Future Finance: Geld und Finanzen im digitalen Wandel

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Die Zukunft des Geldes hat schon begonnen. Sie wird angetrieben von einem Prozess, der unsere Gesellschaft bereits nachhaltig verändert hat: der digitalen Transformation. Dieser fundamentale Umbruch in der Evolution der Gesellschaft eröffnet eine Fülle von Möglichkeiten für einen neuen Umgang mit Geld – und für alternative Systeme der Finanzierung.

Besonders deutlich zeigen sich die digitalen Veränderungsprozesse im Wirtschaftssystem, wo nutzergetriebene Interaktion rasant zum dominanten Erfolgsfaktor avanciert ist. Nach dem Motto „Von der Masse zur Community“ hat sich der E-Commerce zum Social Commerce weiterentwickelt. Konsumenten vertrauen heute zunehmend der virtuellen Crowd. Sie nutzen neue Potenziale in punkto Produktauswahl, Preisvergleich und Einkaufserlebnis – auch in Finanzangelegenheiten, etwa in Form von Social Saving, dem gemeinschaftlichen Sparen auf individuelle oder kollektive Ziele hin.

Banken und Finanzdienstleister stellt dieser Umbruch vor große Herausforderungen. Schon die Tatsache, dass sich Communitys in sozialen Netzwerken oder Foren zum Thema Geldanlage oder Kreditaufnahme autonom austauschen können, nötigt etablierte Dienstleister, ihre bisherigen Geschäftspraktiken zu überdenken. Es gilt, mehr aktive Beteiligung und Produkttransparenz zuzulassen und das Bröckeln der eigenen Vormachtstellung zu akzeptieren.

Zugleich zeigen diese Beobachtungen: Digitalisierung ist keine rein technologiegetriebene Entwicklung, sondern auch und vor allem ein sozialer Prozess, der individuelle Bedürfnisse mehr denn je in den Fokus rückt. Konsumenten haben heute individuellere Ansprüche und erwarten speziell zugeschnittene Produkte, um persönliche Bedürfnisse zu verwirklichen. Das Finanzsystem muss sich diesem neuen digitalen Lebensstil anpassen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der Megatrend Neo-Ökologie. Der Fokus auf Nachhaltigkeit, Qualität und Ressourcenschutz schafft neue Werte – und eine neue Konsumkultur. „Ermächtigte“ Verbraucher interessieren sich mehr denn je für Herstellungsbedingungen, Ressourcenverbrauch und Umweltverträglichkeit von Produkten. Wachstum wird zusehends neu definiert: als eine Mixtur aus Ökonomie, Ökologie und sozialem Engagement, die das Verantwortungsbewusstsein von Konsumenten kontinuierlich steigen lässt. So verschiebt die Vernetzung die Koordinaten des Wirtschaftssystems: Sie verändert unser Geldverständnis und bringt viele neue und innovative Ansätze hervor – für künftige Geld- und Finanzsysteme, für alternative Formen des Bezahlens und für neue Währungen im und durch das Netz. Den gemeinsamen Nenner bilden die neuen Möglichkeiten der Vergemeinschaftung, die das Geld „social“ werden lassen.

Crowdfunding: Finanzierung neu denken und machen

Die soziale Kraft, die vom Netz ausgeht und die Welt zusammenwachsen lässt, demokratisiert das Finanz- und Wirtschaftssystem. Zusehends verteilt sich die Machtbalance von wenigen großen Playern hin zu vielen kleinen Akteuren, die mitbestimmen wollen und können. Das Finanzsystem wird „resozialisiert“, und es bildet sich ein kritischeres Verbraucherbewusstsein heraus. Auf Basis der digitalen Vernetzung entstehen so auch neue, kollaborative Formen der Geldgenerierung, die sich unter der Bezeichnung Crowdfunding subsummieren lassen:

  • Private Equity durch Community: Ein großes Projekt mit vielen Kleinbeiträgen zu starten, das ist eigentlich keine neue Idee. Doch durch das Internet ist die Realisierung so einfach geworden wie nie zuvor. Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter, Indiegogo oder Startnext helfen dabei, Menschen mit gleichen Interessen zusammenzubringen, um gemeinsame Projekte zu finanzieren. Der Fokus liegt auf dem Community-Gedanken, denn immer öfter wird auch auf ein gemeinschaftliches Ziel hin gespart. Das Netz liefert das Potenzial, schnell und unkompliziert eine kritische Masse an „Investoren“ zu erreichen und so die aktive Beteiligung vieler verschiedener Menschen an den unterstützten Projekten zu ermöglichen.
  • Micro Financing statt Almosen: Die Formen des Crowdfundings reichen vom Crowddonating (Spenden an gemeinnützige Initiativen) über Crowdsupporting (Investments in kreative, soziale oder kulturelle Zwecke) und Crowdinvesting (renditeorientierte Beteiligung an Startups) bis zum Crowdlending (Kredite von „Freunden“ und Unterstützern). Gerade die Crowdlending-Variante ist spannend. Zum einen, weil es sich um eine Art Peer-to-Peer-Banking handelt, das klassische Finanzdienstleister teilweise überflüssig macht. Zum anderen, weil diese Form des selbstbestimmten, individuellen Vorsorge- und Finanzmanagements ebenfalls im Zeichen der Nachhaltigkeit steht. So trägt etwa die Non-Profit-Organisation Kiva über ihre Online-Plattform zinslose Darlehen von privaten Kreditgebern zusammen. Die Empfänger sind überwiegend an Unternehmer in Entwicklungsländern, die Tilgungsrate beträgt 99 Prozent.

Share, Care & Change: Geldloses Geld

Die Generation der Digital Natives verbreitet eine neue Netzwerk-Mentalität. Die Grundprinzipien lauten: Nutzen ist wichtiger als Besitzen, Zugang ist wichtiger als Eigentum – und Geld ist nicht mehr der zentrale Wirtschaftstreiber, sondern Leistung, Wissen oder Kreativität. Für diese neue ökonomische Philosophie bietet das Internet einen kongenialen Kommunikationskanal. Im Kern geht es um die Utopie einer geldfreien Ökonomie: um das Prinzip „Share & Care“ – den Tausch von Ressourcen und Dingen als Alternative zum Modus der Geldmaximierung.

Auf dieses Prinzip setzen lokale Tauschringe – sogenannte Local Exchange Trading Systems (LETS), die eine Art „kommunikationsgeneratives Geld“ schaffen – sowie Komplementärwährungen, die Alternativen zur globalen Monokultur des Bankengelds anbieten. In diesen Kontexten fungiert Geld vor allem als soziales Kapital, das eine Partizipation auf breiter Basis ermöglicht. So nutzen Gemeinden, Städte und Regionen etwa Regionalwährungen, um die regionale Kaufkraft zu stärken, Selbstversorgung zu unterstützen und regionale Wirtschaftskontakte zu fördern.

Mit zunehmender Vernetzung spielen auch rein digitale Währungen eine immer wichtigere Rolle. Denn über das Internet kann Geld nicht nur virtuell verwaltet und gehandelt, sondern auch geschaffen werden. „Cryptocurrencys“ wie Bitcoin bilden digitale Geld-Ökosysteme: komplett offene Finanznetzwerke, die auf dem Prinzip einer dezentralen Vernetzung aufbauen und nicht „von außen“ reguliert oder reglementiert werden können.

Die Zukunft des Finanzierens

Big Data, Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz – die Netzwerkgesellschaft von morgen wird geprägt sein von einer allgegenwärtigen Algorithmisierung. Heute befindet sich das Finanzsystem erst am Anfang dieser epochalen Veränderung. Doch schon jetzt wird deutlich, dass und wie Geld offener und flexibler benutzt und verhandelt werden kann als je zuvor.

Eine wichtige Rolle wird dabei auch künftig der fortschreitende Werte- und Mentalitätswandel spielen. „Reichtum“ wird bereits neu definiert, privat wie systemisch: Das klassische Statusdenken wird abgelöst von einer stärkeren Orientierung an immateriellen Werten und individueller Lebensqualität. Dieser Wertewandel wird mit zunehmender Vernetzung erst sein ganzes Potenzial entfalten – und auch kollaborativen, interessengeleiteten Finanzierungsprojekten weitere Relevanz verleihen.

Der digitale Wandel mischt die Karten des Finanzsystems neu: Er löst alte Grenzen auf und lässt neue Partizipationsstrukturen entstehen. Eines aber ändert sich nicht, im Gegenteil: Im Zentrum steht weiterhin – und sogar mehr denn je – der Mensch. Daher werden sich crowd- und communitybasierte Möglichkeiten der Finanzierung, die individuelle Werte und Wünsche zielgenau bedienen, in Zukunft noch weiter ausdifferenzieren – und traditionelle Modelle der Bankenfinanzierung weiter unter Druck setzen.

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Christian Schuldt

Der Systemtheoretiker und Autor beleuchtet in Publikationen und Vorträgen den digitalen Kultur- und Medienwandel. Sein Blick ist geschult für die kommunikativen Muster, die Menschen und Unternehmen verbinden.