„Die Symbolwelt partikularisiert sich“

Soziologe Prof. Gerhard Schulze spricht im Interview über digitalen Aufmerksamkeitsstatus, neuen Mainstreamkonformismus – und Status-Privatiers.

Prof. Gerhard Schulze

Trend Update: Herr Schulze, Statussymbole sind immer weniger allgemeingültig, werden immer gruppen- und lebensstilspezifischer. Gibt es heute noch allgemeingültige Symbole, die soziales Ansehen verschaffen?

Gerhard Schulze: Was könnte an die Stelle der im Kunstsprech des 19. Jahrhunderts demonstrierten Bildung getreten sein, des Nerzmantels zu Beginn des Zwanzigsten, des Autobesitzes in den 50er-Jahren? Wenig später kam es dann schon darauf an, dass man nicht bloß ein Auto hatte, sondern einen Mercedes – mit dem man heute niemand mehr Eindruck machen kann. Spätestens ab den 70er-Jahren verschwanden zwar nicht die Statussymbole, wohl aber ihre gesellschaftliche Reichweite. Wir stehen einer Partikularisierung der Symbolwelt gegenüber. In immer mehr Enklaven sozialer Selbstinszenierung gelten eigene Soziolekte, die anderswo nicht mehr verstanden werden. Pferdefreunde wissen nichts über die Tätowierten, und diese nichts über die Rangordnungskämpfe von Stallgemeinschaften. Allgegenwärtig ist nur der Kampf um Anerkennung, um den Neid der Beobachter und um symbolisierte Zugehörigkeit, mit welchen Zeichen auch immer.

Materielle Statussymbole verlieren zunehmend an Gültigkeit, immaterielle und innere Erlebniswerte werden wichtiger. Sind damit nicht auch soziale Werte verbunden, die selbst Statussymbole werden können?

Es stimmt: Der Fokus normaler, alltäglicher Zieldefinitionen hat sich mehr und mehr vom Haben zum Sein verlagert, vom Überleben zum Erleben. Offensichtliche Erlebnispräferenzen stiften Gemeinschaften – zwischen Hooligans, Jazzliebhabern, Bergwanderern oder Heavy-Metal-Fans. Demonstriertes Erleben-Wollen eignet sich zwar als Zugehörigkeitssymbol, nicht aber als Statussymbol, das ja immer auch einen Anspruch auf Rang transportiert. Und die tatsächlichen Erlebnisse müssen wegen ihrer Nichtkommunizierbarkeit Privatsache bleiben, abgesehen von begabten Autoren. Ausrufe wie "super!", "mega-geil!" oder "das kann man nicht beschreiben, das muss man erlebt haben" sind leer und ohne symbolische Signifikanz.

Was sind die Statussymbole die nachwachsenden Generationen Y und Z?

Den Prämissen dieser Frage kann ich mich nicht anschließen. Ich verstehe zwar den Wunsch, aufeinanderfolgenden Alterskohorten immer wieder andere Labels aufzukleben und daraus Verallgemeinerungen abzuleiten, deren diffuse empirische Grundlage schon im Moment der Etikettierung kein Thema mehr ist. Aber mehr als eine nützliche Illusion auf der Suche nach Orientierung in wachsender sozialer Komplexität kann ich darin nicht erkennen. In vermeintlich punktgenau generationsadressierten Werbebotschaften und Produkten begegnet uns ein Statussymbol eigener Art: das demonstrative Bescheidwissen von Marktstrategen.

Welchen Einfluss haben Digitalisierung und soziale Netzwerke auf die Ausbildung neuer Statussymbole?

Die sozialen Netzwerke konstituieren eine nicht mehr überschaubare Menge von Bühnen der Selbstdarstellung und der Beobachtung anderer. Die kommunizierten Inhalte zerfallen in zahllose Mikrokosmen, und doch gibt es hier ein allen verständliches, rangdefinierendes Statussymbol: die mit einzelnen Auftritten erreichte Aufmerksamkeit. Wie das Geld, ist auch dieses Symbol quantifizierbar – als Menge von Clicks, Followern, Freunden oder negativ, etwa als Intensität von Shitstorms. Anders als das Geld lässt sich dieser Wert aber nicht sparen und kontinuierlich vermehren. Digitaler Aufmerksamkeitsstatus ist so flüchtig wie das Wetter.

Bei Statussymbolen ging es bislang um Auszeichnung durch ein Mehr an Macht, Kontrolle und Leistung. Gelten diese Normen noch? Durch was werden sie bei neuen Statussymbolen ersetzt?

Innerhalb bestimmter sozialer Enklaven, etwa von Managern, Politikern oder Medienstars, hat das traditionelle, früher gesellschaftsweite Statusdenken tatsächlich überlebt. Für die große Masse geht es jedoch bei der öffentlichen Selbstinszenierung heute um etwas anderes: um demonstrierten Mainstreamkonformismus, aber auf indirekte Weise, durch Vermeidung von Symbolen der Unkorrektheit. Dem korrespondiert die Wahrnehmung zunehmender öffentlicher Kontrolle der Meinungsäußerung. Ergebnisse des Allensbach-Instituts belegen, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung Hemmungen hat, sich frei zu äußern. An die Stelle des früheren Strebens, mehr zu gelten als andere, tritt das Streben, wie die anderen zu sein und unauffällig zu bleiben: nicht aus der Masse herauszuragen, sondern in ihr zu verschwinden.

Ist der Körper in der Masse von Symbolen, die einen sozialen Status innerhalb einer bestimmten Gruppe markieren können, wichtiger geworden? Welche neuen Statussymbole beobachten Sie hier?

Sei schlank, schön, sportlich und jugendlich, egal wie alt du bist! Dieser Imperativ appelliert an eine Dimension sozialer Wahrnehmung, die die Menschheit aus dem Tierreich in ihre Geschichte mitgenommen hat. Welche Position man auf dieser Leiter einnimmt, ist teils schicksalsbestimmt, teils selbstgemacht, teils irrelevant – sofern man Defizite kompensieren kann: durch Geld, Ruhm, Macht und Bildung, also durch die klassischen Statussymbole. Im Verhältnis von Männern zu Frauen funktioniert dies immer noch einigermaßen, wenn auch nicht mehr so zuverlässig wie früher. Im Verhältnis von Frauen zu Männern dagegen gab es noch nie nennenswerte Möglichkeiten, den Imperativ des begehrenswerten Körpers außer Kraft zu setzen. Es bleibt die eigene Anstrengung im Kampf gegen das Schicksal, in dem Selbstkontrollinstrumente – wie Apple Watch – nur eine letzte Innovation auf einem ungeheuren Markt sind. Was danach kommt, bricht sich mehr und mehr Bahn: die Medikalisierung körperlicher Selbstformung – etwa in Form von Schönheitsoperationen, Fettabsaugungen, Hormonbehandlungen oder Designerbabys zur Erfüllung der gescheiterten Körpersehnsüchte ihrer Eltern.

Leicht übersieht man dabei die wachsende Zahl der Verweigerer von Statuskämpfen gleich welcher Art: Männer und Frauen, die den ganzen Zirkus satt haben und einfach ihre Ding machen, egal was der Rest der Welt davon hält, abgesehen von ihrem unmittelbaren privaten Umfeld: Status-Privatiers, Status-Ironiker, Status-Verächter. Wesentlichen Anteil an der Entstehung dieser Lebenshaltung der Dekonstruktion rangsymbolisierender Zeichenordnungen hat die Popularisierung des soziologischen Blicks seit mehr als hundert Jahren. Thorstein Veblens Theorie der feinen Leute oder Pierre Bourdieus Die feinen Unterschiede enthalten Botschaften, die allmählich auch in den Köpfen von Menschen ankommen, die weder von diesen Soziologen noch ihren Arbeiten je etwas gehört haben.

Prof. Dr. Gerhard Schulze ist Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung und Wissenschaftstheorie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Bekannt wurde er vor allem durch sein 1992 erschienenes Buch "Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart."

Das Interview führte Verena Muntschick.

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