Die Macht der “kulturellen Kraftfelder”

Was hält uns im Innersten zusammen? Ein Treffen mit dem Psychologen und Unternehmensberater Prof. Dr. Peter Kruse. Sein Ziel: Orientierung für eine unübersichtliche Welt.

Quelle: Trend Update

Ein eigenes Büro hat Peter Kruse nicht. Er ist lieber da, wo die Projekte sind. Seit rund 15 Jahren ist er mit seiner Beratungsfirma nextpractice auf der Suche nach den Mustern, die unsere Zukunft bestimmen. Mit seinem 50-köpfigen Team fühlt er Unternehmensbelegschaften, Konsumenten oder auch einmal einer ganzen Gesellschaft den Puls und macht so etwas wie „kulturelle Kraftfelder“ sichtbar. Und er ist ständig unterwegs.

Die Synchronisierung sozialer Gemeinschaften

Auch heute lässt er sich auf dem Weg zum nächsten Kunden nur für einen kurzen Zwischenstopp und ein Glas Tee auf dem tiefen Besprechungssessel im Hotel nieder. Rein äußerlich könnte er die Rolle des Weisen gut besetzen: Der graumelierte volle Bart, die Brille, hinter der äußerst wache Augen hervorblitzen, und seine präzise Ausdrucksweise, mit der er über hochkomplexe Dinge plaudert, wecken Vertrauen. Doch seine ganze Weisheit, so betont er, liegt in einem wissenschaftlich validen, IT-gestützten System zur Datenerfassung und -analyse, das er entwickelt hat. Mit dessen Hilfe befragt er Menschen nicht nur nach ihren persönlichen Einstellungen „Alles, was wir in Zukunft tun, wird durch die kulturellen Dynamiken von heute definiert“ und Meinungen, diese sind zu flüchtig in einer hochvernetzten volatilen Welt. Was er anhand ihrer Antworten stattdessen untersucht, ist nichts weniger als die Kultur, das Unterliegende, das, was die Menschen in ihren sozialen Gemeinschaften synchronisiert. „Alles, was wir in Zukunft tun, wird durch die kulturellen Dynamiken von heute definiert“, sagt er. Lässig lehnt er sich zurück und erklärt in einfachen Worten Hochabstraktes. „Komplexität ist oft eine Frage des Blickwinkels. Wenn man nicht den Einzelnen in den Mittelpunkt stellt, sondern die Kulturmuster, die das individuelle Handeln ordnen, wird vieles leichter.“ Und er lacht, als er sagt, dass er als Psychologe natürlich lange für diesen Perspektivenwechsel gebraucht habe.

Jetzt ist es der Kern seiner Arbeit. „Menschen haben eine unbewusste Fähigkeit, kulturelle Kraftfelder wahrzunehmen und ihr Handeln danach auszurichten“, sagt er und rückt seine Brille zurecht. Seine Interviewpartner sind für ihn heute daher so etwas wie Messpunkte, über die man die Feldkräfte erfassen und zu Kulturmustern verdichten kann. Möglich macht das eine zweistufige Befragung, die individuelle, subjektive Aussagen in einem „Bedeutungsraum“ verankert, der sie vergleichbar macht. Damit bietet nextpractice ein knappes Gut an in einer schwer vorhersagbaren Welt: Orientierung.

“Relevant Data” statt “Big Data”

„Über Vernetzung haben wir die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von nichtlinearen Effekten in der Welt dramatisch erhöht“, erläutert Peter Kruse. „Disruptive Veränderungen und überraschende Sprünge im Systemverhalten nehmen zu – Prognostik jeder Art wird so immer schwieriger.“ Big Data sei dafür keine Lösung. Denn, so fragt er provokativ, warum sollte ein Mehr an Daten das Problem der Nichtlinearität lösen können? Nicht nach „Big Data“ müsse man fragen, Was stabilisiert uns in einer instabilen Welt? sondern nach „Relevant Data“: Welche Ordnungsbildungskräfte erlauben es den Menschen sich trotz unvorhersehbarer Störungen geordnet zu verhalten? Was stabilisiert uns in einer instabilen Welt? Mit seinen kulturellen Kraftfeldern will er genau darauf Antwort geben. Vom Dax-Konzern bis zur NGO wird dieses Angebot gern angenommen. Die Kundenliste ist lang und der Bedarf an Einsichten groß. „Joy of Insight“ lautet daher das Motto von nextpractice.

Ent-Lernen als wesentliche Fähigkeit

Die Freude an der Erkenntnis treibt Peter Kruse aber auch ganz persönlich. „Ich bin immer noch genauso neugierig auf jeden Datensatz wie vor 20 Jahren“, sagt er und schmunzelt. Dass jeder Auftrag ein ergebnisoffener Prozess ist, versucht er seinen Mitarbeitern stets aufs Neue zu vermitteln. „Ich sage meinen Leuten immer, schaut auf die Datenlage, als wenn es das erste Mal ist. Denn wenn sie denken, sie haben so etwas Ähnliches schon gesehen, erschlagen sie das Muster in den Daten mit dem Muster, das in ihren Köpfen ist.“ Ent-Lernen ist deswegen für sein Team eine wesentliche Fähigkeit – auch nach inzwischen weit über 60.000 Interviews.

Kruses Traum von der eigenen Zukunft? Am liebsten würde er noch mehr zu gesamtgesellschaftlichen Prozessen forschen, die großen kulturellen Felder erkunden, aus denen sich das Morgen entwickelt. Und zwar, ohne vorab über festgelegte Fragestellungen schon zu viel hineinzuprojizieren. Doch dazu fehlt ihm momentan eines: Zeit. Seufzend steht er auf. Es geht weiter. Das Taxi wartet schon.

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