Drohnen: Das Ende der Privatsphäre?

Sie können Pakete ausliefern, Waldbrände verhindern oder den Nachbarn beim Duschen beobachten: Drohnen verändern unseren Alltag – und unser Verständnis von Privatsphäre.

Von Jerri Bazata (10/2016)

Pixabay / StockSnap / Mann mit Drohne / CC0

David Benioff und D. B. Weiss staunten nicht schlecht, als sie im September 2015 Hinweise auf einen der zentralen Wendepunkte in der sechsten Staffel von "Game of Thrones" auf Youtube entdeckten – mehr als ein halbes Jahr vor Ausstrahlung. Wie das passieren konnte? Eine Drohne einer nahegelegenen Firma hatte eine Runde über dem Set der wohl bekanntesten Fernsehserie der Welt gedreht – heimlich und von der Filmcrew unbemerkt. So harmlos dieser Vorfall sein mag (außer für eingefleischte Fans der Serie), bietet er doch einen interessanten Einblick in einen der wohl faszinierendsten, aber auch schwierigsten Aspekte dieser Technologie: Mit Drohnen kann fast jeder die Gottesperspektive aus der Luft einnehmen – billiger und einfacher als je zuvor.

Dass Drohnen in vielen Bereichen äußerst nützlich sein können, ist inzwischen bekannt. Neben der Fernwartung von Stromleitungen oder Windrädern, der Paketlieferung oder der Überwachung von Wildleben oder Waldbränden eröffnen sich zunehmend neue Möglichkeiten, die Technologie einzusetzen. Je günstiger Drohnen werden, desto mehr Menschen können und wollen sie sich leisten und desto mehr verändern sie sich auch vom bloßen Werkzeug hin zu einem Gerät, das zum Experimentieren und Kreativwerden animiert. So werden Drohnen etwa im Cirque du Soleil schon als Lampen und "Tanzpartner" für einen Clown genutzt:

Ironischerweise war es die Spoiler-geplagte "Game of Thrones"-Produktionscrew, die als eine der Ersten Drohnenkameras in größerem Stil einsetzte. Denn im Vergleich zu Helikoptern sind sie günstiger, ungefährlicher und vor allem flexibler und agiler – und kommen deutlich näher an die Action heran. Auch viele Youtube-Kanäle, so beispielsweise der deutschsprachige Kanal Team BlackSheep, setzen auf Drohnenflugvideos – und erreichen damit Hunderttausende. Wenn man, durch das Auge eines Quadrocopters schauend, durch die Häuserschluchten von Dubai oder über die Steppen der Mongolei hinwegrast, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus und fühlt sich tatsächlich dem Fliegen nahe.

Doch genau diese Vorzüge, die Privatdrohnen so attraktiv machen, bergen auch erhebliche Sicherheitsrisiken: Quadrocopter mit Kameras haben das Potenzial, unser Verständnis von Privatsphäre grundlegend herauszufordern. Wo früher ein Zaun um den Garten Sichtschutz garantierte, ist für eine Drohne auch eine hohe Mauer längst kein Hindernis mehr. Unbemerkt, anonym und kaum verfolgbar lassen sich Bilder durch Wohnzimmer- oder Bürofenster aufnehmen. Durch ihre geringe Größe und Lautstärke eignen sich Drohnen auch ideal für die verdeckte Überwachung von Privatpersonen. Und selbst wenn eine Drohne einmal abgefangen wird, ist es praktisch unmöglich, ihren Besitzer zu identifizieren. Die Implikationen sind also massiv – von Betriebsspionage bis zum privaten Stalking: Drohnen können auf bisher ungekannte Weise Grenzen überschreiten.

Daher muss sich auch die Gesetzeslage an die Privatnutzung von Drohnen anpassen. Privat genutzte Quadrocopter fallen momentan noch unter die alten Regelungen für Modellflugzeuge. Dafür waren Vorgaben wie "Nur innerhalb der Sichtweite fliegen" noch plausibel. Bei den technisch viel weiter fortgeschrittenen Drohnen dagegen hinkt die Gesetzgebung hinterher: Sie ist sowohl zu restriktiv (denn Drohnen sind deutlich sicherer als es Modellflugzeuge je waren) als auch tendenziell zu locker (hinsichtlich dem Schutz der Privatsphäre) – selbst wenn BlackSheep-Mitbegründer Raphael Pirker behauptet, Drohnen würden keine neuen Regelungen für Privatsphäre erfordern. So wirft auch diese neue Technologie die Frage auf, welche Auswirkungen sie auf die Gesellschaft – und auf jeden Einzelnen – haben wird.

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