E-Health: Die Macht der Vitaldaten

Health Tracking ist schon heute ein zentraler Wachstumstreiber. Künftig wird es immer wichtiger, einen sicheren und transparenten Umgang mit Körperdaten zu finden.  

Von Jeanette Huber (11/2015)

„Mit einer Wahrscheinlichkeit, die an absolute Sicherheit grenzt, wird es uns noch leid tun, dass wir nicht mehr getan haben, um zu verhindern, dass unsere Daten in die Hände von Regierungen und Mega-Unternehmen gelangen“: Diese düstere Prognose formulierten die Internet-Apologeten Doc Searls und David Weinberger im Januar 2015 in ihren Thesen zum Internet. In besonderem Maße betrifft diese Befürchtung auch den Bereich der E-Health-Services. Schon heute ist Gesundheit ein zentraler Wachstumstreiber der IT-Branche, künftig wird E-Health immer stärker in unsere digitalisierten Lebenswelten eingewoben sein.

Laut einer Umfrage des Zukunftsinstituts informierten sich 2014 rund zwei Drittel der Deutschen via Google & Co. über Krankheit oder Gesundheit. Dass medizinische Evidenz und Qualität dabei nicht garantiert sind, kalkulieren die Nutzer ein: Nicht einmal jeder Fünfte bringt den Gesundheitsportalen und Fachforen im Internet absolutes oder großes Vertrauen entgegen.

Umso mehr wird dagegen der Macht der Vitaldaten vertraut. Fitness-Wearables erheben Körperdaten, die von Apps in hübschen Grafiken visualisiert werden. Die Idee des „Health Trackings“: Wer besser über den Körper Bescheid weiß, trainiert sein Körpergefühl und entwickelt ein lebensnahes Gesundheitswissen. Wenn Menschen das dann noch in gesündere Kost umsetzen und ins Büro radeln, kann das tatsächlich ein Gewinn sein – für sie selbst, für die Solidargemeinschaft der Versicherten, für die Gesellschaft.

Bei der Barmer GEK und der Deutschen BKK gibt es daher schon die ersten Apps auf Rezept. Wer jung und gesund ist, findet häufig nichts dabei, umfängliche Körperdaten gegen einen rabattierten Lebensstil-Tarif der Versicherung einzutauschen. Doch dieser Pakt ist die Eintrittskarte in ein Belohnungssystem, das sich mit den Jahren radikal gegen seine Nutzer wenden kann. Es wird zum Bestrafungsmechanismus für Kranke und Lebensstil-Anarchos, die lieber liegen bleiben als zu joggen. „Ein Handel ist kein fairer Handel, wenn wir nicht wissen, was wir dafür aufgeben“ – bringen es die Internet-Vordenker Searls und Weinberger auf den Punkt.

Unbestreitbar bringt E-Health viele Vorteile: Ärzte können mit Hilfe einer App die hochkomplexen und oft gefährlichen Wechselwirkungen zwischen Medikamenten prüfen – an denen in Deutschland jährlich 10.000 Menschen sterben. Die massenhafte Erhebung und Auswertung individueller Gesundheitsdaten kann neuartige Erkenntnisse zu Krankheiten und ihrer Verbreitung fördern oder die Wirksamkeit von Therapien überprüfen. Und ein Health Gadget, das Patienten, insbesondere Chroniker, dazu bewegen würde, ihre Medikamente wie vorgeschrieben einzunehmen, könnte bis zu 75 Milliarden Euro einsparen.

Dennoch: Dafür die gesundheitliche Intimität aufzugeben, ist ein hoher Preis. Laut der Umfrage des Zukunftsinstituts ist für 76 Prozent der Deutschen die Transparenz und Hoheit bezüglich ihrer Gesundheitsdaten wichtig. Eine zentrale Bedingung für die Akzeptanz von E-Health ist daher der wirksame Schutz sensibler Gesundheitsdaten, auch mittels gesetzlicher Regelungen. Denn nur wenn persönliche Daten sicher gespeichert und transparent einsehbar sind, können sich die E-Health-Potenziale voll entfalten – zum Wohle aller Beteiligten.

Über die Autorin

Jeanette Huber ist Associate Director und Speakerin des Zukunftsinstituts. Ihr beruflicher Hintergrund reicht von der IT-Branche über eine internationale Unternehmensberatung bis zur Leitung ihres eigenen Startups in Südafrika, wo sie bis 2000 lebte. Hubers Ziel ist „Future Fitness“ – Zukunftsfähigkeit für Menschen und Unternehmen. 

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