Die neue Protestkultur der jungen Wilden

Die Mitgliederzahlen der etablierten Parteien sind seit Jahren rückläufig, das Durchschnittsalter der Mitglieder steigt und steigt – klare Anzeichen für die Politikverdrossenheit der Jugend? Ja und nein.

Von Luisa Bischoff (04/2017)

Pixabay / bones64 / CC0

Erstmals seit Beginn der internationalen Aufzeichnungen von Globescan vor 15 Jahren sahen sich 2016 mehr als die Hälfte der Befragten eher als Weltbürger denn als Staatsbürger. Insbesondere junge Menschen identifizieren sich nicht mehr so stark mit dem Nationalstaat, in dem sie leben. Damit geht einher, dass das Politikgeschehen im eigenen Land weder als besonders relevant noch interessant wahrgenommen wird. Parteipolitik erscheint vielen Jugendlichen heute als undynamisch und verkrustet – und nicht als reale Chance, etwas zu bewegen.

Trotzdem wäre es falsch, von einer pauschalen Politikverdrossenheit unter jungen Menschen zu sprechen. 2015 zeigten sowohl die Shell Jugendstudie als auch die Jugendstudie des Zukunftsinstituts: Das Interesse junger Menschen an politischen Themen wächst sogar. Allerdings sucht sich die junge Generation ihre eigenen Wege, um politisch aktiv zu werden, sei es auf Demonstrationen, als Mitglied politischer Bewegungen, bei Happenings oder Online-Petitionen. Die Tendenz junger Menschen geht zu spontanem, kurzweiligem und aktivem Engagement, das zivilgesellschaftliche Anliegen direkt oder online unterstützt.

Viele Initiativen zeichnen sich aus durch Spontanität, Unabhängigkeit vom politischen System und Eigenständigkeit der Organisation – und eine digitale Komponente. Ein prominentes Beispiel ist der „Arabische Frühling“, bei dem sich junge Menschen aus verschiedenen arabischen Ländern über das Internet organisierten, um gegen die totalitären Systeme ihrer Länder zu protestieren. Hier zeigte sich erstmals eindrucksvoll, wie soziale Netzwerke Protestbewegungen in Städten mobilisieren können – und wie digitaler und realer Protest ineinandergreifen kann.

Im März 2016 machte die Bewegungen Nuit debout in Frankreich von sich reden. Vornehmlich junge Menschen versammelten sich auf bedeutenden Plätzen ihrer Städte, um gegen ein neues Arbeitsmarktgesetz zu protestieren. Schnell wurde daraus eine all abendliche Versammlung, die basisdemokratisch organisiert war und vornehmlich die Ungleichheit in der französischen Gesellschaft anprangerte. Zwar sind die Proteste mittlerweile abgeklungen, doch die Bewegung plant weiterhin Aktionen, trifft sich in Kommissionen und Arbeitskreisen und ist im Internet mit einer eigenen Zeitung präsent.

In Deutschland ist die sogenannte Willkommenskultur eine der aktuellsten Graswurzelbewegungen: Im Spätsommer 2015, als tausende Geflüchtete in München am Hauptbahnhof ankommen sollten, wurden über soziale Netzwerke und Email-Verteiler zahlreiche Menschen aktiviert, die Sach- und Lebensmittelspenden zum Bahnhof brachten und den Neuankömmlingen halfen, sich zu orientieren. Auch in den Wochen und Monaten danach riss die Hilfsbereitschaft, vor allem bei jüngeren Menschen, nicht ab – unzählige kleine und große Initiativen, Projekte und Startups bildeten sich, um Geflüchtete zu unterstützen. Zum Beispiel der Migration Hub, ein Coworking Space in dem rund 30 Arbeitsplätze für Startups zur Verfügung stehen, die sich mit der Integration von Einwanderern beschäftigen. Oder Workeer, die erste Ausbildungs- und Arbeitsplatzbörse Deutschlands, die sich speziell an Geflüchtete richtet.

Eine jüngere Bewegung dieser Art ist der Women’s March im Anschluss an die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Eine Amerikanerin erstellte auf Facebook eine Veranstaltung, um gegen Trumps sexistische und rassistische Aussagen zu protestieren, gegen seine Anfeindungen von Menschen mit Behinderungen oder der LGBT-Community. Dieser und weiteren Veranstaltungen schlossen sich hunderttausende Teilnehmer an, und es entstand eine Bewegung, die einen Tag nach Trumps Vereidigung Millionen von Menschen in Großstädten auf der ganzen Welt auf die Straße zog.

Weitere eindrucksvolle Beispiele sind die Blockupy-Protestbewegung, die Anti-Pegida-Demonstrationen oder die Tanzdemos gegen das TTIP-Abkommen. Oder der Civil March for Aleppo, bei dem sich die Bloggerin und Journalistin Anna Alboth, begleitet von vornehmlich jungen Menschen, zu Fuß auf den Weg nach Aleppo machte, um die Route der Geflüchteten rückwärts abzulaufen. Eine humorvolle Herangehensweise entwickelte eine Kinderbuchautorin, die sich nach dem Skandal um die Verwendung des Begriffs „Nafri“ durch die Polizei (für „nordafrikanischer Intensivtäter“) die Rechte an dem Begriff schützen ließ, um ihn auf T-Shirts zu drucken und somit eine positive Assoziation mit dem als rassistisch kritisierten Begriff herzustellen. Oder die Gemeinschaft von aktuell 18.000 Menschen, die sich unter anderem via Facebook unter dem Hashtag #Ichbinhier versammeln und gegen Pauschalisierungen, Diffamierungen und Hass kämpfen.

All diesen Initiativen ist gemein, dass sie „von unten“, also durch einzelne Akteure oder Gruppen fernab vom Parteigeschehen entstehen. Diese Entwicklung wird durch die Digitalisierung befeuert, denn digitale Medien vereinfachen die Reichweite, Organisation und Sichtbarkeit von Protestaufforderungen oder Petitionen enorm. So ermächtigt der digitale Wandel junge Menschen, ihre ganz eigenen Wege zu finden, sich politisch auszudrücken und zu engagieren.

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