Von Verblendung zu Erleuchtung

Wir befinden uns in einer Hype-Phase der Digitalisierung, die unsere Sicht trübt. Wie kann der Weg von der Verblendung zur "Erleuchtung" gelingen? Ein Auszug aus der Einleitung zur neuen Studie "Digitale Erleuchtung"

Von Christian Schuldt

Stokpic / Ed Gregory / CC0

I. Reset

"Digitalisierung", "digitale Transformation", "Digital Leadership" – kein Tag ohne neue Meinungen, Leitartikel, Bücher, Konferenzen und Buzzwords zu den neuen Dimensionen, Möglichkeiten oder Gefahren einer zunehmend vernetzten Welt. Doch mit jeder weiteren Stimme, mit jeder digitalen Strategie wird es zugleich immer schwieriger, die Spreu vom Weizen zu trennen und die Frage zu beantworten: Was bedeutet es wirklich, in einer "digitalisierten" Welt zu leben und zu wirtschaften?

Die Studie "Digitale Erleuchtung" liefert Antworten: Sie beschreibt den Prozess, der zur "digitalen Erleuchtung" führt – zu einem Mindset, das die Funktionsweisen der Digitalisierung erschließt und sie deshalb mit "Sinn" besetzen kann. Denn erst auf Basis einer solchen mentalen und kognitiven Neuausrichtung lassen sich die Herausforderungen der Digitalisierung so meistern, dass sie auch eine echte Zukunftsperspektive haben.

Am Anfang steht dabei ein Prozess des Entlernens: die Verabschiedung der Fehlannahmen und Alarmismen, die den digitalen Diskurs – und damit auch unser kollektives Bewusstsein, unsere organisationalen Strategien und Kulturen – heute prägen. Genauer gesagt: verstopfen. Es gilt, den Kopf frei zu machen, den Blick zu öffnen, um ihn dann neu und besser ausrichten zu können. Denn auf das Entlernen folgt das Neulernen. Und das wiederum kann nicht funktionieren ohne ein umfassendes Verständnis für die gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, die den digitalen Wandel antreiben.

Dafür braucht es Zeit und Raum: zum Beobachten, zum Reflektieren und zum Eintauchen in die komplexen Muster und Zusammenhänge, die nicht nur die Digitalisierung, sondern die gesamte Gesellschaft prägen. Der absolut falsche Weg zum Digital Mindset wäre deshalb ein möglichst schneller, unkomplizierter Shortcut. Jede vermeintliche Abkürzung macht den Weg hin zu echter Erkenntnis und Veränderung paradoxerweise nur noch länger und beschwerlicher. Denn es geht eben nicht darum, ein paar weitere Buzzwords aufzuschnappen oder zu kreieren und die digitale Hysterie noch weiter anzufeuern. Worum es geht, ist eine neue, emanzipierte und "erwachsenere" Perspektive auf den komplexen Prozess der Digitalisierung. Und dieser Richtungswechsel beginnt im eigenen Kopf.

Die vielleicht wichtigste Voraussetzung dafür ist die Einsicht, dass "digitale Transformation" – anders als es die Bezeichnung suggeriert – nicht primär mit Technologie und IT, mit organisatorischen Aufgaben oder Funktionsbeschreibungen zu tun hat. Tatsächlich betrifft der digitale Wandel alle Abteilungen und Ebenen einer Organisation, so wie er alle Branchen, und alle Lebenswelten betrifft, die gesamte Gesellschaft und jeden Einzelnen.

Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass der digitale Wandel zwar in seinen Ausformungen jeweils einzigartig und speziell ist, zugleich aber einer universellen Dramaturgie folgt: Er verläuft nach zyklisch-evolutionären Prinzipien und lässt sich in verschiedene Phasen differenzieren, in denen sich das Neue gegen das Alte durchsetzt. Daher lohnt sich ein Blick auf zwei Modelle, die genau diesen systemischen Prozess des Seins, Vergehens und Werdens beschreiben: das zyklische Innovationsmodell der "Lazy Eight" und die Theorie der "Great Surges of Development".

II. Reflect

Das Modell der "Lazy Eight"

Der Innovationszyklus der "Lazy Eight" (benannt nach seiner Form, die einer schräg liegenden Acht gleicht) zeigt ein systemisches Grundprinzip allen Lebens auf: das Loslassen von Altbekanntem und Erwünschtem und die Überwindung von Krisen als notwendige Voraussetzung für Regeneration. Dieser Kreislauf der Erneuerung ist in verschiedene Phasen unterteilt, die alle lebenden Systeme (organische, psychische oder soziale) immer wieder durchlaufen müssen, um sich erfolgreich weiterentwickeln zu können.

Drei Phasen sind dabei in diesem Kontext zentral:

●   Expansion: In dieser Phase geht es um Neuausrichtung und Orientierung. Komplexität wird stark reduziert und setzt schnelles Wachstum und Kreativität frei. Je erfolgreicher und nachhaltiger diese Neuausrichtung wird, umso stärker verschiebt sie den Fokus auf die strukturelle Absicherung des Erreichten. Das reduziert die Anpassungsfähigkeit des Systems – und führt schließlich in die Konfusion.

●   Konfusion: Diese Phase ist geprägt von Verwirrung, Kopflosigkeit, Chaos und auch Panik. Sie mündet in eine Krise, die ihrerseits einen Neustart erzwingt – und eine Neuaushandlung dessen, was wichtig ist.

●   Innovation: Nach der Krise wird im System sehr schnell sehr viel gelernt, oft auf schmerzvolle Weise. Es beginnt eine Phase der informellen Führung und neu entstehender (nichthierarchischer) Kommunikationsstrukturen. Zentral wird deshalb das menschliche Mindset: Im Optimalfall erhöht es die systemische Resilienz und eröffnet wiederum neue Räume für Innovation und Exploration.

Die Theorie der "Great Surges of Development"
Der zyklische Verlauf der "Lazy Eight" weist viele Parallelen auf mit dem Modell der "Great Surges of Development", der großen Entwicklungswogen, das die venezolanische Evolutionsökonomin Carlota Pérez entworfen hat. Es nimmt speziell die Muster techno-ökonomischer Paradigmenwechsel ins Visier.

Im Zentrum des Modells stehen auch hier drei Phasen:

●   Frenzy: Die enorme Maximierung von ökonomischen Möglichkeiten in einzelnen Industrien lässt einen "Bubble Prosperity Hype" entstehen. Durch dieses kollektive Durchdrehen bilden sich finanzielle Blasen, die das System fragil machen.

●   Crisis: Die Frenzy-Phase führt zu einem Turning Point, an dem es zur Krise kommt, zum Crash und zur Rezession. An diesem Punkt wird es essenziell, neue Regeln und Muster zu entwickeln.

●   Golden Age: In dieser Phase ist die Aufmerksamkeit nicht mehr auf Wachstum fokussiert, sondern auf technologische Verbreitung und soziale Anpassung. Waren die Vorteile einer technologischen Revolution zuvor nur speziellen Branchen, Unternehmen oder Personengruppen vorbehalten, werden sie nun – in der Regel durch Eingriffe "von außen", etwa durch Gesetzgebungen – der gesamten Wirtschaft und Gesellschaft erschlossen.

Laut Pérez bewirkt jede technologische Revolution nach diesem Muster einen Paradigmenwechsel und lässt eine "New Economy" entstehen. Diese technologischen Revolutionen kehren mit erstaunlicher Regelmäßigkeit wieder – und Diese Phase der Verblendung verstellt den Blick für die eigentliche Bedeutung der digitalen Revolution, für ihre tieferen Werte und Potenziale das Wirtschaftssystem reagiert darauf ebenso regelmäßig mit dem wiederkehrenden Muster der "Great Surges of Development". Das gilt für die industrielle Revolution, für das Zeitalter von Dampfmaschine und Eisenbahn, für die Ära des Stahls und der Elektrizität, für das Aufkommen der Massenproduktion. Und es gilt auch für die aktuelle Informationsrevolution der Wissensgesellschaft – mit einem entscheidenden Unterschied: Die Natur der Digitalisierung macht Eingriffe "von außen" immer unplausibler. Um zum "Golden Age" zu gelangen, bedarf es deshalb mehr denn je Impulsen, die "von innen" kommen – von einem zukunftsweisenden Mindset.

Vom Turning Point zum Future Mindset

Beide Modelle machen klar, dass Evolution in zyklischen Schleifen verläuft: Phasen revolutionären Wachstums gelangen notwendig an einen Turning Point, an dem die bis dahin bekannte Realität redefiniert werden muss, um einen konstruktiveren und nachhaltigeren Umgang mit den neuen Bedingungen zu ermöglichen.

In dieser Situation befindet sich unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft im Kontext der digitalen Transformation. Wir stecken in einer Phase der Frenzy, des Hypes, des Durchdrehens, und es sind bereits deutliche Zeichen der Krise erkennbar – etwa durch eine blinde Fixierung auf neue Wachstumsmodelle, die neue digitale Technologien verheißen. Diese Phase der Verblendung verstellt den Blick für die eigentliche Bedeutung der digitalen Revolution, für ihre tieferen Werte und Potenziale. Für das digitale "Golden Age".

Um diese Muster und Möglichkeiten erkennen und erschließen zu können, braucht es einen Wechsel der Perspektive und ein neues Mindset: einen mentalen Reboot, der aus der Verblendung und zur Erleuchtung führt.

III. Reboot

Von Albert Einstein stammt die Erkenntnis, dass man Probleme nicht mit dem gleichen Denken lösen kann, das die Probleme hervorgebracht hat. Tayloristische Tools taugen nicht mehr für die komplexe Marktwelt der Digitalökonomie. Was dafür umso dringlicher gebraucht wird, sind wirklich neue Denkansätze und Werkzeuge: eine digitale Erleuchtung – und, darauf aufsetzend, zukunftsweisende Führungs- und Unternehmenskulturen, die neue Technologien nicht nur ausnutzen, sondern reflektiert und achtsam einsetzen, im Einklang mit dem komplexen Zusammenspiel von Mensch und Maschine.

Zentral für dieses neue Denken – und daher auch im Zentrum der Studie stehend – sind sechs kognitive Kompetenzen im Umgang mit digitalen Informationen und Umwelten, sechs Digital Mindsets, die in der Studie ausführlich erläutert werden:

  • Cyber-Humanismus
  • Wissens-Navigation
  • Multi-Logik
  • Vertrauens-Vermittlung
  • Muster-Siesmografie
  • Kybern-Ethik

Diese Mindsets verdeutlichen zugleich, warum die Studie zuerst fragt "Wie verändert Digitalisierung die Gesellschaft und die Menschen?" und erst dann "Wie verändert die Digitalisierung die Wirtschaft und die Unternehmen?". Denn im Kern geht es beim Prozess der Digitalisierung um die Gesellschaft: um die Kommunikation, auch zwischen Mensch und Maschine. Und um die Denkweisen, die diesen Prozess beschleunigen oder bremsen, sinnvoller oder sinnloser machen können.

Dieser Text ist ein Auszug aus der im September 2016 erschienenen Studie "Digitale Erleuchtung".

Empfehlen Sie diesen Artikel!

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend Konnektivität

Megatrend Konnektivität

Konnektivität bezeichnet die neue Organisation der Menschheit in Netzwerken. Über das „Internet der Dinge“ kommunizieren nicht mehr nur Menschen, sondern auch Maschinen miteinander. Doch der wahre Impact dieses Wandels liegt im Sozialen: Die neue Kultur der Openness öffnet Unternehmen und administrative Strukturen nach außen.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Christian Schuldt

Der Systemtheoretiker und Autor beleuchtet in Publikationen und Vorträgen den digitalen Kultur- und Medienwandel. Sein Blick ist geschult für die kommunikativen Muster, die Menschen und Unternehmen verbinden.