Meet the Generation Global

Die Zeit der Nationen als wichtigste Organisationseinheit neigt sich dem Ende zu. Die Generation Global ist der Hoffnungsträger in diesem Wandlungsprozess hin zu einer hochkomplexen Welt, deren Grundstruktur die Vernetzung ist. Die Haltung der jungen Kosmopoliten ist keine Modeerscheinung, sondern verkörpert die Werte einer wachsenden Gruppe von Menschen. Ein gekürzter Auszug aus dem Report „Generation Global“

Von Lena Papasabbas

Stocksnap / Rawpixel.com / CC0

Viele blickten mit Sorge auf die Generation der Digital Natives, geboren nach 1980, die sich in irrealen virtuellen Welten zu verlieren schien. Prophezeit wurde der schleichende Verfall von sozialen Bindungen und Werten. Eltern fürchteten die Realitätsflucht ihrer Kinder in den Cyberspace. Jetzt wird die erste Generation der Digital Natives erwachsen – und die befürchteten Horrorszenarien bleiben aus. Weder hat Tinder die Wertigkeit von Paarbeziehungen gemindert, noch werden Facebook, WhatsApp und Snapchat dazu genutzt, in virtuelle Beziehungen abzudriften, sondern hauptsächlich um reale Freundschaften zu pflegen und die Freizeitplanung zu erleichtern. Die Digitalisierung einer ganzen Generation hat einen völlig anderen Effekt, als erwartet. Gemeinschaft und gesellschaftliche Verantwortung werden nicht etwa unwichtiger, sie gewinnen sogar an Bedeutung - online wie offline.

Links? Rechts? Global!

Die oft beklagte Politikverdrossenheit der Digital Natives ist dennoch real. Obwohl junge Menschen rund die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen, spielen sie weder im weltpolitischen Geschehen noch in der Tagespolitik eine nennenswerte Rolle. Dabei sind sie das wichtigste Gegengewicht für nationalistische und rechtspopulistische Strömungen: Sie haben nicht für den Brexit gestimmt, wählen nicht die AfD und waren nie für Trump. Eingemischt haben sie sich allerdings auch nicht. Die Jungen halten sich raus. Warum?

Ein wichtiger Grund ist, dass die Ordnung der politischen Landschaft einer vergangenen Zeit angehört, die großen Teilen der jungen Bevölkerung fremd erscheint. Das politische Rechts oder Links ist angesichts einer globalisierten Die großen Probleme unserer Zeit sind ohne vernetztes Denken und transnationales Handeln nicht lösbar. und digitalisierten Welt nicht mehr zeitgemäß und das daraus resultierende Spannungsfeld irrelevant geworden. Die Pole, um die es heute geht, spannen sich eher zwischen „globalisiert“ und „national“ als zwischen links und rechts.

Globale Ökologie, Medien, Wirtschaft und Märkte einerseits und nationale Politik andererseits passen nicht zusammen. Entweder muss sich die Politik globalisieren oder Wirtschaft und Ökologie müssen sich nationalisieren. Zweiteres steht für die Generation Global nicht zur Debatte. Internationale Konzerne halten sich genauso wenig an nationale Grenzen wie der Klimawandel, Krankheitserreger, YouTube-Videos oder Menschen auf der Flucht. Für die Digital Natives ist klar: Es gibt kein Zurück, die globale Vernetzung ist unumstößlicher Fakt und wird als positive Chance gedeutet:

Auch wenn die Globalisierung und ihre Technologien zunehmend ein Angst-Thema sind, eine objektive Betrachtung des Zustands der Menschheit zeigt: Eigentlich profitieren wir von den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Mangel und Kriege nehmen insgesamt ab, Alphabetisierung und Bildung zu. Die globale Mittelschicht wächst.

Tatsächlich ist der Zustand der Menschheit im Großen und Ganzen so gut wie nie zuvor. Der Wunsch nach dem Zurück, wie ihn rechtspopulistische Parteien einfordern, erscheint angesichts der historischen Fakten geradezu irrsinnig.

Young, committed, european

Schon seit der „Flüchtlingskrise“, spätestens aber seit dem überraschenden Wahlsieg Trumps, werden junge Menschen überall in Europa aktiv. Nur eben nicht in Parteien, Gewerkschaften oder Kirchen. Tatsächlich werden fast täglich neue Initiativen gegründet, die Europa bzw. die Demokratie unserer Zeit verteidigen sollen.

POLIS180 zum Beispiel, ist ein Grassroots-Thinktank für eine neue deutsche Außen- und Europapolitik, der sich abseits von parteipolitischen Linien und Formaten für ein weltoffenes Deutschland und Europa engagiert. Die Kampagne #FreeInterrail von Martin Speer und Vincent-Immanuel Herr hat ein ganz konkretes Ziel: Jeder EU-Bürger soll zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket geschenkt bekommen, um quer durch Europa zu reisen. Denn die Gründer der Initiativen sind überzeugt: Reisen hilft, Vorurteile abzubauen.

Perspective Daily, die Krautreporter, CORRECT!V oder die Neuen Deutschen Medienmacher sind alles Projekte der jungen Generation Global, die fern von Click Baiting, Fake News und den Zwängen der Aufmerksamkeitsökonomie Reportagen und Debatten über politische und gesellschaftliche Fragen vorantreiben. Das European Youth Forum vertritt 100 Jugendinitiativen aus ganz Europa und vernetzt Millionen von jungen Menschen über Grenzen hinweg, online als auch offline in Form von Konferenzen und anderen Events.

Das Ende der nationalen Identität

Noch vor 100 Jahren sind junge Männer in Scharen für ihr Land in den Krieg gezogen. Heute ist es für einen Großteil der jungen Menschen undenkbar, für ein soziopolitisches Konstrukt wie den Nationalstaat ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Die internationale Befragung von Globescan zeigt: Erstmals sehen sich heute mehr als die Hälfte der Befragten eher als Weltbürger denn als Bürger ihres jeweiligen Landes.

Die Konnektivität und die damit einhergehende Digitalisierung des Alltags ist nur ein Grund für diese veränderte Haltung. Es gibt mehr Smartphones in Benutzung auf der Welt als Zahnbürsten. Das Hochladen von Fotos und Videos ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Dadurch werden auch die hässlichen Seiten der Globalisierung sichtbar, wie der Klimawandel, Umweltverschmutzung und Ausbeutung von Menschen in Niedriglohnländern.

Wie kann eine Lösung für diese Probleme aussehen? Klar ist: Es fehlen globale Regularien für globale Produktionsketten. Ein Universal-Mindestlohn würde ausbeuterische Handels- und Produktionsketten sofort sprengen. Genauso muss in Fragen der Gesundheit und der Bildung zunehmend über den Nationalstaat hinaus gedacht werden. Auch können globalen Umweltproblemen nur mit globalen Lösungsansätzen ernsthaft begegnet werden.

Die Auflösung der nationalen Identität wird außer durch Konnektivität durch einen weiteren zentralen Megatrend vorangetrieben: die Individualisierung. Individualisierung bedeutet die Freiheit der Wahl in Kombination mit einer nie dagewesenen Optionenvielfalt. Das postmodernen Individuum steht also einer schier unendlichen Vielzahl von Möglichkeiten gegenüber: Wie will ich leben, welche Medien konsumiere ich, was möchte ich arbeiten, wie will ich wohnen, lieben, essen, mich kleiden usw. Dies hat in vielen Ländern zu einer Abkehr von großen Kollektiven wie Kirche oder Nation geführt – jedoch nicht zu einer Gesellschaft der Einzelgänger. Ganz im Gegenteil. Gemeinschaft und Wir-Gefühl sind in der Generation Global von zentraler Bedeutung. Allerdings sind die Gruppen, zu denen man sich zugehörig fühlt, selbst-gewählt. Vernetzung und Mobilität machen es leicht, Gleichgesinnte zu finden und sich mit ihnen zu verbinden.

Eine zentraler Faktor für die Selbstwahrnehmung der Generation Global als Weltbürger ist außerdem ihre steigende Mobilität. Reisen ist für die jungen Mittelklassen dieser Welt zum Lebensstil geworden. Viele haben mit Anfang 20 schon mehr von der Welt gesehen als ihre Großeltern in ihrem ganzen Leben. Und: Wer viel reist, reflektiert die eigene Sozialisation im Spiegel anderer Kulturen – und erkennt das eigene, urmenschliche, verbindende Element im Fremden.

Ein gekürzter Auszug aus dem Report „Generation Global“

Empfehlen Sie diesen Artikel!

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend Globalisierung

Megatrend Globalisierung

Die Globalisierung ist eine der zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Doch entgegen vieler negativer Überzeugungen und Prognosen haben sich viele globale Trends in den letzten Jahrzehnten zum Positiven entwickelt. Dank der Internationalisierung der Märkte partizipieren nun auch Schwellenländer am Welthandel, Wohlstand und wirtschaftlichen Wachstum.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Lena Papasabbas

Lena Papasabbas ist Kulturanthropologin und begleitet seit 2014 für das Zukunftsinstitut Projekte im Research-Bereich. Ihr Schwerpunkt ist die redaktionelle Arbeit bei Auftragsstudien.