Flüchtlingshilfe: Die Chance des 4. Sektors

Die aktuelle Flüchtlingssituation zeigt: Unsere Gesellschaft braucht neue Strategien für die Lösung hochkomplexer Probleme. Dabei wird Gemeinnützigkeit eine zentrale Rolle spielen – als neuer, zukunftsweisender “Vierter Sektor”.

Refugees-Welcome-Tanz in Hamburg
Refugees Welcome: Anwohner feiern mit Flüchtlingen in Hamburg. (Foto: Carolin Wiujiiji)

Der enorme Flüchtlingszustrom stellt unsere Gesellschaft vor unbekannte Herausforderungen. Gewaltsame Ausschreitungen und Hasstiraden gegen Flüchtlinge auf Facebook verraten viel über die Fragilität menschlichen Miteinanders, das sich schnell zum Gegeneinander verkehren kann. Gleichzeitig wird auf eindrucksvolle Weise sichtbar, wie die Netzwerkgesellschaft des 21. Jahrhunderts neue Formen von Selbstorganisation und Kollaboration gedeihen lässt. Diese neuen Netzwerkkräfte ergänzen die traditionellen drei Sektoren – Staat, Wirtschaft, Gemeinnützigkeit – um eine neue, zukunftsweisende Dimension: einen “Vierten Sektor”, der gemeinnützige Werte auf breiter gesellschaftlichen Basis etabliert. 

Das Zukunftsinstitut hat diese neue gesellschaftliche Macht im vergangenen Jahr in der Studie „Die Zukunft der Gemeinnützigkeit“ (Pdf-Download) untersucht. Zum Vorschein kam ein neues Mindset, das unsere Netzwerkgesellschaft prägt und einen tiefgreifenden Wandel im Miteinander zeigt. Angetrieben von der Suche nach Sinn, vom Wunsch nach selbstermächtigtem Handeln und von den kommunikativen Möglichkeiten digitaler Infrastrukturen, entstehen zunehmend eigenständige Formen von gesellschaftlicher Partizipation und Selbstorganisation. Diese neu etablierten Netzwerke läuten die Ära eines “Vierten Sektors” ein, der die Resilienz unserer Gesellschaft nachhaltig stärken kann. Genau das veranschaulicht auch der selbstorganisierte Umgang mit der aktuellen Flüchtlingssituation.

“Merkel? Egal, ich mach das selber”

Aktuell sprießen unzählige Initiativen aus dem Boden, die helfen wollen, Flüchtlinge menschenwürdig in unsere Gesellschaft zu integrieren. Die sozialen Medien sind voll mit Aufrufen, Spendensammlungen und Diskussionen, immer mehr Menschen engagieren sich in Privatinitiativen schnell und unbürokratisch selbst, frei nach dem Motto: „Vergiss Merkel, ich mach das selber.“ Zum Beispiel die Hamburger Initiative Refugees welcome, die ein spontanes Volksfest initiierte, bei dem Anwohner mit ihren neuen Nachbarn gemeinsam grillten, feierten, tanzten. Oder die Initiative „Flüchtlinge willkommen“, die Flüchtlinge über eine Online-Plattform an Wohngemeinschaften vermittelt, die sie aufnehmen.   

Zugleich belegen solche Initiativen aber auch das Versagen des Staates angesichts komplexer Problemlagen. Das zeigt etwa ein offener Brief an das Bundesministerium für Inneres in Österreich: Die hilfsbereite Autorin stößt an die Grenzen der staatlichen Bürokratie. Auch die Unflexibilität staatlicher Strukturen trägt somit dazu bei, dass die Bürger die Dinge selbst in die Hand nehmen.

Letztlich spiegelt sich darin eine neue soziale Realität: Der gesellschaftliche Wandel, maßgeblich angetrieben von dem Megatrend Konnektivität, prägt ein neues Netzwerk-Mindset – und verändert damit auch das Bild vom Das alte Entweder-oder weicht dem neuen Sowohl-als-auch Sozialstaat als hauptverantwortlichem Wohlstandsgenerator. Die kollektive Selbstsorge der Netzwerkgesellschaft lässt zivilgesellschaftliche, private und gemeinnützige Akteure zunehmend Funktionen ausüben, die ursprünglich nur staatlichen Institutionen zugeschrieben waren. Wir erleben einen fundamentalen Wandel unseres Denkens: Die alte Entweder-oder-Binarität wird abgelöst von einem neuen Sowohl-als-auch-Mindset, Patentlösungen weichen vielfältigen Ansätzen, Krisen werden nicht vermieden, sondern als Chance begriffen, und pragmatische Lösungen ersetzen idealistische Grabenkämpfe.

Dieser Paradigmenwechsel rückt Gemeinnützigkeit in ein neues, zukunftsweisendes Licht, auch angesichts der anhaltenden Flüchtlingsströme. Gemeinnützige Organisationen können besser reagieren auf hochkomplexe Herausforderungen, weil sie wertorientiert und nicht gewinnorientiert operieren. Und gerade weil gemeinnützige Werte heute nicht mehr exklusiv an den „Dritten Sektor“ gebunden sind, ist das Potenzial für ein gerechteres Miteinander größer denn je. So bildet das neue sektorenübergreifende Denken und Handeln die Basis für einen Evolutionssprung: vom herkömmlichen Dritten Sektor zum neuen, zukunfts- und komplexitätsaffinen „Vierten Sektor“, der ein übergreifendes, ganzheitliches Zusammenspiel aller drei Sektoren ermöglicht.

Die gemeinnützige Gesellschaft

Gemeinnütziges Handeln steht im Zentrum dieser Entwicklung, weil es seit jeher für die Werte steht, die in einer vernetzten Gesellschaft immer relevanter werden: Gemeinschaft, Nachhaltigkeit, Vertrauen, Transparenz. Mit einem Wort: Mitmenschlichkeit. Also exakt das, was sich in unzähligen Beispielen konkreter Unterstützung auf Facebook & Co. angesichts der aktuellen Flüchtlingslage manifestiert. Von dieser gemeinnützigen Haltung können – und müssen – sozialstaatliche Errungenschaften profitieren. Denn die Haltung der Gemeinnützigkeit wirft auch die Frage nach den künftigen Inhalten und Werten der Demokratie auf: Wie wollen und können wir die Gesellschaft der Zukunft gestalten? 

Von zentraler Bedeutung wird es dabei sein, die politischen Rahmenbedingungen den Denkprinzipien des 21. Jahrhunderts anzupassen – und damit zugleich den netzwerkaffinen Denkmustern der Gemeinnützigkeit. Im Kern stehen dabei die neuen Wir-Werte der Netzwerkgesellschaft: mehr Gemeinwohl, mehr Sinnhaftigkeit, mehr intensiver menschlicher Austausch. Diese Faktoren sind bereits angelegt und trainiert. Jetzt müssen nur noch mehr Möglichkeitsräume – physische wie psychische – entstehen, die als Katalysator für diese Faktoren wirken. Einer dieser Katalysatoren ist die selbstorganisierte Flüchtlingshilfe, die wir aktuell sehen können.

Mehr über die Potenziale der Next Economy lesen Sie im Trend Update.

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend Globalisierung

Megatrend Globalisierung

Die Globalisierung ist eine der zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Doch entgegen vieler negativer Überzeugungen und Prognosen haben sich viele globale Trends in den letzten Jahrzehnten zum Positiven entwickelt. Dank der Internationalisierung der Märkte partizipieren nun auch Schwellenländer am Welthandel, Wohlstand und wirtschaftlichen Wachstum.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Christian Schuldt

Der Systemtheoretiker und Autor beleuchtet in Publikationen und Vorträgen den digitalen Kultur- und Medienwandel. Sein Blick ist geschult für die kommunikativen Muster, die Menschen und Unternehmen verbinden.

Christiane Varga

Die Soziologin und Germanistin leitet im Zukunftsinstitut Forschungsprojekte für Unternehmen. Ihr Fokus liegt auf den Themen New Living, New Work, Geschlechterrollen und Tourismus.