Selbstverwirklichung statt Lohnzettel

Welchen Stellenwert hat Geld als Tauschmittel gegen Zeit und als Bezahlmittel für Arbeit in der heutigen Gesellschaft? Das lange Zeit gültige Denken von Arbeit vorrangig als Mittel zum Gelderwerb zerfasert schon länger. Ein Auszug aus der Trendstudie „Geld-Gehirn“.

Von Verena Muntschick

Zukunftsinstitut / Ksenia Pogorelova

Du bist, was dein Lohnzettel ist

Betrachtet man den Kern von Lohnarbeit, so war es noch bis ins späte letzte Jahrhundert das Ziel der Menschen, die eigene Arbeitskraft so teuer wie möglich zu verkaufen – wenn nötig, auch unter entsprechend größerem Zeitaufwand. Das Wichtigste an der Arbeit war in diesem Denken der Lohnzettel: Hauptsache die Bezahlung stimmt. Berufe wurden häufig mit dem Gedanken gewählt, mit ihnen viel Geld (und soziale Anerkennung) zu verdienen: so etwa wurde man typischerweise Arzt oder Anwalt, wenn auch nur irgendwie die Chance bestand, in diesen Berufsstand einsteigen zu können. Das hatte zunächst ganz pragmatische Gründe: Ziel war es, sich und seine Familie „gut durchzubringen“, ein gutes Leben zu ermöglichen und idealerweise Geld anzuhäufen und zu Reichtum zu kommen.

Eine Frage des Sinns – Wenn Geld nicht mehr die primäre Rolle spielt

Doch die lange Zeit gültige Auffassung von Arbeit als Mittel zum Gelderwerb zerfasert schon länger. Das liegt einerseits an den Systemen zur sozialen Absicherung, die auch im Fall des Verlustes der Arbeit für eine Grundversorgung mit Geld fürs Überleben sorgt. Dazu kommt ein Anstieg des allgemeinen Wohlstands und durchweg bessere Gehälter, die der Mehrheit der Bevölkerung einen soliden Lebensstandard sichern – und zur wahrgenommenen Selbstverständlichkeit machen.

Die eigene Arbeitskraft und Arbeitszeit als bloße Ware im Austausch für Geld – also Erwerbsarbeit zum Selbstzweck – wird in Frage gestellt, wo die Notwendigkeit des Geldverdienens immer weniger Die Auffassung von Arbeit als Mittel zum Gelderwerb zerfasert als Druck erfahren wird. Geld als Folge von Arbeit wird in den Köpfen der Menschen vom sinnstiftenden Moment zum selbstverständlichen Nebeneffekt. Damit stellen sich die Menschen zunehmend die Frage: Warum arbeite ich? Was ist der Sinn der Arbeit? Was treibt mich an? Warum arbeite ich dies und nicht jenes?

Selbstverwirklichung in Handlungsräumen und Komplizenschaften

Das Ziel, das die Menschen heute in und mit ihrer Arbeit, ihrem Tätigsein anstreben, ist Selbstverwirklichung statt Lohnzettel. Der innere Wunsch der Menschen ist es, einen Spielraum für die eigene Persönlichkeit zu finden bei einer erfüllenden Tätigkeit, die die Verwirklichung individueller Vorstellungen und persönliche Weiterentwicklung ermöglicht.

Dieser neue innere Antrieb der Menschen ist einer, der sich weder erzwingen, noch mit Geld erkaufen lässt. Sein Potenzial kann genutzt werden, indem Arbeitgeber den Menschen einen Möglichkeitsraum bieten, innerhalb dessen sie flexibel und eigenverantwortlich tätig sein können. Für Arbeitgeber heißt das: Gute Voraussetzungen in Form von klaren Rahmenbedingungen schaffen und innerhalb dieses Rahmens Vertrauen schenken und die Kontrolle abgeben.

Das Prinzip der selbstbestimmten Arbeit lässt Menschen Verantwortung übernehmen, denn Menschen sind zwangfrei dort tätig, wo ihre intrinsische Motivation besonders hoch ist. Diese von Geld völlig entkoppelte Arbeit wird die Wirtschaft und Gesellschaft der Zukunft mehr verändern, als wir heute glauben.

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Verena Muntschick

Die studierte Germanistin, Anthropologin und Biologin ist seit 2014 für das Zukunftsinstitut tätig. Als Projektmanagerin, Researcherin und Autorin arbeitet sie an Studienprojekten und Auftragsarbeiten.