„Ideologie schlägt Fakten“

Die Kognitionswissenschaftlerin Dr. Elisabeth Wehling (University of California, Berkeley) über Trump-Tweets, implizite Denkmuster und die kommunikative Macht des Framings.
Politics & PR 4.0 (04/2017)

Trend Update: Frau Wehling, Sie haben den Wahlsieg von Donald Trump prognostiziert. Ist der neue US-Präsident eine Zäsur in der Geschichte der politischen Kommunikation?
Dr. Elisabeth Wehling: Donald Trump hat Methoden wie das Framing – also das Schaffen gedanklicher Deutungsrahmen über Sprache – perfektioniert und effektiver genutzt, um seine ideologischen Sicht zu kommunizieren. Er hat Kommunikationsmedien auf eine Weise genutzt, die man vorher so nicht kannte. Zum Beispiel Twitter. Trump nutzt es für drei Dinge: erstens, um von tatsächlichen Problemen abzulenken (Frauenrechte, Gesundheitspolitik, Kriegsflüchtlinge etc.), Nebenschauplätze aufzumachen und Rauchbomben zu werfen wie bei der Frage, wie viele bei seiner Inauguration zugesehen haben. Zweitens, um an den sonstigen Medien vorbei seine Framings zu setzen. Und drittens nutzt er Twitter mit seinen mehr als 20 Millionen Followern als riesige Maschine zur Meinungserhebung und zum Test von Slogans, negativen Botschaften und Vorhaben.

Hat die Demoskopie, haben die klassischen Meinungsumfragen im Vorfeld versagt?
Die klassische Meinungserhebung vernachlässigt in aller Regel Erkenntnisse der Kognitions- und Neuroforschung. Sie setzt auf demografische Merkmale wie Alter und Geschlecht, auf psychologisch-kulturelle Typisierungen oder das explizite Abfragen einzelner Positionen, womit man das implizite politische Denken nicht erfassen kann. Sie fragt nicht nach der Ideologie, nach unbewussten moralischen Bewertungsmustern. Menschen wählen oft, das wissen wir aus der Sozialpsychologie, entgegen ihrer eigenen materiellen Interessen und lassen sich von ihrem moralischen Bauchgefühl leiten. Wenn man die Ideologie erfasst, hat man einen sehr viel klareren Blick auf das, was politisch kommen wird, als wenn man Fakten und Programmdetails, Einzelthemen oder psychologisch-kulturelle Typen abfragt.

„Menschen wählen nicht das, was für sie am besten ist, sie entscheiden nach ihrem moralischen Bauchgefühl“, sagen Sie. Viele sprechen heute von einem „postfaktischen Zeitalter“: Ist das so neu bzw. was ist heute neu?
Das Schlagwort „postfaktisch“ halte ich für irreführend. Dem Begriff zufolge ist der Bürger nur noch von Emotionen und Stimmungen wie Wut und Angst getrieben und entscheidet an den Fakten vorbei. Es ist aber nie die Gleichung „Fakten versus Emotionen“. Sondern: Fakten bekommen durch Ideologie eine Bedeutung. Wenn politische Gestaltung der eigenen Ideologie entspricht, hat man positive Emotionen, wenn sie mit der eigenen Ideologie bricht, negative – wie Wut oder auch Angst. So wird ein Schuh draus.

Das Problem ist also nicht „postfaktisches“ Denken, sondern ein anderes: Politiker und Parteien kommunizieren ihre präfaktischen Bewertungsmuster – die ideologischen Prämissen ihrer Positionen zu einzelnen Fakten – nicht eindeutig. Sie lassen den Wähler damit im Dunkeln. Denn der Wähler begreift die bewertende Perspektive, den ideologischen Kompass nicht, wenn der Politiker nur faktisch argumentiert und ihm Positionen und Programme vorlegt. Natürlich interessiert sich der Bürger für die Fakten. Aber wenn die Fakten ohne eine klar begreifbare und authentische Vermittlung der politischen Bewertungsgrundlage in den Diskurs gebracht werden, muss man sich nicht wundern, wenn die Gruppen, die ihre ideologische Verortung klar kommunizieren, stärker wahrgenommen werden.

Trump hat seine Ideologie unmissverständlich formuliert. Auch die AfD formuliert ihre Ideologie klar und eindeutig. Wer sie teilt, macht mit. Wer sie nur partiell teilt, macht dann mit, wenn ihm ideologische Gegenangebote fehlen. Ideologie schlägt Fakten. Fakten bleiben zwar nach wie vor relevant, aber die präfaktischen Wertmuster und Bedeutungsrahmen spielen eine größere Rolle für die politische Beteiligung.

Am 24. September 2017 wird in Deutschland der neue Bundestag gewählt. Was können die deutsche Politik, die deutschen Parteien, von den USA lernen bzw. besser nicht übernehmen?
Klare Kante zeigen, authentisch sein und die eigenen Werte auf den Tisch legen. Dabei Leerformeln wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität immer ideologisch interpretieren. Alle Parteien wollen Freiheit, nur bedeutet sie Unterschiedliches für sie, oft sogar Gegensätzliches. Politische Werte entstehen aus Alltagswerten.

Müssen auch Unternehmen Framing lernen?
Framing spielt überall eine Rolle. Egal, ob sie einen Ehestreit haben oder versuchen ein Unternehmen zu führen. Im Marketing wird es beispielsweise oft genutzt unter Heranziehung neurowissenschaftlicher Methoden. Jedes Wort aktiviert einen Frame. In der Politik sind sie ideologisch, denn politischer Streit ist immer ideologischer Streit. In der Wirtschaft spielt Ideologie auch eine Rolle. Ich kann ein Unternehmen “streng” führen und auf Wettbewerb, Belohnung und Bestrafung meiner Mitarbeiter, Hierarchie und absolute Autorität setzen. Oder ich kann es “fürsorglich” führen und auf Kooperation, individuelle und soziale Verantwortung, Empathie, Fürsorge und weniger hierarchische Kommunikation setzen. Die Gestaltung beider Führungsstile basiert auf den Frames, die im eigenen Denken vorherrschen – und wird im kommunikativen Miteinander im Unternehmen und darüber hinaus durch entsprechende sprachliche Frames realisiert.

Das Interview führte Dr. Daniel Dettling.

Dr. Elisabeth Wehling studierte Soziologie, Journalistik und Linguistik in Hamburg, Rom und Berkeley. Heute forscht sie an der University of California in Berkeley. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Kognitionsforschung, kognitive Linguistik und Ideologieforschung. 2016 erschien ihr Buch “Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht” (edition medienpraxis).

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