Was ist das Geld-Gehirn?

Wir denken in, wir denken über und wir denken mit Geld. Das rechnende Denken prägt uns, seit es das Prinzip des Tauschens und Bewertens von Dingen gibt. Geld ist unsere Kulturtechnik, um Wertvorstellungen zu transportieren und zu kommunizieren. Ein Auszug aus der Trendstudie „Geld-Gehirn“.

Von Verena Muntschick

Zukunftsinstitut / Ksenia Pogorelova

4 Schlaglichter auf unser Geld-Gehirn und seine Entwicklung

1. Über das Denken in Geld

Geld ist eine Denkform, die uns glauben macht, die Welt besser ordnen zu können. Diese Denkform scheint wie gemacht für unser Gehirn, denn unser Gehirn mag es, zu hierarchisieren, zu vergleichen, zu messen und zu vereinfachen: Die Ware, die einen klaren Vergleichswert hat, die Leistung, die einen Preis hat. Das Denken in Geldwerten bietet uns einen Zugang zur Welt, der dankbar weil leicht ist: es ist relativ einfach zu verstehen, was Dinge kosten und was man für sie zu zahlen bereit ist.

Dabei (be)trügt unser Gehirn. Geld allein ist macht- und gesichtslos. Geld ansich ist nicht das Objekt der Begierde, sondern das, was wir damit kaufen können. Es wird als der Schlüssel zu Dienstleistungen und Gütern einer glücklichen Zukunft gesehen. In den Freiraum, den das willkürliche Medium Geld verspricht, legen wir unsere Wünsche und Hoffnungen.

2. Vom klaren Bild zur diffusen Emotion 

Bezahlen ist Kommunikation. Geld ist dabei die Sprache, die alle Menschen verstehen – es gilt als Rationalisierungsinstrument per se: Sobald wir etwas einen monetären Wert geben können, sobald wir etwas in der Welt mithilfe von Zahlen beschreiben können, ist es für uns greifbar und real – Geld erzeugt in unserem Gehirn klar umrissene Bilder von der Welt. Immer ist Denken mit dem Geld-Gehirn dabei eine Form von Komplexitätsreduktion. Es vereinfacht die Welt, indem es Unvergleichbares vergleichbar macht.

Doch spätestens seit der Krise 2008 und dem darauffolgenden Aufkommen von Parallelwährungen wie Bitcoin wird offensichtlich, was schon immer die eigentliche Wahrheit ist: Geldwerte per se haben keine ordnende Macht. Sie sind keineswegs objektiv, noch besteht eine naturgegebene oder gar rationale Relation zwischen Dingen in der Welt und den ihnen zugeordneten Geldwerten. Am Ende zählt immer nur die Frage, was Menschen bereit sind zu bezahlen. Dabei wird klar: Geld und Denken in Geld ist eine hoch emotionale Angelegenheit. Wir kaufen tagtäglich große und kleine Versprechungen und handeln dabei weit irrationaler, als wir uns das eingestehen wollen. Es ist eine diffuse Emotion, die uns Dinge kaufen lässt und der wir damit Raum geben.

3. Vom Wert des Geldes zur wertvollen Information

Womit bezahlen wir da eigentlich? Geld als Bezahlmittel hat die Zeit, in der ihm als Medium selbst ein substanzieller Eigenwert zugeschrieben wurde, schon länger hinter sich. Spätestens mit der Einführung von Banknoten hat Geld als Bezahlmittel die Idee von der Verknüpfung des Mediumwerts mit einem vorgestellten Materialwert hinter sich gelassen. Der Materialwert, der in Zeiten von Gold- und Kupfermünzen noch im Medium selbst eine Entsprechung hatte, ist gegen den bezeichneten Wert gar nicht mehr aufrechenbar.

Mit der Digitalisierung nun verliert Geld als bis dato physisches Medium seine Substanz: Was man als Gold, Münzen und Scheine fühlen, riechen, hören, schmecken konnte, wird mehr und mehr zu einer virtuellen Einheit. Noch manifestieren sich diese virtuellen Einheiten in der Plastikform der Bankomat- und Kreditkarten, doch der Wert, zu dem das Plastik der Schlüssel sein soll, ist je nach Kontostand variabel und auf dem Material nicht mehr ablesbar. Er ist nur noch in der virtuellen Welt repräsentiert und nur noch durch den optischen Sinn erfassbar: Durch das Ansehen von Zahlen auf dem (Online-)Konto. Geld wird ein Abstraktum, dessen Wert in der digitalen Information, in den Daten-Codes steckt.

4. Von der Selbstwirksamkeit durch Geld zum ungewohnten Glück 

Geld trägt das große Versprechen in sich, zu unendlichen Möglichkeiten, Macht und damit zu größerem Spielraum zu führen. Menschen streben nach Geld in der Überzeugung, mit Geld zu mehr Optionen und damit zu mehr Wahlfreiheit zu kommen. Das gesamte Geld-Gehirn ist auf dieses Denken hin ausgerichtet. Die Hoffnung auf dieses Glück jedoch endet meistens in einem lediglichen Anhäufen von immer mehr und immer mehr – denn die Logik des Geldes, die auch das Geld-Gehirn strukturiert, untergräbt alle anderen Absichten: In der Logik des Geldes gibt es das Genug nicht, sondern Geld fordert immer nur mehr Geld. Das Denken dreht sich im Geld-Gehirn in einer endlosen Schleife um sich selbst, während das Glück aufgeschoben wird in die Zukunft.

Längst schon sind – wie Franz Kühmayer im jährlich beim Zukunftsinstitut erscheinenden Leadership Report zeigt –, nicht mehr ein hohes Einkommen und Karriere im Beruf auf Platz 1 auf der Liste der wichtigsten Dinge im Leben. Wichtig sind den Menschen heutzutage ihre Freunde, Familie, private und berufliche Erfüllung und Gesundheit. So ändert sich auch die Haltung zum Geld: Geld verliert seine zentrale Position im Leben der Menschen. Stattdessen wählen sie einen anderen Lebensentwurf, der das Glück nicht in angehäuftem Geld, sondern im Jetzt sucht.

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Verena Muntschick

Die studierte Germanistin, Anthropologin und Biologin ist seit 2014 für das Zukunftsinstitut tätig. Als Projektmanagerin, Researcherin und Autorin arbeitet sie an Studienprojekten und Auftragsarbeiten.