Hybrid Professionals

Maximale Freiheit, maximaler Sinn: Eine neue Art von hochqualifizierten Wissensarbeitern fordert althergebrachte Unternehmenskulturen heraus.

Von Jens O. Meissner (02/2016)

Fotolia / dreamer82

Generation X, Y, Millennials – jüngere Generationen wechseln ihre Jobs schneller als die Älteren. In einer multioptionalen Welt haben sich auch die Möglichkeiten, einen Verdienst zu erwirtschaften und auf mehreren Standbeinen zu stehen, stark vergrößert. Und im Optimalfall ergänzen sich diese Standbeine auch noch – Lehre und Beratung, Projektmanagement und Militär, rhetorische Berufe und Politik. So werden Büroangestellte zu Lehrern, Forscher zu Hackern, Berater zu Managern, Künstler zu Fitnesstrainern oder Journalisten zu Bürogestaltern. In dieser Welt reift die Gruppe der Hybrid Professionals, also diejenigen Portfolioarbeiter, die das sehr gut ausgebildete Gegenstück zu den Working Poors bilden.

Hybrid Professionals sorgen seit Jahren zunehmend für Turbulenz, Leistungsfähigkeit und Sozialverträglichkeit in der Arbeitsgesellschaft – obwohl sie eigentlich keine Erfindung der jüngeren Zeit. Bereits nach dem zweiten Weltkrieg und den intensiven Erfahrungen im Umgang mit hochspezialisiertem Militärwissen kündigte Peter F. Drucker den Wissensarbeiter als neue Arbeitsform an. In den folgenden Jahrzehnten explodierte die Begriffswelt: Man sprach von "Patchworkern", "Multi-Jobbern", "Teleworkern" und "Commutern", von der "Creative Class", von "Workstylern" oder "Collaboriginals". Was bleibt, ist der Begriff der "Hybrid Professionals": hochqualifizierte Portfolioarbeiter, die extrem professionell und projektbasiert für verschiedenste Auftraggeber arbeiten.

Stark selbstbestimmt entscheiden sich Hybrid Professionals nur für Jobs, die mit ihrem eigenen Sinngefühl übereinstimmen. Zudem ziehen sie regelmäßig Nutzen aus dieser Grenzziehung, in dem sie Einsichten, Erkenntnisse, Konzepte des einen Engagements für das andere Nutzen. Sie bewirtschaften ihre Hybridität, um ein stimmiges Gesamtes zu erzeugen – und ein neues Statusgefühl.

Meist wird der selbständige "Alleingang" eröffnet durch eine exzellente Ausbildung und umfangreiche Praxiserfahrungen in einer bewusst gestalteten Umgebung, mit ausgewählten Kollegen – und sich selbst als (erstem) Chef. Hybrid Professionals akquirieren die meisten Aufträge über ihr Beziehungsnetzwerk. Nicht selten werden sie aber im Laufe der Zeit – aufgrund der geleisteten Arbeit – direkt angefragt.

Für die Beschäftigungslogik der großen "Corporates" ist dieser komplexe Personentyp häufig eine Überforderung – was auch zum Weg in die Selbständigkeit führen kann. Denn Hybrid Professionals suchen vor allem eine bessere Übereinstimmung von Lebens- und Arbeitsqualität. Der Begriff "Work-Life-Balance" wird bedeutungslos, wenn die Arbeit von "lustvoller Produktivität" getrieben ist. Die intensive Abschlussphase eines Projektes wird gern in Kauf genommen, wenn der Kurzbesuch zu den Freunden in Edinburgh, Boston oder Singapur bereits vereinbart ist. Zudem kann jetzt die Projektrechnung bezahlt werden, und der Trip dient zudem noch dem Ausloten zukünftiger Projekte.

Weil Hybrid Professionals von anderen Leitmotiven getrieben sind als gewöhnliche Angestellte, verkörpern sie auch ein völlig anderes Statusdenken:

1. Positive Wahrnehmung nicht-linearer Lebensläufe
Umbrüche in der Karriereentwicklung, die mitunter drastisch sein können (vom Unternehmensberater zum Gärtner), werden als durchweg positive Weiterentwicklungen wahrgenommen und keinesfalls als Manko im Lebenslauf.

2. Hochprofessioneller Generalismus
Der Anspruch, mit aller gebotenen Professionalität "etwas bewegen" zu wollen – und sei es nur, den eigenen Lebensstil aktiv zu gestalten –, gilt als conditio sine qua non. Nach häufig negativen Erfahrungen mit der (Ohn-)Macht der Hierarchien von Großunternehmen, ist die echte Identifikation mit der Aufgabe das höchste Gut.

3. "Ich bin meine Vision und Position"
Für einen Hybrid Professional ist Fremdbestimmung wenig tolerierbar – es sei denn, durch ein selbst gewähltes Auftragsverhältnis. Will ein Unternehmen einen Spezialisten binden, muss es sich Gedanken darüber machen, welchen Käfig man dem Exoten bietet. Standardisierte Arbeitsverträge sind fehl am Platz, es sei denn, sie enthalten äußerst flexible und frei kombinierbare Bestandteile. Das beste Angebot bleibt der Projektauftrag.

4. Arbeiten auf "Upfront"-Themen
Routine ist langweilig – es sei denn, sie dient der Aufrechterhaltung der eigenen Work-Life-Vision. Zur Bestimmung spannender und hochaktueller Themen werden in der Regel drei Dimensionen einbezogen:

  • Was inhaltlich auf dem globalen Parkett geschieht (Was weiß der ehemalige Studienkollege, der derzeit in Rio arbeitet?)
  • Welche Entwicklungen in verwandten Themenfeldern zu beobachten sind (Wie sieht der Sportkollege das aus seiner Sicht als Ingenieur?)
  • Wo sich – meist lokal und regional – passende Gelegenheiten ergeben, die man schnell ergreifen muss.

5. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile
Jedes Projekt ist eine Quelle für weitere Aufträge. Jedes Arbeitsergebnis gilt als Kompetenzausweis und lässt sich zur Eigenwerbung nutzen. Viele Aufträge kommen aus vorher unkalkulierbaren Richtungen. So ist sich der Hybrid Professional stets bewusst, dass aktuelle Engagements langfristig zu weiteren führen. Jedenfalls sofern die Qualität der Ergebnisse überzeugt. Im Kontaktnetz des hybriden Arbeiters ist jeder Kontekt ein potenzieller Partner auf Augenhöhe – und ein gelungenes Projekt ist immer auch mehr als nur ein Projekt, es besitzt schon fast ästhetische Qualitäten.

Von besonderem Wert ist es also, andersartig und originell sein bzw. arbeiten zu können, Visionen effektiv in die Realität zu integrieren, die aktuell relevantesten Herausforderungen bearbeiten zu können und gleichzeitig ein hohes Maß an zielorientierter Eigenständigkeit zu erhalten.

Unternehmen können Hybrid Professionals eine Grundlage bieten, in dem sie einen möglichst geringen Fremdorganisationsdruck aufbauen, also Handlungs- und Entscheidungsfreiräume gewähren. Zudem müssen sie verstehen lernen, dass es Hybrid Professionals nicht egal ist, wer sich mit wem wann und warum im Büro trifft. Mit interessanten Kollegen zu arbeiten, ist fast schon eine Garantie zur erfolgreichen Anbindung. Die Einteilung und Ausführung der Arbeit sollte dem Hybriden überlassen und großzügig gehandhabt werden – bürokratische Arbeitszeiterfassungen ist zu vermeiden. Um mit solchen "Schmetterlingen" umgehen zu können, braucht es hoch entwickelte Führungsskills. Eine Herausforderung, die sich lohnt – auch, weil sie zukunftsweisend auf den Status des gesamten Unternehmens abfärbt.

Über den Autor

Autorenbild Jens O. Meissner
Foto: © Martin Weinbrenner

Jens O. Meissner ist Professor für Organisation und Innovation, Koleiter des Masterstudiengangs Risk Management und Kernteammitglied des Zukunftslabors CreaLab an der Hochschule Luzern. Zudem ist er Mitgründer des Instituts für Wirtschaftsstudien Basel. Zu seinen Schwerpunkten zählen organisationale Kommunikation und Innovationsmanagement.

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