Bomben legen oder Samen säen

Was braucht Ihr Unternehmen, um in Zukunft bestehen zu können? Oft sind es auch Krisen – kleine Brände, die den Wald wieder widerstandsfähiger machen. Manchmal braucht es jedoch auch neue Samen, die den Wald wieder anders entstehen lassen. Ein Auszug aus dem Workbook Entwickeln.

Von: Harry Gatterer

Über Bomben

Wenn die Wirtschafts-Gurus dieser Tage unentwegt von “digitalen Revolutionen” oder “disruptiven Ereignissen” sprechen, dann bedienen sie sich damit unbewusst der Muster des Terrors. Man glaubt, dass wir die Zukunft nicht gestalten können, ohne organisatorische oder technische Bomben zu legen. Disruption meint hierbei: “Alles muss anders werden, und zwar jetzt, und zwar schnell, und überhaupt.”

Natürlich: Wer Bomben legt, zerstört. Nach der Zerstörung geht es immer wieder um einen Aufbau. Und dieser Aufbau verspricht dann das Neue, das – vielleicht – Innovative. Keine Frage: Denken wir an die “Lazy Eight”, dann brauchen Organisationen, die kurz vor oder bereits in der Krise stecken, Wirkliche Innovationen halten sich nicht an die Management-Ideen und Entscheidungs-Kaskaden von Organisationen dekonstruktive Kräfte. An dieser Stelle muss man Organisationen überfordern und gegebenenfalls auch gezielte Krisen evozieren.

Aber: Gleich mit dem Marktgeschrei der Revolution oder der Disruption auszubrechen, ist eher ein Zeichen von ungekonnter Hektik als wirklicher Dekonstruktion. An Stellen, an denen die Disruption nötig ist, braucht es keinen, der danach schreit. Im Gegenteil: Es braucht Menschen und Visionäre, denen es gelingt, eine neue Zukunftserzählung zu etablieren. Es braucht Richtungs-Sinn und Vertrauen, dass es ein “Danach” gibt.

Lassen Sie sich also, wenn Sie Zukunftsarbeit machen wollen, nicht von dieser Art Geschrei irritieren. Schauen Sie lieber genau hin: Wenn Ihre Organisation, Ihr Team, Ihr Unternehmen tatsächlich am Punkt der hohen Bedingtheiten und Komplexität angelangt ist, dann hilft es, an der richtigen Stelle Krisen zu erzeugen. Die initiierte Krise ist der kleine Brand, der hilft, den großen nicht erleben zu müssen. Dieser kleine Brand verbrennt auch etwas, richtet Schaden an und erzeugt Irritationen und Ängste. Doch bei ihm ist es leicht, gleichzeitig ein neues Vertrauen in die Zukunft zu erzeugen.

Über Samen

Die fast gegenteilige Idee zum Bomben werfen und Brände legen ist das Setzen der Samen. Stehen Sie an einem anderen Ort auf der “Lazy Eight”, dann sind es die Samen, die Sie rechtzeitig säen, um Zukunft zu etablieren. Dabei bedeutet das Setzen von Samen meist, sich danach nicht “wie verrückt” darum zu kümmern. Sondern das Eigenleben der Samen zu fördern.

Sind Sie in einer großen Organisation, dann sind es vielleicht Samen, die Sie fast im Geheimen säen, ohne allen davon zu berichten. Das ist übrigens auch der Grund, warum ganze Horden von Innovations-Managern so uninnovativ sind: Weil die Organisation aus kleinsten Ideen größte Management-Erwartungen macht – und so die Wahrnehmung für das Wichtige und Richtige verliert.

Sollten Sie also zum Beispiel gerade eine Wachstums- oder Erneuerungsphase erleben: Lassen Sie sich nicht vom klassischen Prozess des Managements irritieren. Wenn Sie einen Samen erkannt haben und ihn für sich – intuitiv wie rational – als bedeutend erachten, dann geben Sie diesem Samen die Atmosphäre und Nahrung, die er braucht. Und lassen Sie ihn “sich selbst” entfalten.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Innovation und Neugier

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Wie entstehen Produkte und Dienstleistungen? In der komplexen Netzwerköonomie wird Innovation immer wichtiger: die Fähigkeit, neue Sichtweisen einzunehmen, neue Ideen zu entwickeln und neue Zukunftsperspektiven für Organisationen zu entwerfen.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Harry Gatterer

Harry Gatterer ist Geschäftsführer des Zukunftsinstituts. Sein Spezialgebiet ist die Integration von Trends in unternehmerische Entscheidungsprozesse. Er berät Unternehmen dabei, relevante Trends zu erkennen und zu nutzen.