Heurökonomie: Mehr Aha-Erlebnisse

Dr. Carl Naughton über die erfolgreiche Erschließung kreativer Unternehmenspotenziale – und das Schaffen einer „Heureka-Kultur“ durch Führungskräfte.

Von Dr. Carl Naughton (12/2015)

Acht von zehn Menschen sind davon überzeugt, dass die Erschließung unseres kreativen Potenzials der Kern wirtschaftlichen Erfolges ist. Aber nur einer von vier Befragten glaubt, dass er sein volles kreatives Potenzial auch ausschöpfen kann. 75 Prozent sagen sogar, dass sie zunehmend unter Druck stehen, produktiv zu sein, also Ergebnisse zu erzielen, obwohl man von ihnen eigentlich erwartet, kreativ zu sein, also neue Lösungen zu entwerfen.

Angesichts dieser Ergebnisse kommt die Studie (Adobe Foundation 2012) zu dem Schluss, dass wir es mit einem Creativity Gap zu tun haben. Und dieses Phänomen wächst sich in unserer Wirtschaft 4.0 schnell zum Innovation Gap aus: der Lücke im Anspruch vieler Unternehmen, innovativ sein zu wollen, und doch keine Innovationen hervorbringen zu können. Doch was ist das eine, was das andere, und was haben beide gemeinsam?

Kreativität und Innovation sind jeweils eine Mischung aus Originalität und der Effektivität der Lösung. Zwar wird auch von kreativen Lösungen erwartet, dass sie Nutzenbringer sind, doch in der Regel besteht der Anteil bei kreativen Lösungen zu zwei Dritteln aus der Originaliät und nur zu einem Drittel aus dem Nutzeneffekt. Innovative Lösungen hingegen verfügen über das umgekehrte Verhältnis. Der Nutzen steht mehr im Fokus als die Originalität.

Enter 2015: Am 5. November 2015 gibt Thomas Sattelberger in einem Interview mit der Wirtschaftswoche zu verstehen: "Es ist schön, dass Cryan die Deutsche Bank radikal umbaut und Volkswagen jetzt grün werden will, aber warum kommen Unternehmen immer erst auf so etwas, wenn es in die Hose gegangen ist?"

Die schmerzhafte Wahrheit, die VW oder die Deutsche Bank laut Sattelberger gerade erleben, ist, dass viele Innovationsmaßnahmen scheitern oder überhaupt erst nach einem schwerwiegendem Problem angegangen werden. Denn den oben beschriebenen Mix zu erzeugen gelingt nur, wenn zwei zentrale Faktoren in der Innovationsarbeit Beachtung finden:

  1. Fokus auf das Individuum: Die Arbeitsvoraussetzungen für das kreativen Hirn beachten
  2. Fokus auf die Organisation: Das Wissen um die innovations-fördernden Prozesse nutzen

 Individuelle "Heureka"-Momente

Der englische Schriftsteller William Plomer sagt über die Kreativität: "Sie ist die Kraft, Dinge zu verbinden, die zuvor nicht zusammen gehört haben." So unbekannt der Autor ist, so fundamental richtig ist seine Aussage. Die Kreativitätsforschung nennt diesen Kern die "Einsicht", im Alltagsdeutsch sagen wir: das "Aha-Erlebnis". Der renommierte US-Kreativitätspsychologe Mark Beeman bezeichnet diese Hirnleistung des einzelnen Menschen sogar als den Grundsatz kreativen Denkens und damit aller innovativen Lösungen.

Inzwischen kann die Forschung mittels EEG die Hirnströme des "kreativen Denkens" sichtbar machen: Kreativität benutzt ganz bestimmte Hirnbereiche im Scheitellappen; davon haben wir einen rechts und einen links. Das Spannende dabei: Links funkt’s im Hirn eher beim analytischen Denken. Da sind die Verbindungen der Nervenzellen zueinander kurz. Das ist hilfreich, um Infos aus Arealen in der Nähe abzurufen. Rechts verzweigen sich die Verbindungen sehr viel weiter. Die Folge: So kommen tatsächlich weiter voneinander entfernte Informationen zusammen. Und das erzeugt den Geistesblitz.

Erfolgsrezept: Schotten dicht, Licht aus

Wirklich erstaunlich ist dabei jedoch noch ein weiterer Prozess: Es gibt nämlich eine Sekunde vor diesem "Aha-Moment" einen deutlichen Alphawellenausstoß in dem Teil des Hirns, in dem wir Bilder verarbeiten. Alphawellen aber bedeuten, dass Input unterdrückt wird. Also: Kurz vor der Lösung macht das Hirn die Augen zu. So wird einer zerbrechlichen, neuen Idee erlaubt, an die Oberfläche zu kommen. Die Alphawellen sollen Ablenkung ausblenden, damit dann der "Aha-Moment" in Ruhe passieren kann. Man kann das den Leuten sogar ansehen: Achten Sie mal darauf, wenn Sie jemandem eine schwierige Frage stellen – der schaut weg oder schließt die Augen. Er will intuitiv visuelle Ablenkung vermeiden. Fazit: Wenn Sie mehr Ideen haben wollen, sperren Sie die Ablenkungen der Außenwelt aus. "Schotten dicht" ist dann tatsächlich die Devise des Hirns.

Schon 1896 sagte Woodrow Wilson: "Kreativität ist ein frisches Paar Augen." Stimmt sicher, aber die Aussage von Hartmut Holzmüller von der TU Dortmund trifft es noch besser: "Augen, die nichts sehen, sind am kreativsten." Holzmüller belegte das direkt in der Praxis und machte in seinem Experiment in einem Raum das Licht aus und die Fenster zu. Absolut duster war es dann. Effekt: Die unsichtbaren Gesprächspartner in der Dunkelkammer wurden wesentlich kreativer als die außerhalb. In Zahlen heißt das: Licht aus macht fast 30 Prozent kreativer. Die Gründe: Keine Ablenkung von außen, größere Offenheit und weniger Hemmungen. Denn wir können die positiven und negativen gefühlsmäßigen Reaktionen der anderen auf unsere Ideen nicht sehen und agieren daher freier.

Die "Heureka-Kultur"

Der Einsatz solcher Innovationstechniken braucht wiederum Erlaubnis- und Erlebnisräume. Dies zu ermöglichen, ist die Aufgabe der Organisation. Doch es zeigt sich immer wieder, dass es an genau diesem Bestreben oder gar am Wissen darüber, Innovation systematisch zu formen, mangelt. Eine Umfrage bei 765 CEOs belegte bereits 2008, dass diese zwar instinktiv verstehen, wie wichtig ihr Anteil an der Entwicklung einer Innovationskultur ist – dass sie zumeist aber nicht wissen, wie sie es anstellen sollen, eine solche zu etablieren (vgl. Chapman et al).

Was schon passiert, wenn nur einfachste Techniken Teil der Innovationskultur werden, belegt das Beispiel der "Generic Parts Technik": Menschen, die sie nutzen, lösen bis zu 67 Prozent mehr Probleme, die kreative Einsicht benötigen. Das ist so vielversprechend wie unbekannt. Und einer der Erfolgsfaktoren ist die unübertreffliche Einfachheit des Vorgehens.

Nehmen wir an, Sie sollen ein Problem kreativ lösen, bei dem der Einsatz von bestimmten Objekten eine Rolle spielt. Dann stellen Sie am besten die folgenden zwei ganz einfachen Fragen:

  1. Kann ich die betreffenden Objekte weiter in ihre Bestandteile herunter brechen?
  2. Beinhaltet meine Beschreibung des Objektes schon einen Gebrauch – und engt mich dadurch ein? Wenn ja, schreiben Sie funktionsfreie Beschreibungen inklusive Material, Form und Größe auf. Das können Sie wie ein Baumdiagramm aufzeichnen.

An einem Beispiel würde dies wie folgt aussehen: Wenn Sie an einen Docht denken, denken Sie automatisch an den Gebrauch: nämlich daran, ihn anzuzünden. Das hindert Sie daran, an andere Verwendungsmöglichkeiten zu denken. Wenn Sie aber eine Beschreibung finden, die generischer ist, dann ist der Docht nur ein Stück Seil, mit dem man noch viele andere Sachen machen kann: etwa Ringe zusammenbinden.

Dieser einfache Kniff deckt Eigenschaften auf, die unter unserer funktionalen Fixierung versteckt waren und die für Ihre Lösung hilfreich sein können. Das Loslösen von funktionalen Fixierungen kann den kreativeren Umgang mit dem eigenen Produkt erleichtern und somit auch die Innovationskraft steigern.

Hat sich diese Technik im Alltag bewährt? Ja! Dazu eine Geschichte: In einer sehr armen Gegend der Philippinen haben Menschen in fensterlosen Baracken gelebt und elektrisches Licht verwendet, während draußen die Sonne schien. Die Frage, die einer kreativen Lösung bedurfte, war: Wie bekommen diese Menschen Licht in ihre Behausung und sparen gleichzeitig Geld für Elektrizität – und zwar mithilfe von etwas, das vor Ort schon vorhanden ist? Die Lösung: Nehmen Sie eine Zweiliter-Cola-Flasche. Generisch gesehen ist eine Flasche zum Beispiel ein durchsichtiges Gefäß. Auch "Flüssigkeit" ist generisch gesehen ein Medium, das Feuchtigkeit spendet – und Licht bricht, wenn es durchsichtig ist. Das ist eine oft übersehene Eigenschaft von Wasser: Es bricht das Licht zu 360 Grad. Wenn Sie diese generischen Beschreibungen kombinieren, kommen Sie zu einer einfachen Lösung: Das Gefäß wird mit Wasser gefüllt und durch ein Loch im Dach gesteckt. Durch das Wasser wird das Umgebungslicht von oben in das Haus reflektiert und bringt das Tageslicht ins Innere.


Unser "Leadership Report 2016"

Der Leadership Report 2016 von Franz Kühmayer gibt Orientierung auf dem Weg in ein neues unternehmerisches Zeitalter, seine Wirkungs- und Funktionsweisen. Denn angesichts der aktuellen industriellen Revolution durch Digitalisierung braucht es ein neues Verständnis für Unternehmensführung und die Umwelten von Organisationen.

Mehr über den Report

Der Innovations-Plan

Um das Innovation Gap zu schließen, reicht also die Verankerung des bloßen Plans in der Unternehmensstrategie nicht aus. Schon lange ranken laut McKinsey 70 Prozent der Organisationen "Innovation" unter ihren Top-Drei Prioritäten. Trotzdem neigen Führungskräfte dazu, dieses Thema als nebensächlich zu behandeln, und dann freut sich die Konkurrenz ein Loch in den Bauch. CEOs und Führungskräfe müssen klären, was sie mit der Innovation erreichen wollen, sie müssen sich einsichtig zeigen für die Arten, wie ein Hirn überhaupt zu neuen Einsichten kommt – und dann müssen sie die Tools und Erlaubnisräume schaffen, so dass Individuum und Organisation zusammenfinden.

Ein besonders gelungenes Tool, um einen Innovations-Plan anzustoßen und zum Beispiel über eine Veranstaltung gesteuert zu initiieren, ist das ganz aktuell entwickelte Format des Future Cube. Dieser setzt gezielt auf die Verknüpfung aktuellen Wissens rund um die Leistungen kreativer Köpfe bei gleichzeitiger Erschaffung einer partizipativen Innovationskultur. So erschließt er die Wissensressourcen der Mitarbeiter und verbindet Wandel, Innovation und Partizipation. Es entsteht vor den Augen der Beteiligten ein Innovations-Plan, der organisationelle und individuelle Kompetenzen und "Aha-Erlebnisse" in Echtzeit generiert und mit klarer Zielrichtung innoviert. Denn wie im menschlichen Gehirn kommen hier Ideen aus weit entfernten Abteilungen zusammen und können so innovative "Einsichten" zu erzeugen.

Literatur
Adobe Foundation: "The Creativity Gap". 2012.
Beeman, Mark / Kounios, John: Das Aha-Erlebnis. Wie plötzliche Einsichten entstehen und wie wir sie erfolgreich nutzen. DVA 2015.
Chapman, Marc / Berman, Saul / Blitz, Amy: Rethinking Innovation: Insights from the World’s Leading CEOs. Fast Thinking Books, 2008.
McCaffrey et al: Innovation Relies on the Obscure: A Key to Overcoming the Classic Problem of Functional Fixedness. Psychological Science, 2012. S. 215-218
McKinsey: "How Companies Approach Innovation". A McKinsey Global Survey, 2007.
Weiss, David  / Legrand, Claude: Innovative Intelligence. John Wiley & Sons, 2011.

Über den Autor

Dr. Carl Naughton ist promovierter Linguist und ausgebildeter Schauspieler, lehrt seit fünf Jahren pädagogische Psychologie an der Universität Köln und steht seit über 12 Jahren auf der Bühne und vor der Kamera. In seiner Forschung sowie in seinen mehr als 3.000 Auftritten geht es ihm vor allem um die Funktionsweise des Gehirns und die Macht der Kommunikation. Dr. Naughton tritt auch als Speaker für das Zukunftsinstitut auf.

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