Die Landkarte des Wir

Die Welt hat sich vernetzt, die Komplexität steigt – und das Wir erlebt eine neue Konjunktur. Wir kooperieren, kollaborieren und arbeiten in vielen Bereichen des Lebens neu und anders zusammen. Im Privaten ebenso wie in Unternehmen. Doch die „Wirs“, die daraus entstehen, nehmen äußerst unterschiedliche Formen an. Während sich manche nur temporär als lockeres Netz zusammenfinden, formieren sich an anderer Stelle nachhaltige, auf gemeinsame Werte aufgebaute Gemeinschaften.

Ob Soziale Netzwerke, neue Dienstleistungsplattformen, innovative „App-Gemeinschaften“ oder Dauer-Communities – sie alle entstehen in unabhängig voneinander in verschiedensten Ausprägungen, aber oft aus ähnlichen Grund: Wir müssen uns anders organisieren für die Welt von morgen. Als Konsumenten, als Arbeitnehmer und als Menschen auf der Suche nach einem Lebensstil, der zu uns passt. Die Landkarte des Wir sortiert die neuen Gemeinschafts-Phänomene und schafft Orientierung in der gerade neu entstehenden Wir-Kultur.

Die Landkarte des Wir
Infografik: Ksenia Pogorelova

Die Sortierung der Wir-Phänomene erfolgt entlang zwei Achsen. Das individuelle Engagement verorten wir auf der X-Achse. Hier wird unterschieden, wie viel Zeit, Geld und/oder Energie jemand investieren muss, um Teil des jeweiligen Wirs zu sein und dazu zu gehören. Auf der Y-Achse ist der Grad an Vergemeinschaftung abgetragen. Hier wird sichtbar wie wichtig gemeinsame Ziele und geteilte Werte sind. Aus dieser Logik heraus ergeben sich vier Quadranten.

Links unten finden sich typische „Effizienz-Wirs“: Hier kann man Teil eines großen Ganzen sein ohne viel zu investieren; geteilte Werte spielen keine Rolle. Zu den Effizienz-Wirs gehören vor allem die kommerziellen Angebote der Shareconomy wie Leihbars, Kleiderkreisel oder Wohn-Börsen. Wir nennen sie die fruchtbaren Gärten des Teilens, Tauschens und Verteilens. Hier siedeln sich Plattformen wie Couchsurfing, Car2go oder Leihdirwas an. Wer will, loggt sich ein, macht mit – und ist auch unkompliziert wieder draußen, ohne zu einer Gemeinschaft im klassischen Sinn gehört zu haben. Die Eingangspforte zu solchen Communities ist die Bereitwilligkeit den eigenen Besitz zu teilen.

Im Gegensatz dazu steht der Quadrant rechts oben: Hier finden sich „Weltverbesserungs-Wirs“ wie zum Beispiel die Siedlungen der Kollektivisten: Menschen mit gleichen Wertvorstellungen und Zielsetzungen schließen sich zusammen und leben langfristig in Konzepten wie Mehr-Generationen-Häusern zusammen. Gleich nebenan finden sich die Inseln des alternativen Lebens. Damit sind kollektive Lebensformen wie Öko-Dörfer gemeint. In diesen kommt es auf das Engagement jedes Einzelnen an: Man lebt auf der Grundlage gleicher Werte zusammen und teilt ein Ziel, nämlich die Welt aktiv zu gestalten und zu einem besseren Ort zu machen. Weltanschaulich geht es auch auf den Lichtungen der Großzügigkeit zu. Der höchste Wert hier ist Solidarität. In Umsonstläden, Reparaturcafés, öffentlichen Buch- und Kühlschränken lautet die Devise: umsonst und geschenkt – resultierend aus dem Wissen, dass Ressourcen endlich sind und Verschwendung und Überproduktion keine Grundlage für einen nachhaltigen Lebensstil.

Ergänzt werden diese beiden sehr konträren Wir-Quadranten durch „Sympathie-Wirs“ (links oben) und „Optimierungs-Wirs“ (rechts unten). In den Sympathie-Wirs muss man sich nicht allzu viel engagieren, taucht aber trotzdem für eine gewisse Zeit tiefer in die Gemeinschaft ein. Gleichgesinnte vernetzen sich hier zum Beispiel, um sich gemeinsam gesund und fit zu machen und koppeln ihr Leben und ihre Fitness-Erfolge so manches Mal per App aneinander. Bei den Optimierungs-Wirs dagegen ist einiges an Engagement gefordert, aber recht wenig Gemeinsamkeit. Hierzu gehören Open Education Angebote.

Doch egal in welcher Wir-Zone man sich aufhält: Überall experimentieren Menschen damit, ihren Alltag aber auch ihr Berufsleben anders zu gestalten und zu organisieren, flexibel und gemeinsam. Was daraus entsteht sind jede Menge soziale Innovationen – und damit die Basis für die Next Economy.

Die “Landkarte des Wir” stammt aus der Studie “Die neue Wir-Kultur”.

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