Ein ungleiches Rennen

Das „Race against the Machine“ gleicht dem Rennen von Hase und Igel, und immer öfter ist die Maschine „schon da“. Doch was macht die beschleunigte Digitalisierung mit dem Menschen?

 

In der Geschichte von dem Hasen und dem Igel zieht der Hase den Kürzeren, weil er überheblich ist – und unaufmerksam: 73 Mal rennt er im Wettstreit die Ackerfurche entlang und fällt an der Ziellinie immer wieder auf das vorwitzige "Bin schon da!" des Igelpärchens herein. Heute sieht es so aus, als hätte die Menschheit aus diesem Märchen gelernt. Schließlich nehmen wir den modernen, maschinellen, aus Mikroprozessoren und Software bestehenden Igel sehr ernst. Seit Jahrzehnten wird danach Ausschau gehalten, ob die Maschine "schon da" ist.

Von Schachspiel über Spracherkennung bis zum autonomen Fahren und der Singularität beobachten wir sehr genau, welche Fortschritte Maschinen im Rennen gegen die menschlichen Fähigkeiten machen – und wie beeindruckend sich diese beschleunigen. Das Problem ist somit nicht, dass wir das Spiel nicht durchschauen. Doch es ist zu befürchten, dass wir trotzdem mitlaufen und damit einen weiteren Fehler des Hasen begehen: nicht auf die eigenen körperlichen und geistigen Grenzen zu achten.

Das Rennen von Mensch und Maschine findet heute nicht mehr nur abgeschottet in den Labors und Entwicklungszentren der Technologiekonzerne statt. Alle machen mit. In den vergangenen Jahren hat sich der Alltag von Milliarden Menschen geändert, vor allem durch Smartphones, von denen inzwischen weltweit mehr als zwei Milliarden im Einsatz sind. Immer mehr Arbeitsplätze sind vernetzt, und die Automatisierung erreicht selbst kleine Handwerksbetriebe.

Die Folgen sind bislang kaum abschätzbar. Zwei Phänomene, die die Menschheit dem Hasenschicksal ein Stück näher bringen könnten, scheinen jedoch auf dem Vormarsch zu sein:

  • Semi-Sync Mode: Der menschliche Alltag wird durch Interaktionen mit und über Maschinen fragmentiert.
  • Skill-Fade: Traditionell erlernte menschliche Fähigkeiten werden durch Automatisierung entlernt.

Wissensarbeiter aller Branchen sind heute ständig damit konfrontiert, dass immer mehr Transaktionen und Interaktionen über Computer laufen – in immer höherer Geschwindigkeit. Und die Menschen laufen mit, so schnell sie können: Sie sind neugierig auf Informationen, unterbrechen, was sie tun, reagieren. Dieser Semi-Sync Mode, in dem wir fast immer online sind, fragmentiert Arbeitszeit und Freizeit in immer kürzere Abschnitte. Der Arbeitstag eines durchschnittlichen Büroangestellten steckt heute voller Unterbrechungen, jede Menge Bildschirme wetteifern um die individuelle Aufmerksamkeit – die stark begrenzt ist.

Um zu vermeiden, dass der Mensch zum Knoten im Datennetz degradiert, ist es an der Zeit, sich umfassend mit der Attention Economy zu befassen, die Thomas Davenport und John Beck bereits vor Jahren ausriefen. Wir brauchen neue Kompetenzen im Umgang mit der knappen menschlichen Ressource Aufmerksamkeit – und neue Formen der Organisation, um bei allem Informationsreichtum nicht in Aufmerksamkeitsarmut zu enden.

Dass der Mensch sehr schnell auf neue Anforderungen reagieren und entsprechende Kompetenzen entwickeln kann, zeigt sich beeindruckend im digitalen Alltag: Konsumenten und Wissensarbeiter vermögen heute versiert digitale Informationen zu suchen, filtern, nutzen, gestalten, entwickeln und zu schützen. Damit verschafften sie sich und anderen noch vor wenigen Jahren ungeahnte Möglichkeiten. Und dennoch kommt es gleichzeitig auch zu einem Skill-Fade: Hochkomplexe, über Jahre eingeübte Fähigkeiten gehen verloren oder werden gar nicht erst erworben, weil man sich auf die Maschine verlässt.

Die Folge: Die Verbindung zwischen Wissen und Tun reißt ab. Anschauliche Beispiele zeigen, wie sich der Mensch auch auf diese Weise zu einem (ausführenden) Knoten im (wissenden) Netz degradiert:

  • Immer mehr "Wissensarbeiter" können fachliche Fragen nur noch dann kompetent bearbeiten, wenn sie mit dem Internet oder dezidierten Systemen verbunden sind – ein "Copy, Paste & Remix"-Verhalten, das schon in der Schule trainiert wird.
  • In der zivilen Luftfahrt sind die Sicherheitsstandards zwar heute höher denn je, auch dank stetig steigender Automatisierungsgrade. Doch zugleich werden gerade deshalb in schwierigen Situationen eher Fehler gemacht – von Piloten, die im manuellen Flugbetrieb über Jahre wenig gefordert sind.
  • Seit der Nutzung von Navigationssystemen schwindet der hervorragende menschliche Orientierungssinn. So stieg etwa in Nordkanada mit der Verbreitung von GPS-Geräten auch die Anzahl gefährlicher oder gar tödlicher Unfälle – weil Inuits beim Ausfall des maschinellen Navigators der natürliche Umweltbezug fehlt.

Tagtäglich ist der maschinelle Igel also "schon da". Freiwillig lassen sich Menschen ihre Zeit in immer weniger brauchbare Bruchteile mit kurzen Aufmerksamkeitsspannen zerlegen, und das Denken, Lernen und Wissen wird vielfach an Maschinen delegiert, im Privat- wie im Geschäftsleben. Gefördert wird diese Entwicklung durch den Druck des Wettbewerbs, der die Möglichkeiten der automatisierten Effizienzverbesserung ständig in den Fokus rückt.

Wie also wird sich der Mensch im Rennen gegen die Maschine positionieren? Im alten Märchen bleibt der Blick des Hasen bis zum tödlichen Ende immer auf die eigene Ackerfurche gerichtet. Hat der Mensch die eigenen geistigen und körperlichen Möglichkeiten und Grenzen ausreichend im Blick? Ändert er die Spielregeln? Welche Strategien zur Kooperation von Mensch und Maschine kommen in Betracht? Unternehmen und Organisationen werden sich diesen Fragen stellen müssen. Einige werden weiter vorrangig auf den maschinellen Igel wetten. Was werden die anderen tun?

Über den Autor

Dirk Nicolas Wagner ist Professor für Strategisches Management an der Karlshochschule International University in Karlsruhe und Geschäftsführer des Karlshochschule Management Instituts. Zuvor war er in Deutschland und Großbritannien in leitenden Positionen in der Industrie tätig. Seit den 90er-Jahren beschäftigt Wagner sich mit Fragestellungen rund um das Thema Mensch und Maschine. An der Universität Fribourg (CH) promovierte er zum Thema "Software Agents and Liberal Order".

Mehr zum Thema

Geliebte Mensch-Maschine

Geliebte Mensch-Maschine

Warum uns die Idee perfekter menschengleicher Wesen, die über Künstliche Intelligenz verfügen, fasziniert – und wieso sie zerplatzen würde, sobald sie Realität wird.

Smart Cities: Der Mensch macht’s

Smart Cities: Der Mensch macht’s

Wo bleiben die Bewohner im Konzept der "Smart City"? Damit smarte Städte nicht zu Geisterstädten werden, müssen die Stadtplaner die Zivilgesellschaft miteinbeziehen.

Jobkiller Digitalisierung [Infografik]

Jobkiller Digitalisierung

Automatisierungsprozesse sind nicht mehr zu stoppen: Welche Jobs sind durch Digitalisierung gefährdet? Unsere Infografiken zeigen: Es leidet vor allem der Niedriglohnsektor.

Empfehlen Sie diesen Artikel!