Die empathische(re) Gesellschaft

Matthias Horx über die kollektive Flüchtlings-Sympathie als Symptom eines tiefgreifenden Wandels: Der Megatrend Individualisierung entwickelt sich in Richtung einer neuen Wir-Kultur.

Archaische Sympathie für Fremde

Jetzt machen wir alle plötzlich diese Erfahrungen einer seltsam archaischen, anarchischen Sympathie, die sich auf FREMDE bezieht. Etwas scheint zu kippen in der deutschen Gesellschaft. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sprach der britische Politikwissenschaftler Anthony Glees neulich vom “Hippiestaat Deutschland”. Was er meinte, war die plötzliche Überbetonung des Emotionalen, die “offensichtlich fast die ganze deutsche Gesellschaft wie ein Virus befallen hat”. Das Beschenken und Begrüßen von Flüchtlingen, das plötzliche Herzlichsein, all das nahm Glees als Beweis für eine tiefe teutonische Verwirrung, ein Verstandverlieren, das die Regeln Europas außer Kraft setzt. Ist das nicht eine unverantwortliche EINLADUNG zu NOCH mehr IMMIGRATION aus den Krisen- und Armutsgebieten der Welt? So argumentieren die rationalen Skeptiker. Ist die empathische Gesellschaft irgendwie auch eine “irre” Gesellschaft?

Im Zukunftsinstitut verfolgen wir diese Entwicklung der Empathie und ihrer verschiedenen Erscheinungsformen schon seit Langem. Denn eine der meistgestellten Fragen an Trend- und Zukunftsforscher lautet: WERDEN DIE MENSCHEN NICHT IMMERZU EGOISTISCHER – muss die Gesellschaft angesichts all der narzisstischen, hedonistischen Ist die empathische Gesellschaft irgendwie auch eine “irre” Gesellschaft? Trends irgendwann zerbröseln wie ein alter Käsekuchen?  

Die Dominanz des MEGATRENDS INDIVIDUALISIERUNG scheint das zu bestätigen. Kein Zweifel: So viel ICH wie heute war nie. Deutschland ist eine HEDONISTISCHE  Gesellschaft. “Das Leben genießen” wollen heute mehr als 80 Prozent der Deutschen. Vor wenigen Jahrzehnten noch ging es in der Wertepyramide ganz oben um Dinge wie Pflichterfüllung, Leistung und den “höheren Sinn” des Religiösen. Toleranz – siehe die neue Offenheit gegenüber Homosexualität – ist inzwischen ein Kernwert. 70 Prozent wollen ihre Kinder zu “mehr Eigenheit und Eigensinn” erziehen. Autonomie ist wichtiger als Treue. “Spaß haben” zählt mehr als “Verantwortung tragen”.

Die Rekursion der Individualität

Ist das also der vielzitierte “Werteverfall”? Ist Individualismus, wie das immer wieder behauptet wird, synonym zu EGOISMUS? Wenn man die Hass- und Nörgel-Shitstorm-Kultur im Internet beobachtet, kann man den Eindruck gewinnen, hier säßen nur noch geistige Monaden zuhause an den Bildschirmen und feuerten unentwegt Misstrauens-, Angst- und Einsamkeits-Signale gegeneinander ab. Aber das ist eben nur eine selektive Wahrnehmung. In Wirklichkeit befindet sich der Individualitäts-Trend mitten in einer REKURSION. Nach der Regel TREND-GEGENTREND-SYNTHESE entsteht heute eine soziale Struktur von RE-KONNEKTIVITÄT – wobei praktisch kein Lebens- und Wirtschaftsbereich ausgeschlossen bleibt.

Man denke an die unzähligen Initiativen des Urban Gardening in jeder großen Stadt, wo sich Menschen über den “Grünen Daumen” die Hand geben. Man denke an das Coworking und Co-Housing – die neuen Bau-Genossenschaften, die heute autonome Siedlungsprojekte zu bauen beginnen, in denen das Ökologische mit dem Sozialen re-kombiniert wird. Man denke an die positiven Beispiele der SHARING ECONOMY – dort, wo sie noch nicht zum globalen Kapital-Spiel à la Uber verkommen ist. Und jetzt eben die neue Flüchtlings-Empathie – ein Beispiel für das, was wir HEDONISTISCHEN TRIBALISMUS oder EMPATHISCHEN INDIVIDUALISMUS nennen: gerade eigenständige Menschen sind soziale Wesen, und zur Selbstverwirklichung gehört immer der Andere. 

Im Wald vor meiner Haustür, wo ich immer mit dem Hund spazieren gehe, ist auf einer kleinen Holzbrücke ein Zitat von Isaac Newton eingeschnitzt: “Die Menschen bauen zu viele Mauern und zu wenig Brücken.” Der Oldenburger Fußball-Fan-Club hat die Initiative "VfB für alle" gegründet, der Rassismus und Homophobie im Stadion bekämpft und sich für Flüchtlinge einsetzt. Aus Millionen solcher Beispiele praktischer, anarchischer EMPATHIE lässt sich die “Landkarte des Wir” zeichnen, die in der Zukunftsinstituts-Studie “Die neue Wir-Kultur” vor einem Jahr erschien. Es lohnt sich, ein wenig in diesem Empathie-Dschungel spazieren zu gehen.

Infografik: Ksenia Pogorelova

Mehr über die Potenziale der empathischen Gesellschaft lesen Sie ab 15. September im Trend Update. Im Fokusthema “Next Economy” erkunden wir dort auch die “Landkarte des Wir” und bieten Ihnen die Infografik als Pdf-Download an.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend Individualisierung

Megatrend Individualisierung

Unsere Biografien verlaufen heute entlang neuer Brüche, Umwege und Neuanfänge. Sie sind viel mehr zu „Multigrafien“ geworden. In einer Gesellschaft, die uns immer mehr individuelle Freiheiten gibt, uns aber auch immer stärker unter Entscheidungsdruck setzt, verändern sich Werte – und mit ihnen ändert sich die Wirtschaft, in der DIY-Kultur und Nischenmärkte entstehen.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.