Eine neue Beziehungsqualität

Bits und Bytes verändern die Gesellschaft und Wirtschaft – und führen auf digitale Irrwege. Um diesen Zustand der Verblendung zu verlassen, brauchen wir eine neue digitale Achtsamkeit, einen kreativen Umgang mit Digitalität. Ein Auszug aus der neuen Studie “Digitale Erleuchtung”.

Von Matthias Horx

Unsplash / Rachael Crowe / CC0

Ein Gespenst geht um in Wirtschaft und Gesellschaft. Es raunt auf den Konferenzen, es bringt reihenweise Sonderbeilagen in den Wirtschaftszeitungen hervor, es gebiert ganze Heerscharen von Beratern, die mit den immer gleichen Charts den Unternehmen "Digitalisierung“ verordnen. Die Sprache ist alarmistisch bis euphorisch: Kein Stein bleibt auf dem anderen! Die Möglichkeiten sind grenzenlos! Die vierte industrielle Revolution ist in vollem Gange! Digitale Disruption überall!

Digitalisierung? Wie bitte? Das soll etwas Neues sein? Ist nicht das Digitale längst Alltag, spätestens seit wir Bankgeschäfte im Internet abwickeln und E-Mails unterwegs auf unseren Smartphones lesen? Seit 40 Jahren verändert die Computerisierung Produktions- und Verwaltungsprozesse. Früher hieß das "EDV“, elektronische Datenverarbeitung. Seit 20 Jahren existiert das Internet – und immer noch entdecken Unternehmen Social Media als Werbeplattform: "Man müsste mal was auf Facebook machen ...“

Worum geht es also wirklich in dieser aufgeregten Propaganda eines neuen unerhörten Zeitalters?

Wer heute über Digitalisierung spricht, kommt nicht an der Beobachtung vorbei, dass der digitale Wandel mitten in einer Krise steckt – in einer gesellschaftlichen Krise. Die Frontlinie verläuft ausgerechnet Die Zeiten der bedenkenlosen Netzaffinität sind vorüber. Es entwickelt sich eine Gegenbewegung, eine digitale Revision dort, wo das Digitale das Alltagsleben am tiefsten verändert hat: in der Kommunikation. "Das Internet ist kaputt“, konstatierte schon 2014 Deutschlands großer Digital-Indianer Sascha Lobo. Damit meinte er die Exzesse von Hass und Niedertracht, die sich in den Untiefen des sozialen Netzes epidemieartig verbreitet hatten.

Einst als Wahrheits-, Demokratie- und Wissensmedium gefeiert, scheint sich "das Netz“ in eine gigantische Black Box verwandelt zu haben, in der Neurosen und Narzissmen, Shitstorms und persönliche Vernichtungsfeldzüge blühen. Zwischen Katzenbildern, Pornos und Unfall-Schadenfreude-Clips wuchern Verschwörungstheorien, Hysterien und Gerüchte. Roland Emmerich, Hollywoods Katastrophen-Regisseur, sagte in einem Interview über das Leben vor 20 Jahren: "Es war noch eine einfachere Welt. Unsere Welt ist irre kompliziert geworden. Ich glaube auch, dass das Internet nicht unbedingt gut für uns ist. Dass jeder sagen kann, was er sagen will, ohne dafür geradestehen zu müssen, weil es ja anonym ist.“.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat in seinem Schlüsselwerk "Resonanz“ einen Deutungsansatz dafür geliefert, wie und warum das Netz solche zerstörerischen Wirkungen zeigen kann. Das soziale Internet, das wir auf dem Smartphone jederzeit und überall mit uns herumtragen, macht süchtig, weil es uns an unserem wundesten Punkt berührt: unserer Angst, nicht gehört zu werden. Es packt Menschen an ihrem emotionalen Grundbedürfnis nach Resonanz – nach einer wirkmächtigen Beziehung zur Welt. Deshalb funktioniert das Netz wie eine gewaltige Echokammer unserer Wünsche, Träume und Gefühle. Es wird zu einem Verstärker der Ängste und Aggressionen, die bislang unbenannt und ungeäußert blieben. Das Internet bildet eine Art Meta-Resonanzmaschine, die alle unterdrückten Gefühle verstärkt, zuspitzt und extremisiert.

Nein, vor uns steht nicht das "Ende des Internets“. Aber die Zeiten der linearen Wachstumsraten und der bedenkenlosen Netzaffinität sind vorüber. Es entwickelt sich eine Gegenbewegung, eine digitale Revision: 

  • In den USA sind Anleitungen zum Netzentzug wie "The Digital Diet“ oder "Unplug Every Day“ Millionenbestseller. In allen Medien werden die Folgeschäden der ständigen Erreichbarkeit diskutiert. Apps wie "SelfControl“ limitieren die Online-Zeit beziehungsweise den Zugang zu bestimmten Webseiten.
  • Zum ersten Mal sanken im Jahr 2015 weltweit die Zeiten, die Menschen täglich in den sozialen Netzwerken verbringen.
  • Apps verlieren langsam ihren anfänglichen Zauber, nur wenige sind ein kommerzieller Erfolg. Laut Flurry Analytics stagniert die App-Nutzung, die Nutzung von Spiele-Apps war sogar 2015 erstmalig rückläufig. Der Markt ist übersättigt, es werden kaum mehr neue Apps heruntergeladen. Eine Untersuchung von Nomura Research belegt in den USA einen Rückgang der App-Downloads um 20 Prozent innerhalb eines Jahres.
  • Der Verkauf von Tablets ging 2015 weltweit zurück, für 2016 wird laut dem Marktforschungsunternehmen IDC ebenfalls ein Rückgang erwartet. Auch das Lesen von E-Books tendiert laut GfK in Deutschland zur Stagnation.

Die Diagnose ist eindeutig: Die Digitalisierung ist bereits jenseits ihres Zenits angelangt. Immer mehr Menschen entwickeln eine existenzielle Skepsis gegenüber einem totalitären Anspruch des Digitalen. Und immer mehr Menschen sind auf der Suche nach dem, was wir im “Zukunftsreport 2016” nur leicht ironisch den “OMline”-Lebensstil genannt haben: eine Balance zwischen digitalen Möglichkeiten und analoger Welt, zwischen Verbundensein und Autonomie, zwischen Vernetzung und Entnetzung.

Dieser Text ist ein Auszug aus der im September 2016 erschienenen Studie "Digitale Erleuchtung".

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend Konnektivität

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Konnektivität bezeichnet die neue Organisation der Menschheit in Netzwerken. Über das „Internet der Dinge“ kommunizieren nicht mehr nur Menschen, sondern auch Maschinen miteinander. Doch der wahre Impact dieses Wandels liegt im Sozialen: Die neue Kultur der Openness öffnet Unternehmen und administrative Strukturen nach außen.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.