Flow Economy: Wider die Altersstarre

Betrachtet man das Leben in seiner Gesamtheit, ist die Verfügbarkeit von freier Zeit sehr ungleich über das Leben verteilt – Zeit für eine Revision der Lebenslaufplanung.

Von Verena Muntschick (06/2016)

Eigentlich ist es verrückt: Wir diskutieren noch immer über die Unvereinbarkeit von Kind und Karriere, den Stress, beides gleichzeitig zu verwirklichen, die Angst vor Brüchen und Lücken im Lebenslauf, schließlich die Dreifachbelastung mit pflegebedürftigen Angehörigen und dann den Burnout mit 40. Parallel dazu jagt ein Retro-Trend den nächsten: Zurück zur Natur, zurück zu sich selbst, offline statt online, Zeit statt Geld.

Gleichzeitig ist das Prinzip der Rente von der Schonzeit für die Kranken in ihren letzten Lebensjahren zu einem bald 20 Jahre währenden Dauerurlaub mutiert, der von drei Vierteln der Bevölkerung kerngesund angetreten wird (Statistisches Bundesamt 2013). Im Schnitt kann man sogar damit rechnen, ab einem Alter von 65 Jahren noch sieben Jahre ohne irgenwelche gefühlten Einschränkungen bei täglichen Aktivitäten zu verbringen, bevor die ersten Rückenbeschwerden einsetzen (Eurostat 2013). Der Ruhestand ist zu einem ganzen Lebensabschnitt geworden, von dem schon Jahrzehnte vorher heimlich geträumt wird.

Kurz: Wir reißen uns in der Rush Hour des Lebens ein Bein aus und versuchen alles gleichzeitig zu schaffen, um dann endlich in den wohlverdienten Ruhestand eintreten zu können. Doch so richtig freuen tut sich am Ende doch keiner – denn alt sein, das möchte eigentlich niemand. Der Renteneintritt bedeutet gleichzeitig den Austritt aus dem Leben. Wer alt ist, wird von der Gesellschaft abgeschrieben. Senioren haben keinen besonders guten Ruf, sie sind ständig im Weg, halten mit ihrer seelenruhigen Gelassenheit als Sonntagsfahrer den Verkehr auf oder liegen dem Steuerzahler auf der Tasche.

Es ist offensichtlich, dass diese Form der Lebens- und Arbeitszeitplanung weder aus wirtschaftlich-finanzieller noch aus individual-psychologischer Sicht sinnvoll ist. "Was wir brauchen, ist eine neue Lebenslaufpolitik“ und „neue Muster für lange Lebensläufe": So forderte Bundespräsident Gauck bereits 2015 den Umschwung ein. Ein solcher ist nicht nur von staatlicher, sondern auch von Unternehmensseite her notwendig.


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Das bedeutet, weder bei kleinen Flexibilitätszugeständnissen wie Halbtagsarbeit, Sabbatjahren und Arbeitsverhältnissen über das Rentenalter hinaus stehenzubleiben, noch die (Aus-)Bildungszeiten noch weiter zu verkürzen. Vielmehr geht es darum, die (Ungleich-)Verteilung der Arbeit über die individuellen Lebensläufe hinweg komplett zu überdenken. Dieser Umschwung mündet konsequenterweise in flexible Arbeitszeitmodelle, Lebensarbeitszeitkonten oder in Grundeinkommenskonzepte, mit denen es möglich wird, verschiedene Lebensphasen so zu entzerren, dass freie Zeit genau dort verfügbar ist, wo sie gebraucht wird.

Das Motto "lebenslang tätig sein" statt "lebenslänglich arbeiten" erzeugt einen neuen Lebenssinn – und schafft gleichzeitig Freiraum für mehr Selbstbestimmung über die eigene Lebenszeit. Tätig sein im Haus, für die Familie, im sozialen, landwirtschaftlichen, kulturellen oder wirtschaftlichen Bereich: Das Wo und Wieviel wird dann frei wählbar – in dieser Flow Economy ist Tätigsein über den gesamten Lebenslauf verteilt.

Doch was wird aus dem lebenslang geträumten Traum vom Dauerurlaub? Wird der dann mit 20 gelebt – in der Hoffnung, am Ende des Lebens nicht mehr in die ausstehende Pflicht genommen zu werden? Tatsächlich verliert Nichtstun und Füßehochlegen seinen Reiz, wenn Arbeit nicht mehr als zeitraubender Zwang, sondern als sinnstiftende Aktivität ohne strenges Zeitdiktum und damit als willkommene Abwechslung zur Freizeit erlebt wird. Das zeigt sich an dem stetig steigenden Zeiteinsatz von Rentnern für freiwillige Tätigkeiten: Menschen wollen tätig sein – und zwar nicht vornehmlich erwerbsorientiert, sondern mit dem Fokus auf Sinn und Spaß.

Natürlich braucht es auch dafür Regeln. Doch diese müssen es uns ermöglichen, ein nichtlineares Leben führen zu können, sich nicht auf einen bestimmten Lebenslauf festlegen zu müssen, sich immer wieder neu erfinden zu können, flexibel zu bleiben. Und: auf diese Weise später auch der Altersstarre zu entgehen, die sinnbildlich geworden ist für eine Generation von Alten, zu der man nie gehören möchte.

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