungen anpassen müssen.

All das wird nicht von heute auf morgen passieren. Soziales Unternehmertum steht am Anfang und testet unter Echtzeitbedingungen, wie ein neuer Kapitalismus zu gestalten ist. Soziale Unternehmer sind Innovatoren. Sie haben den Mut, die Risikobereitschaft, den Einfallsreichtum und bilden übergreifende Partnerschaften, um Lösungen für sozialen Wandel zu erarbeiten.

Dieser Spagat zwischen dem täglichen Überlebenskampf und der Verfolgung einer großen Vision bestimmt die Seelenlandschaft von Sozialunternehmern. Sie sind wahre Überzeugungstäter und können sich nicht damit abfinden, dass es so viel Ungerechtigkeit auf diesem Planeten gibt. Hierzu einen Beitrag zu leisten, ist eine erfüllende Lebensaufgabe. Es liegt immer an einem selber, inwieweit man sich mit scheinbaren Realitäten abfinden möchte oder sich engagiert. Damit verändert man nicht gleich die Welt – aber man leistet einen wichtigen Beitrag, um sie zumindest ein bisschen besser zu machen.

Über den Autor

Andreas Heinecke ist erfolgreicher Social Entrepreneur und hat u.a. den Dialog im Dunkeln begründet. Er wurde 2005 von Ashoka als der erster Social Entrepreneur in Deutschland und Westeuropa ausgezeichnet. 2007 wurde er als Global Fellow von der Schwab Foundation of Social Entrepreneurship des Word Economic Forums ausgewählt. Andreas studierte Geschichte und Literatur, promovierte in Philosophie und lehrt als Honorarprofessor Social Business an der European Business School in Wiesbaden und an anderen internationalen Hochschulen.

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