Gesundheit in der Pro-Aging-Gesellschaft

Der demografische Wandel bedeutet auch den Abschied vom Anti-Aging-Wahn. Statt um Selbstoptimierung geht es künftig um Wohlfühlkompetenzen und Gesundzufriedenheit.

Von Jeanette Huber (06/2016)

Foto: iStock / BraunS

Auf dem Fußballplatz bilden Spieler über 40 und Trainer unter 40 Jahren eine Ausnahme. Vor uns aber liegt eine Gesellschaft, die in der Mehrheit aus Über-50-Jährigen bestehen wird, die 100 Jahre und älter werden können: Deutschland wird eine „Gesellschaft der Trainer“, in der der 50. Geburtstag die Mitte des Lebens markiert. Diese Zukunft kollidiert mit den zentralen Werten der heutigen Leistungsgesellschaft, die sich um Schnelligkeit, Macht, Kraft und Wettbewerb drehen. Es ist Zeit, diese ausschließlich an der Jugend orientierten Altersbilder in Frage zu stellen.

60-Jährige sind heute fitter, cooler und welterfahrener als je zuvor. Sie bestellen ihr Marcumar im Internet und haben Social-Media-Accounts. Männer über 65 Jahren dürfen skaten und mountainbiken, Frauen gleichen Alters dürfen Rocksäume überm Knie und kirschroten Lippenstift tragen – das sind keine geringen Errungenschaften. Das "Downaging", der subjektiv gefühlte Verjüngungsprozess einer alternden Gesellschaft, führt jedoch auch in die Sackgasse der Anti-Aging-Kultur. Der Begriff strahlt uns tausendfach entgegen, auf Cremes, Reiseprospekten und Illustrierten. Er ist so normal geworden, dass wir nicht einmal mehr darüber nachdenken, wie wir uns selbst gegen das Alter in Opposition bringen.

Doch eine positive Alterskultur hat mehr Potenzial. Schon seit geraumer Zeit spielen Marketing-Strategen, etwa in der Kosmetikindustrie, mit einem Gegenentwurf: dem Pro-Aging. Wer in seinem Leben Verletzungen und Verluste erfahren hat, wer Erfolge feiern durfte, wer Lebenskrisen bewältigt hat, kann Resilienz aufbauen, eine auf eigenen Ressouren gründende Widerstandsfähigkeit. Wer einmal 60 Jahre alt geworden ist, hat nicht nur Lebenserfahrung, sondern auch die reelle Chance auf Lernprozesse (sie zu nutzen ist allerdings anstrengend und nicht jeder ergreift diese Gelegenheit voller Begeisterung).

Was wir künftig umso mehr brauchen, ist eine Pro-Aging-Kultur: eine gesellschaftliche Wertschätzung von Werten, die mit dem Alter verknüpft sind – Ruhe, Gelassenheit, Weisheit. Und Achtsamkeit: die Fähigkeit, die Welt mitfühlend zu erleben, ohne sofort affektiv auf alles reagieren zu müssen. Eine solche Pro-Aging-Kultur setzt auch einen menschlichen Gegenpunkt zum juvenilen Gesundheitswahn.

Der Psychiater George Vaillant beschreibt drei Dimensionen der Altersweisheit: die Fähigkeit, die Bedeutung flüchtiger Phänomene zu erfassen, die Fähigkeit zur Reflexion, zum Einnehmen unterschiedlicher Perspektiven und die Fähigkeit, sich um das Wohlergehen anderer Menschen zu kümmern. Dass eine so definierte Weisheit unserer Gesellschaft beim richtigen Umgang mit der Digitalisierung oder der Entwicklung einer “fairen” und bedürfnisorientierten Ökonomie helfen könnte, liegt auf der Hand. Mit dem Alter konnotierte Werte können zur Weiterentwicklung unserer ganzen Gesellschaft beitragen.

Heute ist der enge Zusammenhang von Lebensstil, -dauer und -qualität in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Gesundheitliche Selbstverantwortung ist Trend, Sportlichkeit ist ein Statussymbol.
 Oft führt das jedoch dazu, dass die eigene Gesundheit so gemanagt wird wie ein Vertriebsteam: datenbasiert, garniert mit Tortengrafik und Langzeitauswertungen. Träger von Fitness-Armbändern zeichnen Bewegungs-, Ernährungs- und Schlafmuster auf und werten sie aus. Auch wenn die Beobachtung der eigenen Leistungsfähigkeit motivieren und Trägheit vorbeugen kann: Das Self-Tracking birgt auch Gefahren. Die Sport-App kann die Verinnerlichung des Leistungsgedankens
 in Bezug auf den eigenen Körper befördern. Sie sagt uns, wie unser Herzschlag beim Sport sein sollte – und gleichzeitig verlieren wir womöglich die Fähigkeit, unseren Herzschlag selbst zu spüren.

Gerade wenn die ersten Zeichen des Alters auftreten, wird das Leben für viele zur angestrengten „Gesunderhaltungsbemühung“. So mancher befindet sich auf einem „Hardcore Health Trip“ mit ehrgeizigem Sportprogramm und einer rigiden Ernährung. So begrüßenswert ein gesunder und sportlicher Lebenswandel auch ist – er verleitet zur Verkennung einer unumstößlichen Wahrheit: Wir können den Körper nicht austricksen. Auch wer sich noch so sehr anstrengt, wird den körperlich-geistigen Status quo nicht ewig erhalten können. Deshalb brauchen wir eine Gesundheitskultur, die den Prozess des Alterns zur Kenntnis nimmt und ihm entspricht.

Konzepte, die darauf bauen, dass Menschen sich langfristig kasteien und zu etwas zwingen, können nicht langfristig erfolgreich sein. Gesundheit entsteht nicht aus Verboten und Unterlassungen – kein Zucker, kein Fett, kein Salz, kein Essen nach 18 Uhr… Gesundheit entsteht aus Positivem: über die Verstärkung dessen, was Menschen wertschätzen und was ihnen Freude macht.

Und damit kommen wir zum Genuss. Genuss hat direkten Einfluss auf die subjektive Lebensqualität. Doch Genuss ist eine Vokabel, die in der traditionellen Medizin keine Rolle spielt. Ein genussfreundliches Gesundheitskonzept ändert unter anderem das Verständnis von gesundem Essen und Trinken. Es erlaubt Koffein im Kaffee, Kohlenhydrate im Bier, Fett in der Sahne. Es genehmigt den täglichen Spaziergang, statt den Marathon zu erzwingen. Gleichzeitig löst es das bipolare Denken in “richtigen” und “falschen” Lebensmitteln ab. Das Verständnis einer gesunden Ernährung wird ganzheitlicher. Ausgewogenheit und Vielfalt der Lebensmittel wird zum entscheidenden Schlüssel für eine gesunde Ernährung. In unserer fleischlastigen Esskultur bedeutet das vor allem die Aufwertung von Gemüse.


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Gesundheit entsteht nicht durch Moleküle, Medikamente und Maschinen. Der gesundheitliche Effekt der Teilnahme an einem Volkslauf geht weit über das kardiovaskuläre Ausdauertraining hinaus. Das Wir-Gefühl und die Anerkennung der anderen wirken ebenfalls positiv auf die Gesundheit, hinzu kommt das emotionale Hoch nach der gemeisterten Herausforderung. Aus der Glücksforschung wissen wir, dass eine gute Partnerschaft und Freunde, Kinder oder auch eine erfüllende Tätigkeit erheblich zur Lebensqualität beitragen. Gesundheit ist ein komplexer körperlich-geistiger Prozess.

Das Alter ist in unserer Gesellschaft häufig negativ besetzt: defizitär, gekennzeichnet von einem Mangel an geistiger und körperlicher Beweglichkeit, einem Mangel an sozialen Kontakten, einem Mangel an neuen Impulsen. Die Realität aber ist anders, ambivalent. Einerseits haben die neuen Alten eine völlig gewandelte Selbstwahrnehmung, fühlen sich im Alter sehr viel jünger als sie es sind. Doch auch wenn ältere Menschen körperlich, geistig und seelisch nie fitter waren als heute, auch wenn wir immer mehr gesunde Lebensjahre gewinnen, den Beginn von Krankheit immer weiter hinauszögern können und immer schöner altern: Altern bleibt ein Prozess, in dem es mit Einschränkungen fertig zu werden gilt. Dem ist mit einer alters-aversiven Anti-Aging-Kultur und mit einem jugend-fixierten Wertekanon nicht beizukommen.

Das Rostocker Zentrum zur Erforschung des demografischen Wandels ist der Frage nachgegangen, was das Leben verkürzt. Natürlich kosten die klassischen Risikothemen viele Lebensjahre: Zigaretten, Alkohol, Falschernährung. Auch für eine Scheidung bezahlt man statistisch mit drei bis vier Jahren. Noch viel mehr Lebenszeit kostet die Unzufriedenheit mit der eigenen Gesundheit: Frauen elf, Männer sogar 14 Jahre. Auch das weist darauf hin, dass eine „Gesellschaft der erfahrenen Trainer“ eine Gesundheitskultur braucht, die den Prozess des Alterns nicht ausblendet, sondern ihn zur Kenntnis nimmt und lernt, mit ihm umzugehen.

Anfang der 90er Jahre legte Paul Baltes, einer der weltweit führenden Gerontologen, seine Überlegungen zum erfolgreichen Altern dar. Sein “SOK-Modell“ (Selektive Optimierung durch Kompensation) erläuterte er am Beispiel des Pianisten Arthur Rubinstein. Dieser schränkte im Alter sein Repertoire ein (Selektion), übte diese Stücke besonders gründlich (Optimierung) und verlangsamte sein Tempo vor schnellen Passagen so, dass die nachfolgenden Läufe im Kontrast besonders schnell wirkten (Kompensation). Gerade beim Älterwerden müssen Menschen lernen, phantasievoll mit ihren Schwächen umzugehen.

Wendet man diesen Prozess der individuellen Anpassung von Zielen, der Stärkung vorhandener Ressourcen und der Suche smarter Bewältigungsweisen auf das Verständnis von Gesundheit an, heißt das:

  • Jeder entscheidet selbst, was “gesund sein” für ihn bedeutet
  • Jeder greift dabei auf die ihm eigenen körperlich-sozialen Ressourcen zurück
  • Jeder kompensiert Defizite mit Witz und Geschick

Das gewünschte Ziel ist dann nicht einfach Gesundheit, sondern persönliche Gesundzufriedenheit, ein Zustand, den man selbst mag und wertschätzt. Das Konzept „Gesundzufriedenheit“ ist positiv, alterungsgerecht und authentisch.

Heute sind wir noch nicht so weit. Die Anti-Aging-Kultur hat ganze Altersvermeidungs-Industrien entstehen lassen, von Kosmetik und Mode bis zu Sport und Wellness. Selbst Gesundheits-Urlaube spiegeln heute die Gesundheits-Leistungskultur wider. Menschen überfrachten die schönste Zeit des Jahres mit ihren Erwartungen, führen einen Kreuzzug gegen die Langeweile. In der Folge wird leichte, leere „Frei-Zeit“ zur Belastung, zum Stress. Morgens Sonnengruß, dann Zumba, Kräuterwandern und Tai Chi zur guten Nacht.

Wellnessangebote mäandern heute um die Kernelemente Entspannung, Verwöhnung und Verschönerung. Sie werden passiven Individuen als kostspielige Services angeboten, und sie ändern meistens… nichts. Denn zentral für das angestrebte gute Lebensgefühl ist nicht ausschließlich die Vermittlung von Wohlgefühl, sondern die Vermittlung von Wohlfühlkompetenzen. Für Anbieter übersetzt sich das in die Aufgabe, Menschen dabei zu helfen, neues Gesundheitswissen zu erwerben und dieses auch im normalen Alltag umzusetzen. Eine Alltagstauglichkeit der Empfehlungen ist dafür entscheidend. Die neue Wellness-Maxime könnte lauten: Gesundheit durch Handlung statt Behandlung.

Wahrscheinlich wird sich das Anti-Aging als Thema und Markt in den nächsten Jahren noch halten, denn die Industrie befriedigt damit massive Bedürfnisse. Doch wer als Anbieter am Mythos der ewigen Jugend festhält, landet über kurz oder lang in der Sackgasse. Es werden neue Pro-Aging-Märkte entstehen, die sich um Ruhe und Gelassenheit, Reflexion und Weisheit drehen.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Achtsamkeit. Sie handelt von Aufmerksamkeit und Bewusstheit – auch sich selbst gegenüber. Es geht darum, die eigene Befindlichkeit zu spüren und Gesundheitskompetenzen auszubilden: wissen, wie man sich gesund ernährt, wie man genießt, wie man mehr Bewegung natürlich in den Alltag integriert, wie man zwischen den Herausforderungen des Alltags und den Entspannungsphasen eine wohltuende Balance herstellt.

Ein Indiz für das Aufkommen einer Pro-Aging-Kultur ist deshalb auch die Renaissance der Philosophie. Menschen nehmen sich wieder Zeit zur Reflexion, Zeit für die Frage nach dem Sinn des Lebens. Der Erfolg von Sachbüchern, Philosophie-Magazinen, philosophischen TV-Talks und Philosophie-Festivals zeigt, dass das Reflektieren und Philosophieren langsam einen Platz im Alltag einnimmt. Auch das ist ein wichtiger Teil des Gesundheitsmarktes von morgen: die Beschäftigung mit den großen Fragen des Lebens.

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