Die stille Ressource

Der „War for Talents“ spitzt sich zu. Beim Kampf um die jungen Talente wird das Potenzial der Älteren oft vergessen – zukunftsweisend ist jedoch eine kluge Integration aller Generationen.

Von Lena Papasabbas (06/2016)

Foto: © Daimler / www.daimler.com

Ein tiefgreifender Wandel auf dem Arbeitsmarkt hat begonnen. Der viel zitierte "War for Talents" und der Fachkräftemangel sind längst Realität: Schon heute müssen fast zehn Prozent aller Unternehmen Aufträge ablehnen, weil es ihnen an Personal fehlt. Mehr als die Hälfte der Mittelständler hat Probleme, offene Stellen zügig zu besetzen, insbesondere wenn es um Fachkräfte geht. Die jungen Talente sitzen am längeren Hebel: Sie sind es, die in Zukunft umworben werden.

Der Mangel an jungen Bewerbern ist durch den demografische Wandel bedingt. Die Babyboomer gehen reihenweise in Rente, und es kommen nicht genug Jüngere nach, um die offenen Stellen zu besetzen. Der Fokus vieler Recruiter und HR-Abteilungen ist auf den Kampf um den schwindenden Nachwuchs gerichtet. Dabei wird eine stille Ressource meist übersehen: ältere Arbeitnehmer, die eigentlich noch viel zu jung sind, um in den Ruhestand zu gehen.

Nicht, dass wir immer älter werden, ist das eigentliche Problem, sondern die Vorbehalte gegenüber älteren Arbeitnehmern. Ohne engagierte Unternehmer und Akteure aus der Wirtschaft lassen sich die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft nicht meistern. Ältere arbeitswillige Menschen außen vor zu lassen, bedeutet, einen schnell wachsenden Pool an verschwendeten Ressourcen hinzunehmen – und die Altersarbeitslosigkeit zu fördern. Doch immer mehr Beispiele belegen, dass sich ein Umdenken anzeichnet: Unternehmen erkennen die “Silver Potentials” und gehen kreative Wege, um diese zu erschließen.

BMW hat es sich rechtzeitig zum Ziel gemacht, ein demografiefestes Unternehmen zu werden. Im Jahr 2020 werden die Mitarbeiter bei BMW im Durchschnitt 46 Jahre alt sein. Darauf bereitet sich das Unternehmen bereits seit 2004 vor: durch Qualifizierungsangebote im Sinne des lebenslangen Lernens, Gesundheitsprogramme und die Gestaltung hin zu einem altersgerechten Arbeitsumfeld. Dazu gehören flexible Teilzeitmodelle genauso wie die passenden Rahmenbedingungen am Arbeitsort – scheinbare Kleinigkeiten wie Ruhemöglichkeiten, vergrößerte Schrift auf Bildschirmen und höhenverstellbare Tische sind von zentraler Bedeutung.

Mit dem Ziel, bereits pensionierte Mitarbeiter wieder zu beschäftigen, gründete der Otto-Konzern im Jahr 2012 die "Senior Expert Consultancy GmbH". Ehemalige Pensionäre können bei Engpässen mit befristeten Arbeitsverträgen aushelfen. Sie werden projektweise angestellt oder stehen beratend zur Verfügung. Ähnlich hat der Bayer-Konzern mit "Bayer Senior Experts Network" eine Initiative ins Leben gerufen, um auf die Erfahrung von ehemaligen Mitarbeitern nicht verzichten zu müssen – und sie durch die Zusammenarbeit mit jungen Mitarbeitern im Unternehmen zu halten. Auch Bosch holt pensionierte Arbeitskräfte zeitlich befristet ins Unternehmen zurück, um neue Mitarbeiter zu schulen, zu beraten oder beim Aufbau neuer Standorte zu unterstützen.

Unter dem Motto “Young, Experienced, together Successful” gründete Mercedes Benz Ende im Jahr 2015 eine Initiative, die sich die gewinnbringende Zusammenarbeit zwischen den Generationen zur Aufgabe macht. Arbeitsprozesse in der Produktion werden künftig weniger automatisiert ablaufen, um mehr Flexibilität und Austausch in heterogenen Teams zu fördern. Sportangebote wie etwa mobile Fitnessstudios sollen gesund halten. Das Biopharma-Unternehmen AbbVie hat sogar eine Demografie-Toolbox eingerichtet, in der Mitarbeiter je nach Lebenslage aus verschiedenen Firmenangeboten wählen können: Dazu zählen Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge, Mentoring-Programme oder Weiterbildungen. Darüber hinaus hat der Konzern das Webportal "AbbVie Silver Ager Think Tanks" ins Leben gerufen, auf dem sich junge und alte Kollegen und auch ehemalige Mitarbeiter austauschen können.


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Beim Software- und IT-Service-Unternehmen Datev läuft gerade ein Pilotprojekt zur Zusammenarbeit von altersgemischten Teams: Jüngere Arbeitnehmer vermittelten ihren älteren Kollegen moderne Kommunikationstechniken, etwa Social Media, während die älteren Mitarbeiter ihren jüngeren Kollegen bei der Erprobung neuer Ideen mit ihrer Erfahrung zur Seite stehen.

Zudem bieten Experten-Netzwerke wie MasterHora älteren Menschen, die viele Jahre erfolgreich berufstätig waren, eine Plattform, um auch im Ruhestand, in der Altersteilzeit oder in der Selbstständigkeit noch in ihrem Fachgebiet aktiv zu sein. Unternehmen und Startups können sich auf der Webseite mit älteren Experten vernetzen und von ihrem Wissen profitieren. “Wir sehen, dass in dieser Gruppe extrem viel Wissen und Kompetenz vorhanden ist – und eben auch viel Bereitschaft, dies wieder in die Wirtschaft und in das soziale Leben einzubringen”, sagt Gründerin Marion Kopmann.

In der heutigen Wissensgesellschaft immer auf dem neuesten Stand zu bleiben, ist nicht einfach: Es gibt einen rasanten Zuwachs an neuen Informationen, Fachwissen veraltet schneller. Gefragte fachliche Kompetenzen von heute können morgen schon obsolet sein. Umso wichtiger wird Wissen aus Erfahrungen – und genau das macht ältere Mitarbeiter so wertvoll: Soft Skills und implizites Erfahrungswissen, beides über Jahre und Jahrzehnte in der Arbeitswelt gewachsen – das sind Kompetenzen, die Ältere den Jungen voraus haben.

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