Das Ende des Sports

Sport als reine Leistungssteigerung ist für viele Menschen unbefriedigend geworden. Immer mehr wollen sich abseits des Optimierungswahns im eigenen Körper wohlfühlen, ihren Körper neu entdecken. Ein Auszug aus unserer neuen Studie "Health Trends".

Von Yvonne Winnefeld

Heute verbreitet sich ein achtsameres Verhältnis zum eigenen Körper in der Gesellschaft. Bewegung stärkt den Körper und fördert das Wohlbefinden – sie hält gesund. Dabei wird Bewegung als Grundmodus von Aktivität und als menschliches Grundbedürfnis neu wahrgenommen. Waren Büroplätze einst Teil des angesehenen sozialen Status, wünschen sich heute immer mehr die Rückführung zur Bewegung, sei es vor, nach oder sogar während der Arbeit. Was über die Jahre durch gesellschaftliche Konditionierungen verlernt wurde, wird nun neu entdeckt.

38 Prozent der Menschen treiben heute mehrmals pro Woche Sport – ein generationenübergreifender Trend, der sich auch auf die Nachfrage nach Fitnessstudios auswirkt: Die Mitgliederzahlen wachsen stetig, allein in den letzten fünf Jahren stiegen sie von sieben auf knapp elf Millionen. Dabei ist dies nicht einmal der primäre Ort, an dem Menschen sich körperlich betätigen: Die Menschen möchten immer weniger an Hantelbänke und Beinpressen gefesselt sein, 42 Prozent der sporttreibenden Deutschen findet man im Freien, in Österreich sind es sogar über die Hälfte der Menschen mit Bewegungsdrang. Jeder Vierte ist auch auf dem Weg zwischen zuhause und anderen Zielen (z.B. Arbeit) körperlich aktiv.

Die Natur als Fitnessraum

Das Bedürfnis nach Bewegung wird immer situativer. Menschen wollen sich genau dann bewegen, wenn sie gerade den Wunsch danach haben. Die Gelegenheit soll zum Bedürfnis passen und nicht andersherum. Beliebt sind deshalb auch die zahlreiche Möglichkeiten bietenden Freestyle-Flächen in den Städten: Bei gutem Wetter belagern selbstorganisierte Fitnessgruppen den öffentlichen Raum. Auch der Wunsch nach Outdoor-Kursen wächst bei den Verbrauchern. Spielanlagen, Parkbänke oder auch umgestürzte Bäume am Wegrand werden zur Trainingsfläche umfunktioniert. Die Bewegungsmöglichkeit im freien Raum statt an Geräten bietet optimale Bedingungen: Hier wird oft ohne Hilfsmittel trainiert. Das Gewicht des eigenen Körpers reicht aus, um zahllose Übungsvarianten durchzuführen – und senkt nebenbei das Verletzungsrisiko gegenüber dem Gerätetraining. Fitnessanbieter, die das in ihrem Angebot berücksichtigen, haben künftig die Nase vorn.

BEST PRACTICE: Arbeit mit statt an dem Körper

Calisthenics, aus dem Altgriechischen ("schöne Kraft"), ist eine der vielen Fitnessbewegungen, für die nur das eigene Körpergewicht benötigt wird und keine Trainingsgeräte und Zubehör verwendet werden. Trainiert wird oft im freien öffentlichen Raum. Die "human flag", eine der Königsdisziplinen der Calisthenics-Bewegung, ringt dem Trainierenden Für die Movement Culture gilt:
gut und gesund ist alles, was Spaß macht und zu den persönlichen Neigungen passt.
Kraft, Technik und vor allem Körperspannung ab – eine Übung, die vor allem hohe Motivation und Geduld fordert, nicht einen bestimmten Bizepsumfang. "Bei Calisthenics startest du mit einer Wiederholung. Danach bestimmst du, wohin die Reise geht", erklärt Frank Medrano, Calisthenics-Star, in einem Interview.

Für den Trend zur Movement Culture gilt: gut und gesund ist alles an Bewegung, was Spaß macht und zu den persönlichen Neigungen passt – egal, um was für eine Bewegungsart es sich handelt: auch Spazierengehen zählt. Spaß ist auch für 40 Prozent der aktiven Deutschen eine der Motivationen, um sich körperlich zu betätigen. Und so erfährt z.B. das Trampolinspringen einen noch nie dagewesenen Boom in Deutschland – ein Trend, auf den zahlreiche Hallenbetreiber bereits aufspringen. Vom einfachen Herumhüpfen bis zum Akrobatiktraining ist alles möglich – der Wohlfühl-Aspekt steht hier absolut im Vordergrund.

BEST PRACTICE: Springspaß für jedermann

Das Jump House ist marktführender Trampolinpark in Deutschland. Die Inhaber Christoph Ahmadi und Till Walz eröffneten bereits 2014 ihren ersten Standort in Hamburg. Schon bald folgten Häuser in Berlin, Flensburg und bald auch in Köln. Sie bieten Springen für jedermann. Sei es für das einfache Herumhüpfen mit Freunden, Akrobatik, Teamsportarten wie Basketball oder sogar als Team-Event für Firmen. Hier verbindet sich körperliche Fitness mit der Lust am "Abheben".
jumphouse.de

Diese individuelle Bewegungslust provoziert Reaktionen vom Markt. Nicht umsonst stellte Nike kurz vor Beginn der diesjährigen Olympischen Spiele in Rio seinen altbewährten Slogan "Just do it" in den Schatten der neuen Nike-Kampagne: "Unlimited You" fasst das neue Lebensgefühl einer neuen Bewegungskultur zusammen. Die neue Botschaft lautet nicht mehr "Mach Sport!", sondern: "Entfalte dich!".

Dieser Text ist ein Auszug aus der im Oktober 2016 erschienenen Studie "Health Trends".

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

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Yvonne Winnefeld

Yvonne Winnefeld ist als diplomierte Kommunikationsdesignerin für die medienübergreifende Gestaltung von Text, Idee und Information tätig. Bevor sie 2015 nach Deutschland zurückkehrte, arbeitete sie in Lissabon und New York freischaffend. Sie bringt ihre Erfahrung in den Bereichen Visual Storytelling und wertorientierte Konzepte ein.