Die Zukünfte des Geldes

Social Money, Regionalwährungen, Tauschhandel, mehr Transparenz und Vertrauen im Wirtschaftssystem – die Finanzarchitektur von morgen ist netzwerkaffin und polykontextural.

Von Christian Schuldt (09/2015)

Geld ist ein letztes gesellschaftliches Tabu, das unbewusst sehr mächtig wirkt und nicht infrage gestellt werden darf – so lautet eine Grundannahme der Behavioral-Finance-Forschung, die Veränderungen auf den Finanzmärkten psychologisch analysiert. Diese Perspektive verdeutlicht, wie eng und untrennbar Geld mit dem Menschen verbunden ist. Und gerade weil Geld ein grundlegender Bestandteil unseres Realitätsmanagements ist, hat jede Vision einer alternativen Geld-Zukunft auch mit irrationalen Akzeptanz- und Verständnishürden zu kämpfen. Allerdings lassen die vielfältigen Währungsexperimente, die heute zu beobachten sind, zugleich vermuten, dass das Geld-Tabu bereits weitgehend aufgeweicht ist. So kann Geld am Anfang des 21. Jahrhunderts offener und flexibler benutzt und verhandelt werden als je zuvor. 

Wie wird die fortschreitende digitale Transformation unser Geld- und Finanzsystem in den kommenden Jahren und Jahrzehnten prägen? Ein radikales, aber zumindest denkbares Szenario wäre eine Welt ohne Banken und ohne Geld. Eine Welt, in der das Internet klassische Bankberatungen und -anlagen obsolet gemacht hat und in der jeder Einzelne alle Transaktionen eigenverantwortlich selbst vornimmt. Als neues Leistungs- und Zahlungsmittel könnte die Tauscheinheit Zeit dienen, so wie es heute schon in kleineren, relativ geschlossenen Gruppen funktioniert. 

Ein Abschied vom Bargeld brächte zumindest gesamtökonomische Vorteile: Laut einer Studie der US-amerikanischen Tufts University kostet die Nutzung von Bargeld die Wirtschaft jährlich rund 200 Milliarden Dollar, unter anderem weil Konsumenten durchschnittlich 28 Minuten pro Monat für den Weg zu Bargeld-Ausgabestellen aufwenden. Zudem stellt Bargeld in Zeiten ultraniedriger Inflationsraten ein Risiko für unser Geldsystem dar: Sollte es dazu kommen, dass die Zentralbanken die Zinsraten unter Null setzen, könnten Kunden das physische Geld aus dem System nehmen, um negative Raten zu vermeiden. Dieses Problem würde sich in einer geldlosen Ökonomie gar nicht erst stellen. 

Allerdings ist ein Geldsystem nicht einfach durch ein neues ersetzbar, auch nicht durch globale Institutionen oder soziale Meganetzwerke. Im Gegenteil: Je alternativloser und unflexibler ein Alternativsystem anvisiert wird, umso wahrscheinlicher ist sein Scheitern, erst recht in vernetzten Zeiten. Analog zu den Wirkkräften der Netzwerkgesellschaft wird die Zukunft des Geldes deshalb nicht starr sein, sondern flexibel, nicht mono-, sondern multimonetär, nicht gleichförmig, sondern komplementär strukturiert. Geld wird sich in einer Vielzahl von Netzwerken neu definieren, „der freien Wahl und dem freien Wettbewerb unterworfen“, wie es der Zukunftsforscher John Naisbitt formuliert. 

Eine globale Durchgriffsinstanz ist dabei weder vorgesehen noch plausibel – was zugleich den viel diskutierten Vorschlag des französischen Ökonomen Thomas Piketty relativiert, der zur Reduzierung von Ungleichheit eine globale Kapitalsteuer empfiehlt. Schon heute wäre der damit verbundene Koordinationsbedarf zwischen Nationen unabsehbar, auch hinsichtlich der Frage, wie diese Einnahmen überhaupt verwendet werden sollten. 

Plausibler scheint deshalb der Ansatz des Vordenkers von Komplementärwährungen Bernard Lietaer: die Ergänzung des offiziellen Zentralbankgeldes durch einen Mix aus zusätzlichen Zahlungs- und Tauschmitteln, eben Komplementärwährungen. Lietaer schlägt eine Art Drei-Stufen-Modell vor: eine inflationssichere globale Komplementärwährung, die einen stabilen Wertmaßstab für den weltweiten Handel garantiert; verschiedene B2B-Währungen, die Cashflow-Probleme und Kreditengpässe minimieren; und eine Vielzahl kommunaler Währungen, die regionale Wirtschaftskreisläufe stärken. Kommunalwährungen wären dabei gleichsam Enklaven der Zinsfreiheit, die bei der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit helfen sollen, indem sie auch denjenigen Anreize bieten würden, die aus Geldmangel nicht wirtschaftlich aktiv werden können.

Die Vision eines hybriden Geld- und Finanzsystems, das einerseits zentral gesteuert, zugleich aber flexibel und offen für komplementäre Alternativlösungen ist, wäre nicht nur kompatibel mit den Informationsnetzwerken im Internet der Dinge, etwa dezentralen Digitalwährungen. Als „strukturierte Unstrukturiertheit“ wäre ein solches System auch nachhaltig stabil und resilient aufgestellt. So wie natürliche Ökosysteme tolerant gegenüber externen Schocks sind, weil sie zugunsten von Diversität auf Effizienz verzichten, könnte die Vielfalt an Geldsystemen eine ökosystemische Geldresilienz schaffen: eine Währungsvielfalt, die gegen Finanzkrisen gewappnet ist, weil in ihr unterschiedlichste Geldtypen nebeneinander koexistieren und sich ergänzen – so wie schon heute, auf kleinerem Level, Dollar und Euro, Webmiles und Treuepunkte, Tauschring- und Regionalwährungen.

Die Zukünfte des Geldes

Eine netzwerkaffine und polykontexturale Finanzarchitektur würde auch weiter dazu beitragen, das „zweckfreie“ Medium Geld stärker inhaltlich aufzuladen. Eine größere Währungsvielfalt führt zu einer größeren Vielfalt an ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen, die dem Geld zumindest ein Stück weit den Selbstzweck nehmen würde, weil es flexibel und frei gestaltet werden kann, etwa in Form von Bildungswährungen oder energiegedeckten Währungen. In solchen offenen, dezentralen Währungssystemen verliert Geld seine Rolle als limitierender Faktor, entscheidender werden Kriterien wie Leistungsfähigkeit und Verfügbarkeit, und wichtiger als das Sammeln von Geldeinheiten wird die Verrechnung von Wissen, Kreativität und Ressourcen.

Die Zukunft des Geldes wird deshalb auch von einem Werte- und Mentalitätswandel geprägt sein. Reichtum wird neu definiert, sowohl privat als auch systemisch, und klassisches Statusdenken wird abgelöst von einer stärkeren Orientierung an immateriellen Werten und individueller Lebensqualität. Die Grundprinzipien der Shareconomy, deren Effekte schon heute stark auf die Gesellschaft einwirken, werden mit zunehmender Vernetzung erst ihr ganzes Potenzial entfalten können. Dadurch wird exklusives Eigentum weiter an Wert verlieren gegenüber den partizipativen Features des Zugangs und der Nutzung. Die simple Fordismus-Formel „Zeit ist Geld“ hat im Zeitalter der Netzwerkgesellschaft ausgedient. Zeit wird wichtiger als Geld, auch als Tauschmittel und Geldalternative. Umso relevanter wird es für Finanzdienstleister, ihre Produkte und Services den komplexer und situativer werdenden Kundenbedürfnissen anzupassen und den Wandel vom Handel zur Behandlung zu vollziehen. 

„Die Wirtschaft der Zukunft funktioniert ein bisschen anders“, formulierte es Captain Jean-Luc Picard in einer “Star Trek”-Episode. „Im 24. Jahrhundert gibt es kein Geld. Der Erwerb von Reichtum ist nicht mehr die treibende Kraft in unserem Leben. Wir arbeiten, um uns selbst zu verbessern. Und den Rest der Menschheit.“ Heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts, ist diese Vision keine Science-Fiction-Utopie, sondern in Ansätzen Realität: Social Money, nachhaltige Regionalwährungen, Tauschhandel, ein Zuwachs an Transparenz, Vertrauen und Social Responsibility im Wirtschaftssystem – all das sind Symptome dafür, dass sich Wirtschaft und Gesellschaft in einem umfassenden Wandlungsprozess befinden. Alte Grenzen lösen sich auf, neue Netzwerke und Partizipationsstrukturen entstehen. Das Internet macht die Welt, wie Marshall McLuhan schrieb, zum „Global Village“, in dem globale und lokale Kontexte zur Deckung kommen. Im Zeichen dieser „Glokalisierung“ steht auch die vielfältige Zukunft des Geldes.

Dieser Text ist ein Auszug aus der Studie Gutes Geld. Bezahlen, Investieren und die Wertschöpfung der Zukunft”.

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