Die neuen Wege der Mobilität

C2C-Kommunikation, postfossile Antriebe und Drohnentechnologie: Die Mobilität von morgen ist ein riesiges Spielfeld für innovative Lösungen.

Von Jacqueline Becker (12/2015)

Im Mobilitätsmix der Zukunft wird das Auto zunehmend eine komplementäre Rolle spielen. Schon heute machen Staus, Baustellen, Citymaut- und Parkplatzgebühren Automobilität in urbanen Räumen immer ineffizienter. Nichtsdestotrotz wird das Auto weiterhin ein zentraler Treiber des Megatrends Mobilität bleiben – allerdings unter neuen Vorzeichen und dank smarter und multifunktionaler Mobilitätslösungen.

Ein Beispiel ist der Bereich der Car-to-Car-Kommunikation. C2C-Kommunikation bezeichnet ein System des direkten Informationsaustauschs: Autos informieren sich untereinander vollautomatisch über Verkehrsverhältnisse oder warnen einander vor Hindernissen, tauschen Informationen über Parkplatzkapazitäten oder sich anbahnende Staus aus. Das erhöht nicht nur die Sicherheit im Straßenverkehr, sondern optimiert den gesamten urbanen Verkehrsfluss.

Die C2C-Kommunikation gilt zudem als wegweisend für das System des autonomen Fahrens, das menschliche Schwächen wie Unaufmerksamkeit, Müdigkeit oder Aggressivität abfedern soll. Durch autonomes Fahren avanciert das Auto neben der Arbeitsstelle und dem Zuhause zu einem “Third Place”. Die von Daimler vorgestellte Konzeptstudie F 015 wurde konsequent für die Vision des autonomen Fahrens konzipiert: Die vordere Sitzreihe lässt sich um 180 Grad drehen, über Monitore können die Passagiere via Gesten oder Touchpad mit dem Fahrzeug interagieren, Tische mit Tablet-Oberfläche können ausgefahren werden, und die Heckscheibe wird zum Bildschirm. Die immer wertvoller werdende Zeit, die der Fahrer bisher im Stop and Go des täglichen Verkehrs verschwendete, kann nun zur Entspannung oder Arbeit genutzt werden. Das autonome Fahren wird einer der wichtigsten Innovationsräume der Mobilität von morgen sein.

Ähnliches gilt für Neuentwicklungen im Bereich der postfossilen Antriebstechnologien. Um die fossile Mobilitäts-Ära endgültig zu verabschieden, haben Forscher der Universität Exeter ein erstaunliches Verfahren entwickelt: Sie veränderten Darmbakterien genetisch so, dass sie Fettsäuren in Dieselkraftstoff verstoffwechseln konnten. Der so produzierte Bio-Diesel ist identisch mit herkömmlich chemisch produziertem Kraftstoff – und könnte somit ohne Umrüstung problemlos in bisherigen Dieselmotoren verwendet werden.

Eine völlig neuartige Form der Fortbewegung stellte Elon Musk, Gründer des Elektroauto-Vorreiters Tesla Motors, 2013 vor: den Hyperloop, ein überirdisches Röhrensystem, in dem Passagier-Kapseln auf Luftpolstern transportiert werden. In den Röhren herrscht ein Teilvakuum, um die Reibung auf ein Minimum zu reduzieren. So können Geschwindigkeiten von bis zu 1.225 km/h – knapp unter der Schallgrenze – erreicht werden. Für die 600 Kilometer zwischen Los Angeles und San Francisco würde der Hyperloop nur 30 Minuten benötigen – weniger als ein Flugzeug. Um die Baukosten so gering wie möglich zu halten und die Landschaft zu schonen, sollen die Strecken entlang bestehender Autobahnen auf Stützpfeilern gebaut werden. Die Konstruktion einer ersten Teststrecke beginnt 2016.

Die Zukunft der Mobilität wird auch immer stärker jenseits der herkömmlichen Infrastrukturen stattfinden. Drohnen werden unsere Mobilität verändern, indem sie bestimmte Aufgaben einfacher und schneller erledigen können. Vor allem in urbanen Räumen bedeutet ein Transport von Gütern per Drohne eine massive Zeiteinsparung gegenüber bisherigen Kuriersystemen. Die Frankfurter Agaplesion Diakonie Kliniken starteten bereits erste Versuche, um mittels Drohnen Blutprodukte von der Blutbank zu Notfällen in Krankenhäuser zu liefern – die Blutproben werden dabei in thermisch isolierten, an der Drohne fest montierten Containern untergebracht. Da auch Schneefälle, Regen und starke Windböen Drohnen nicht von ihrem programmierten Zielpunkt abbringen können, bietet die Technologie einen echten Mehrwert, um bei Notfällen schnelle Hilfe zu ermöglichen. 

Die englische Firma BioCarbonEngineering nutzt die fliegende Technologie, um industriell abgeholzte Wälder wieder aufzuforsten: Eine Drohne wirft bei einem einzigen Überflug bis zu 100.000 Pflanzensamen über einem festgelegten Gebiet ab – und ist damit unvergleichlich schneller als die Bepflanzung per Hand. Die einzelnen Samenkörner werden in einem mit Nährstoffen angereicherten, biologisch abbaubaren Behälter abgeworfen, der die Samen nicht nur beim Abwurf schützt, sondern sie auch beim Wachstum unterstützt.  Selbst wenn nur 70 Prozent der abgeworfenen Samen Wurzeln schlagen – bei normalen Handpflanzern beträgt die Erfolgsquote 95 Prozent –, könnten so ca. eine Milliarde Bäume pro Jahr gepflanzt werden. Neben den geringeren Kosten besteht ein weiterer Vorteil im Erreichen schwer zugänglicher Gebiete.

Die Innovationsfelder der C2C-Kommunikation, der neuen postfossilen Antriebstechnologien und der Drohnentechnologie werden die Mobilität von morgen vielfältiger und smarter machen – und neue systemische Rahmenbedingungen schaffen. Und das bedeutet wiederum: weitere Potenziale für innovative Lösungen.

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