Pioniere des Wandels: 3 digitale Lebensstile

Der digitale Wandel hat neue Lebensstile hervorgebracht. Sie sind Treiber und Pioniere des Megatrends Konnektivität. Für Unternehmen sind diese Lebensstile besonders interessant, denn für eine erfolgreiche digitale Transformation kommt es vor allem auf die Menschen an, die sie gestalten. Dieser Text verknüpft die Trendstudie Hands-on Digital mit den Erkenntnissen der Lebensstile Workbox.

Von Lena Papasabbas und Julia Senft

Digitalisierung ist längst Teil unseres Alltags und bietet uns tagtäglich eine Fülle von Möglichkeiten und Herausforderungen. Die Vernetzung verändert die Wirtschaft von Grund auf und stellt etablierte Strukturen in Frage. Das Disruptionspotenzial digitaler Technologien führt etwa auch zum Gefühl der Überforderung – und lähmt so manches Unternehmen. Um mit diesem Wandel umzugehen, braucht es Menschen, die einen positiven und pragmatischen Umgang mit dem Megatrend Konnektivität entwickelt haben.

Das ideale Kompetenzteam zur Gestaltung des individuellen digitalen Weges setzt sich aus Vertretern dreier Lebensstile zusammen: den Digital Creatives, den Vorwärtsmachern und den Golden Mentors.

Die Digital Creatives

Die Digital Creatives sind in der real-digitalen Welt zu Hause. Immer und überall online zu sein, ist für sie selbstverständlich. Für die zumeist 14- bis 35-Jährigen sind digitale Technologien der wichtigste Zugang zu ihrer Umwelt. Diese Early Adopter verfügen über eine hohe Digitalkompetenz, die über die Nutzung von Produkten entschieden hinausgeht. Frei nach dem Motto “Einfach mal ausprobieren, was geht” experimentieren sie mit neuen Technologien – und nutzen die Möglichkeiten des Digitalen, um ihre Kreativität auszuleben.

So schreiben Digital Creatives in ihrer Freizeit auch mal an Open-Source-Programmen mit, verfassen Reviews über Apps und neue Gadgets oder beteiligen sich in Spiele-Wikis oder Games-Portalen. Egal, ob Musikproduktion, Bildbearbeitung oder Kryptowährungen: Digital Creatives sind es gewohnt, sich neue Dinge selbst beizubringen. Denn Menschen mit diesem Lebensstil leben die Wissenskultur: Ständig Neues zu lernen, ist für sie selbstverständlich. Für die neugierigen Teamplayer ist es selbstverständlich, gut vernetzt zu sein. Können sie ein Problem nicht selbst lösen, fragen sie die Crowd. Dabei nutzen sie die zahlreichen How-tos, Tutorials, Wikis, Blogs und Portale. Die Online-Community weiß auf (fast) jede Frage eine Antwort – man muss nur wissen, wo man suchen muss.

Digital Creatives sind offen, neugierig und besitzen einen großen Gestaltungswillen – Fähigkeiten, die für Unternehmen in Zukunft überlebenswichtig sein können. Ständig sind sie auf der Suche nach Inspiration, Innovation und spannenden Herausforderungen. Um ihr spielerisch-kreatives Potenzial vollständig entfalten zu können, brauchen sie jedoch viel Freiraum und eine flexible Arbeitskultur. Erst in Unternehmen, die genügend Spielräume für exploratives Denken abseits ausgetretener Pfade zulassen, kommen ihre Problemlösekompetenz und Innovationsfreudigkeit voll zum Tragen. 

2. Die Vorwärtsmacher

Die Vorwärtsmacher sind aktive Gestalter mit Führungskompetenz und einem starken Veränderungswillen. Ihr erklärtes Lebensziel ist es, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen – oder auch ein ganzes Stück besser. Denn die Vorwärtsmacher sind ehrgeizig und glauben an ihre Fähigkeiten. Um das zu erreichen, was sie sich vorgenommen haben, nehmen die meist 20- bis 34-Jährigen die Dinge am liebsten selbst in die Hand.

Die idealistischen Visionäre sehen die Welt als Ganzes, sie möchten etwas in Bewegung bringen und setzen sich oft leidenschaftlich und mit unternehmerischem Geschick für soziale Gerechtigkeit oder die Umwelt ein. Vernetzung ist dabei selbstverständlich. Digitale Technologien sind für Vorwärtsmacher die Grundlage, um mit der Welt in Verbindung zu stehen – und das Mittel erster Wahl, um ihre Projekte zu verwirklichen. Sie sind Profis in Social-Media-Kampagnen, Crowdfunding-Initiativen und Blogging.

Arbeit hat für die Vorwärtsmacher einen hohen Stellenwert, denn sie wird als Instrument zur Selbstentfaltung verstanden und muss den eigenen Werten entsprechen. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen dabei häufig, denn die Ansprüche an beide Bereiche sind ähnlich: Ob im Urban-Gardening-Projekt oder in der Stadtteilentwicklung – leidenschaftlich setzen sie sich für eine bessere Welt ein. Mit viel Optimismus, Spaß und Kreativität.

Vorwärtsmacher übernehmen gern Verantwortung und sind durch ihre hohe soziale Kompetenz und ihre spielerische Leichtigkeit, aber auch dank ihres Durchsetzungswillens und ihres erfolgsorientierten Ehrgeizes in der Lage, der digitalen Transformation produktiv zu begegnen. Die intrinsisch motivierten Visionäre können im passenden Umfeld viel bewegen, denn andere Menschen für eine Idee zu begeistern, fällt ihnen leicht. Um ihr Talent, ihre Kreativität und Innovationskraft voll ausleben zu können, benötigen sie jedoch den entsprechenden Freiraum.

3. Die Golden Mentors

Wer rastet, der rostet: Die Golden Mentors wollen ein Leben lang aktiv bleiben und ihre gesammelten Erfahrungen an die Menschheit weitergeben. Vertreter dieses Lebensstils sind in der Regel zwischen 55 und 79 Jahre alt und befinden sich häufig bereits im Ruhestand – beziehungsweise im Unruhestand. Denn viele arbeiten immer noch und bringen sich aktiv in der Wirtschaft ein. Statt ihren Lebensabend auf der Couch oder im Garten zu verbringen, beraten sie lieber ihren ehemaligen Arbeitgeber oder junge Start-ups, denn mit ihrem reichhaltigen Erfahrungswissen haben sie stets einen guten Tipp parat.

Golden Mentors suchen stetig nach neuen geistigen Herausforderungen, sind immer gut informiert und kennen die aktuellen Diskurse. Sie sind in der Lage, die Zusammenhänge zu verstehen und behalten stets den großen Kontext im Blick. Dabei verfügen sie über das nötige Urteilsvermögen, um herauszufiltern, was gerade wirklich wichtig ist. Ihre aus der Praxis entwickelte Lebenserfahrung und Weisheit sind eine wichtige Quelle, vor allem wenn es darum geht, potenzielle Fallstricke vorherzusehen. Das Vermögen der Golden Mentors, Informationen einzuordnen und zu bewerten, wird in einer digitalisierten und dadurch immer komplexer werdenden Welt zusehends unverzichtbar. Eine wertvolle Fähigkeit, die sie zielsicher durch die virtuellen Streams navigieren lässt – und die sie jüngeren Teammitglieder oft voraus haben.

Insgesamt lassen sich etwa 20 Millionen Deutsche den drei Lebensstilen der Digital Creatives, Vorwärtsmacher und Golden Mentors zuordnen – Tendenz klar steigend. Allen dreien ist die intrinsische Motivation eigen, sich auf neues Wissen einzulassen und stets neue Erfahrungen zu sammeln, was für den souveränen Umgang mit Komplexität unverzichtbar ist. Dennoch verfügen sie jeweils über unterschiedliche Perspektiven auf Digitalisierung. Während Digital Creatives die klaren Vorreiter und Treiber des digitalen Wandels sind, sehen die Vorwärtsmacher digitale Tools nicht als Selbstzweck, sondern als praktisches Mittel, um ihre Ziele zu erreichen. Die Golden Mentors dagegen wissen um die Wichtigkeit, aus den schier endlosen Informationsströmen zu selektieren, und nutzen diese geschickt, um sich immer weiter zu bilden.

So bilden die unerschöpflichen Energieressourcen und Führungsqualitäten der Vorwärtsmacher zusammen mit dem Enthusiasmus und der Kreativität der Digital Creatives sowie der Erfahrung und Reflexionskraft der Golden Mentors eine wirkungsstarke Allianz: Sie bündelt die zentralen Kompetenzen, die es braucht, um Unternehmen sicher und erfolgreich durch die digitale Transformation zu führen.

Dieser Text verknüpft die Trendstudie Hands-on Digital mit den Erkenntnissen der Lebensstile Workbox.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Lebensstile

Dossier: Lebensstile

Der Megatrend Individualisierung hat dazu geführt, dass sich Menschen nicht mehr an Cluster-Codes halten: Im 21. Jahrhundert wechseln sie zwischen Clustern nach situativen Anlässen, mehrmals pro Tag. Heutige Lebensstile definieren sich deshalb nicht mehr nach äußeren Zuschreibungen, sondern nach Wünschen und Werten.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Lena Papasabbas

Lena Papasabbas ist Kulturanthropologin und begleitet seit 2014 für das Zukunftsinstitut Projekte im Research-Bereich. Ihr Schwerpunkt ist die redaktionelle Arbeit bei Auftragsstudien.