Fintech Future: Finanzservices von morgen

Fintechs treiben die Automatisierung der Finanzbranche voran, Robo-Advisors spielen eine immer wichtigere Rolle. Welche Konsequenzen hat der Fintech-Boom für etablierte Player? 

Von Christian Rauch (10/2016)

Zyniker unter den Trendforschern behaupten: Dass etwas mehr ist als ein bloßer Hype, merke man spätestens, wenn auch der Megatrend Gender Shift eine Entwicklung beeinflusst und Frauen Führungsansprüche in einem bislang von Männern geprägten Business durchsetzen. So verhält es sich jetzt auch mit Fintechs. In Deutschland baut Christine Kiefer, ehemals Investmentbankerin bei Goldman-Sachs, heute Gründerin von Pair Finance, gerade ein Fintech-Netzwerk für Frauen namens "Fintechladies" auf.

Kein Trend wird in der Branche derzeit so intensiv diskutiert und genau beobachtet, wie die zunehmende Zahl an Startups, die mit neuartigen IT-basierten Geschäftsideen auf den Markt drängen und digitale Dienste für Finanzgeschäfte anbieten. Investoren stecken immer mehr Geld in die jungen Unternehmen und befeuern so den Boom. Nach Analysen von Accenture sind die weltweiten Investitionen in Fintechs 2015 um 75 Prozent auf 22,3 Milliarden Dollar gewachsen. Seit 2010 flossen rund um den Globus insgesamt über 50 Milliarden Dollar in fast 2.500 solcher Finanz-Startups. Neben Venture-Capital-Gebern und Private-Equity-Unternehmen kommt das Geld zunehmend von großen Banken wie etwa Goldman Sachs, Citigroup und Santander, die in Fintechs inzwischen vor allem Kollaborateure statt Gegner sehen.

Die innovativen Finanzdienstleister, die derzeit wie Pilze aus dem Boden schießen, definieren die Art und Weise neu, wie wir Geld aufbewahren, ansparen, wie wir es leihen, investieren, transferieren, ausgeben und schützen. Fintechs sind aber weit mehr als nur Finanztechnologie. Von Internetplattformen wie Lending Club oder Funding Circle, die Kreditnehmer und -geber zusammenbringen, bis hin zu alternativen Bezahlverfahren und Cyberwährungen, die Bargeld unnötig machen: vielfach handelt es sich dabei zugleich um soziale Innovationen, die auf Netzwerken und Communitys basieren und extrem kundenorientiert agieren. Sie ermöglichen erhebliche Zeit- und Kosteneinsparungen und sind dank mobilem Internet überall und jederzeit verfügbar. Vor allem aber richten sie sich konsequent an den individuellen Bedürfnissen der Kunden aus.

Sie sorgen nicht nur für bequemere Prozesse, einfachere Bezahlmethoden und schnellere Kreditvergabe, sondern auch für automatisierte Vermögensverwaltung – die klüger und besser funktionieren soll als jene durch menschliche Mitarbeiter. Die digitale Anlageberatung per Robo-Advisor wird zum besonders stark wachsenden Geschäftsbereich. Anders als in Europa und Asien, wo die Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckt, ist die Praxis der Robo-Advisors in den USA schon weiter fortgeschritten, wie das Beispiel des US-Fintech Betterment beweist: Mehr als 160.000 Kunden haben dort dem Unternehmen, das sich als intelligente Beratungsplattform für automatisierte Finanz- und Investmentgeschäfte versteht, genau dafür bereits Vermögenswerte in Höhe von 4,8 Milliarden Dollar anvertraut.

Sicherheitsbedenken? Auch in diesem Punkt sorgt der Digitalisierungstrend im Finanzbusiness für Fortschritte im Risikomanagment: In vielen Banken untersuchen längst Algorithmen immense Datenströme auf auffällige Muster, um etwa Betrugsversuche und Angriffe aus dem Internet frühzeitig zu erkennen.

Der aktuelle Erfolg überrascht nicht. Der gesellschaftliche Boden, auf dem die Fintech-Geschäftsmodelle derzeit sprießen, ist schon länger bereitet, die Digitalisierung der Finanzbranche hat nicht erst gestern begonnen. In Deutschland und Österreich erledigen heute laut Eurostat 51 Prozent der Bürger ihre Bankgeschäfte online, unter Internetnutzern sind es sogar sechs von zehn. Einer aktuellen Bitkom-Studie zufolge gehen 30 Prozent der Online-Banking-Kunden heute bereits gar nicht mehr in eine Filiale. Die Anwendungen werden immer mobiler: Der Anteil der Online-Banking-Nutzer, die für ihre Finanzgeschäfte Smartphone, Laptop oder Tablet verwenden, steigt, während der von Desktop-PC-Nutzern sinkt. Großes Potenzial für zukünftige Anwendungen haben zudem Online-Kredite und -Versicherungen, wie die Untersuchung zeigt.

Grafik zur Nutzung von Internet Banking

Dass inzwischen auch die Versicherungsbranche für Fintechs immer interessanter wird, liegt nach Überzeugung vieler Experten daran, dass Versicherer den Sprung ins Digitalzeitalter verpasst haben. Bislang basieren ihre Geschäftsmodelle und Produkte immer noch auf den alten Prinzipien des Risk-Poolings, der Berechnung von durchschnittlichen Prämien und Preisen – all dem, was zunehmend durch digitale Technologien angegriffen wird. Ob Wearables, Connected Cars oder Smart Homes – in der Ära des Internet of Things bilden immer mehr vernetzte Geräte neue, vielfältige Datenquellen für innovative Produkte in der Assekuranz. Sie können neue Versicherungsmodelle, eine bessere Customer Experience und günstigere Konditionen ermöglichen.

Diese Chancen nutzen nun immer mehr Startups. Inzwischen ist gar von "InsurTechs" die Rede: Die weltweiten Investitionen in diese Firmen haben sich laut Accenture zwischen 2014 und 2015 von 800 Mio. auf 2,6 Mrd. Dollar verdreifacht. Zwei Drittel davon sind in die Automatisierung von Versicherungen geflossen. Wie das in Zukunft aussehen kann, zeigt die Krankenversicherung Oscar Health: Sie kooperiert mit dem Wearable-Hersteller Misfit und belohnt sportliche Mitglieder, die ihre biometrischen Daten über einen kostenlos zur Verfügung gestellten Fitness-Tracker automatisch mit ihrem Kundenkonto bei der Krankenkasse verbinden.

Die Digitalisierung krempelt ganze Branchen um, und sie macht auch vor den Banken und Versicherungen nicht Halt. Zumal ihre Produkte größtenteils auf immateriellen Angeboten beruhen, die sich relativ einfach digitalisieren lassen. Selbst Beratung und Risikoanalysen werden schon bald wenigstens teilweise von Computern und Software übernommen. Künstliche Intelligenz mag heute noch an Grenzen stoßen, doch die Fortschritte sind groß. Mittel- bis langfristig werden Maschinen auch Leistungen vollbringen, die Kommunikationsfähigkeit und Kreativität einschließen. Zusammen mit klugen Fintechs, die die passenden Businessmodelle entwickeln, werden auch Finanzdienstleistungen künftig in zunehmendem Maße automatisiert angeboten, indem Algorithmen und künstliche neuronale Netze zum Einsatz kommen.

Die neuen Wettbewerber werden die klassischen Geldinstitute und andere Finanzdienstleister nicht völlig überflüssig machen, aber massiv unter Innovationsdruck setzen. Wenn traditionelle Unternehmen bereit sind, ihre Dienste und Prozesse zu hinterfragen und an den richtigen Stellen dem technologischen und gesellschaftlichen Wandel anzupassen, können Fintechs für sie vor allem eines sein: kluge, kreative Kooperationspartner, die mit ihren Angeboten die etablierten Player unterstützen.

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