„Ich glaube an rationales Denken“

Der Gründer Ola Rosling hat sich mit der Gapminder Foundation dem Kampf gegen die globale Ignoranz verschrieben

Ola Rosling/ BYLINE, Paer Fredin

Ola Rosling trägt grüne Socken mit lilafarbenen Zehen und Fersen. Das ist deshalb so deutlich zu erkennen, weil er, wie alle Mitarbeiter von Gapminder, am Eingang des Büros seine schneeverkrusteten Schuhe ausgezogen hat. „Wir sind hier nicht so formal unterwegs“, entschuldigt er sich. „Das setzt Energien frei für andere Dinge.“ In der Teeküche lässt Ola Rosling die teuer aussehende italienische Espressomaschine links liegen und setzt Filterkaffee auf, den er in große bunte Tassen füllt: „Bisschen stark geworden vielleicht.“

Das kleine Büro in einem Altbau in der Krukmakargatan ist vollgestopft mit allen möglichen Gegenständen: An den Wänden hängen allegorische Kupferstiche aus dem 17. Jahrhundert, im Regal steht eine kleine Armee von unterschiedlichen Playmobilfiguren, und auf dem Tisch liegt ein Statistik-Almanach mit wunderschönen Infografiken, die zum Teil auf Postergröße ausgeklappt werden müssen: „Das müssen Sie sich ansehen!“

Es gibt so viel zu sehen, so viel zu sagen, zu erklären und zu entdecken. Die eine Stunde, die ich für das Interview veranschlagt hatte, hält Ola Rosling für „optimistisch“. Am Ende werden es drei.

Ola Rosling ist Direktor der Gapminder-Stiftung, einer gemeinnützigen Einrichtung, die sich der allgemeinen Aufklärung mit Hilfe von Statistiken verschrieben hat. Die Entstehung dieser Stiftung ist eine lange, verschlungene Geschichte, in die neben Ola Rosling vor allem auch seine Frau, Anna Rosling Rönnlund, und sein Vater Hans Rosling verwickelt sind. Doch der Bezeichnung „family business“ für Gapminder verweigert er sich, nicht wegen dem Wort „family“, sondern wegen dem Wort „business“. „Wir sind kein Business“, erklärt er entschieden. Gapminder ist nicht für den Profit da. Ihre Mission ist eine andere: „To fight devastating ignorance with fact-based worldviews that everyone can understand.“

Dieser ignorance, diesem Unwissen begegnete Olas Vater Hans Rosling zum ersten Mal, als er in den frühen Neunzigerjahren von seinem langen Dienst als Arzt in Afrika nach Schweden zurückkehrte und an der Universität Uppsala zu lehren begann. Seine Studenten hatten nicht nur keine Ahnung davon, wie die Menschen in Afrika eigentlich leben, sondern: wie überhaupt der Großteil aller Menschen auf der Welt eigentlich lebt. Das Weltbild in den Köpfen nicht nur dieser Studenten, sondern der meisten Menschen ist eine postkoloniale Fight devastating ignorance with fact-based worldviews Erste-Welt-Zweite-Welt-Ordnung, in der wir, die westlichen Herrenmenschen, verdientermaßen in Prunk und Luxus lebten, während die anderen, die unzivilisierten Menschen, nach wie vor im Dschungel hockten, um ihrer „unberührten“, „natürlichen“ Lebensweise nachzugehen. So beschreibt es Ola Rosling, und er redet sich dabei fast in Rage. Diese Weltanschauung, das ist die „devastating ignorance“, das verheerende Unwissen, das es Gapminder zu bekämpfen gilt.

„Die intellektuelle Community hat ein verzerrtes Weltbild“

Aber wie sieht sie denn wirklich aus, die Welt? Es begann mit einer Grafik, die Hans Rosling in den 1990er-Jahren für seine Studenten gezeichnet hatte: Die x-Achse bildete das Einkommen pro Kopf und die y-Achse die Lebenserwartung. Wäre das postkoloniale Erste-Zweite-Weltbild Realität, würden sich die Länder Europas und Nordamerikas ganz rechts oben befinden (hohes Einkommen pro Kopf, hohe Lebenserwartung) und der Rest links unten, im Dschungel. Aber so ist es nicht. Die allermeisten Länder, die auf verschiedenen Kontinenten liegen, drängen sich vielmehr in der Mitte der Grafik.

So also sieht die Welt in Wirklichkeit aus. Die Länder dieser Welt sind nicht in einen Erste-Welt- und einen Zweite-Welt-Cluster geordnet, sondern in ein Spektrum, in dem die meisten Menschen weder besonders reich noch besonders arm, sondern irgendwo dazwischen sind. Das war die Botschaft dieser Ur-Infografik seines Vaters, die Ola Rosling dann weiterentwickelte. Er studierte zu dem Zeitpunkt Wirtschaftsgeschichte in Göteborg und beschäftigte sich mit animierten, digitalen Filmchen. Er versetzte die Grafik seines Vaters in Bewegung, indem er den Faktor Zeit mit hineinbrachte: die Entwicklung aller Länder der Welt auf der Skala Einkommen pro Kopf/Lebenserwartung über die letzten hundert Jahre. Die Länder wurden zu bunten Blasen, farblich nach Kontinenten sortiert, die sich bewegten. Und ausnahmslos alle bewegten sich zwischen 1900 und 2000 von links unten nach rechts oben – auch wenn zum Teil Loopings und Schwankungen zu beobachten sind. Die Tendenz ist klar: Die „unzivilisierten“ Völker verspüren keinerlei Bedürfnis danach, ihr unberührtes, natürliches Leben im Dschungel weiterzuführen. Sie wollen nach rechts oben, und zwar pronto. Und sie wollen nicht nur, sie können auch. Besonders eindrucksvoll demonstrieren das die roten Blasen, die die asiatischen Länder darstellen.

Mit dieser Infografik, die sein Sohn solchermaßen in Bewegung versetzt hatte, fing Hans Rosling an, öffentliche Vorträge zu halten. Vor allem der didaktischen Genialität dieser Grafik, der viele ähnliche folgten, und seinem eigenen fesselnden Vortragsstil hat Hans Rosling es wohl zu verdanken, dass er innerhalb kürzester Zeit zum Shootingstar der Vortragsszene aufstieg. Heute ist er insgesamt achtmal allein bei den renommierten TED-Talks aufgetreten und wurde vom TIME Magazine zu einer der 100 einflussreichsten Personen der Welt gekürt.

Ein Paradies für Programmierer

Ola Rosling sieht seinem berühmten Vater ähnlich: Die breite Stirn, die dunkelgrünen Augen, auch diese Aura permanenter, elektrischer Spannung, die die Vorträge seines Vaters so mitreißend macht. Die Roslings sind Getriebene, sie haben etwas Wichtiges zu erledigen in diesem Leben, auf dieser Welt.

„Trendalyzer“ nannten sie schließlich die Software, die hinter den animierten Infografiken steckt. Die ersten drei Versionen schreibt der Autodidakt Ola Rosling noch selbst, dann holte er sich – nach einer Intervention seiner Frau – professionelle Softwareentwickler an Bord. Drei davon nahm er mit nach Kalifornien, als Gapminder die Trendalyzer-Software an Google verkaufte. „Die sind dann dort geblieben“, lacht er, „kein Wunder, denn Google ist so etwas wie das Paradies für jeden Programmierer.“ Er selbst kehrte 2010 nach Schweden zurück.

Der Google-Deal wirkt in deutschen Medienberichten immer ein wenig ummunkelt, tabuisiert, ein amerikanisch-kapitalistischer Sündenfall der schwedischen Idealisten. Doch Ola Rosling scheint das überhaupt nicht so zu sehen. Er spricht gern und viel darüber; für ihn ist es ein Erfolg. Denn nicht nur nahm die Gapminder-Stiftung das Geld von Google mit skandinavischem Pragmatismus gerne an, um ihre idealistischen Ziele besser verfolgen zu können, sondern Google scheint einige dieser Ziele auch zu teilen. Informationen sollten frei zugänglich sein, darin sind sich Google und Gapminder prinzipiell einig. Die Stiftung meint es sehr ernst mit ihrer Mission, verheerendes Unwissen zu bekämpfen – und in diesem Kampf ist Google so eine Art Wasserstoffbombe.

An diesem verschneiten Februartag in Stockholm erscheint die Gapminder-Stiftung, bei aller nordischen Zurückhaltung, auf der Höhe ihrer Macht. Was plant sie als nächstes?

Es ist Mittag, Ola Rosling hat den ganzen Tag bis auf zwei Scheiben trockenen Knäckebrots noch nichts gegessen. Doch seine Rosling’sche Raserei lässt nicht nach. „Vier große Projekte sind für dieses Jahr in Planung: Die Free Human Numbers Database, die Statistiken enthalten wird, die eine Vergleichbarkeit verschiedener Regionen über Ländergrenzen hinweg herstellen werden. Zweitens frei übersetztes Lehrmaterial mit kostenlosen Videos und Programmen für die Schule. Drittens das Ignorance Project, also die systematische Erfassung der Unwissenheit“ – die Verwandlung von „unknown unknowns“ in „known unknowns“, wie man in Anspielung auf das berühmte Zitat des Ex-US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld sagen könnte. Und viertens?

Das vierte Projekt nennt sich „Dollar Street“ und ist eine Aktion von Ola Roslings Frau Anna. Sie selbst ist Fotografin und weiß, wie die devastating ignorance auf Fotos aussieht: Das immer gleiche hungernde afrikanische Kind, das bittend in die Kamera blickt. Das sind Bilder, die die Menschen zusammenbringen sollen, aber in Wirklichkeit trennen sie sie voneinander. Immer die gleiche Fremdheit, immer das gleiche Mitleid, in dem immer die gleiche heimliche Verachtung mitschwingt.

Anna Rosling Rönnlund setzt dem etwas entgegen, was ein wenig wie die fotografische Umsetzung von Hans Roslings Ur-Grafik anmutet: Was, wenn dein durchschnittliches Monatseinkommen deine Hausnummer wäre? Wer wären dann deine Nachbarn links und rechts von dir? Wer würde am Anfang dieser Straße, dieser „Dollar Street“ wohnen, und wer ganz am Ende? Anna Rosling Rönnlund will die Gesichter ihrer „Nachbarn“ gar nicht sehen, sondern in ihre Häuser einbrechen und sich heimlich in ihren Wohnungen umsehen. Womit waschen sie sich die Haare? Was ist ihr kostbarster Besitz? Womit sind ihre Dächer gedeckt?

Eine kleine Armee von 25 Fotografen ist derzeit auf der ganzen Welt unterwegs, um dieses Projekt umzusetzen. In Vietnam, in Benin, in Australien bitten Fotografen Familien um Einblick in ihre Wohnung und Auskunft über ihr Einkommen. Das Ergebnis wird thematisch sortiert und grafisch auf der „Dollar Street“, also entlang des monatlichen Durchschnittseinkommens angeordnet. Das Ergebnis ist verblüffend: Die Parade von graduell immer weniger schäbigen Zahnbürsten berührt den Betrachter stärker, als das afrikanische Kind auf dem Brot-für-die-Welt-Plakat es je könnte.

„Ich glaube an rationales Denken“

Eine faktenbasierte Weltanschauung, die jeder verstehen kann. Die verheerende Unwissenheit bekämpfen. Schon das Zuhören strengt an. Die bunten Tassen mit dem ein wenig zu stark geratenen Filterkaffee sind leer.

Doch eine letzte Frage muss noch sein: „Herr Rosling, glauben Sie, dass die Menschen die Wahrheit überhaupt wissen wollen?“ Was soll denn das für eine Frage sein, steht auf seinem Gesicht geschrieben, als er antwortet: „Yes, absolutely.“ Und zwar spätestens dann, wenn es darum geht, was mit ihren Steuergeldern passiert, erläutert er und lächelt dabei nicht. „I believe in rational thinking,“ dieses Glaubensbekenntnis meint Ola Rosling vollkommen ernst. Natürlich sind Menschen auch intuitive, emotionale, spirituelle Wesen. Aber die Fähigkeit, rational zu denken und seine Weltanschauung nach den Fakten auszurichten, ist in den Köpfen vorhanden. „Die Software ist schon da, in den Gehirnen der Menschen. Wir müssen nichts weiter tun, als sie mit den entsprechenden Daten zu füttern.“

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Cornelia Kelber

Die studierte Germanistin und Journalistin ist seit 2010 für das Zukunftsinstitut tätig. Kelber arbeitet an Studienprojekten. Ihre Schwerpunktthemen: Marketing, Wertewandel und die Theorie der Zukunfts- und Trendforschung.