Der Mythos Disruption

Ein Gespenst geht um in Europa – in der Ökonomie, der Politik, in der ganzen Welt, ganz besonders aber auf Wirtschaftskongressen. Sein Name: DISRUPTION.

Von Matthias Horx

Als Zuhörer auf Business-Konferenzen erlebt man, wie das Wort Disruption wie eine große Angstschweiß-Wolke über allen Vorträgen hängt: Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen! Nichts ist sicher! Kein aktuelles Geschäftsmodell kann in Zukunft überleben! Es sind immer dieselben Beispiele, die dabei vom Podium aus beschworen werden (meistens von Beratern, die sich Anti-Disruptions-Jobs versprechen): das Schicksal der Fotofilm-Firma KODAK, die die Digitalisierung nicht ernst nahm und gnadenlos pleite ging. Aber schon kurz danach wird es schwierig (denn so viele Beispiele gibt es gar nicht).

  • Hat das iPhone wirklich die Handy-Branche "disruptiert" – oder eigentlich nur Nokia in die Knie gezwungen und die nächste Stufe der Mobilitäts-Devices eingeläutet?
  • Werden E-Books die Buchwelt tatsächlich "vollkommen umkrempeln"?
  • Wird Amazon den Handel "radikal abschaffen", wie seit 20 Jahren immer wieder behauptet?
  • Werden Google und Apple die Autobranche disruptieren?
  • Wird Uber den Taxisektor komplett zerstören?
  • Werden Internet-Kurse die traditionelle Bildung ablösen?
  • Schafft Airbnb die Hotelbranche ab?
  • Werden Roboter die Pflegebranche auf den Kopf stellen – und uns alle früher oder später arbeitslos machen?

"Eine disruptive Technologie (engl. disrupt – unterbrechen, zerreißen) ist eine Innovation, die eine bestehende Technologie, ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung vollständig verdrängt", so Wikipedia. Aber natürlich geht es nicht nur um Technologie. Sondern auch um Verfahren, Denkweisen, Prozesse, Systeme und ganze Kulturen.

Google, Apple und Co. wirken nicht nur durch ihre Größe und ihre Technik bedrohlich, sondern auch aufgrund ihrer kulturellen Fremdheit: Lauter Nerds, die sich nicht mehr an geschäftliche Konventionen halten, sondern mit lockerer Miene Revolutionen verkünden, und dabei verwaschene Jeans tragen. Ein großer Teil des Disruptions-Gerüchts bezieht sich auf solche Stilfragen: Wenn Mark Zuckerberg bei seinem Besuch in Berlin einen Teil der Honoratioren, die unbedingt ein Selfie mit ihm für ihre Facebook-Profile machen wollen, einfach stehen lässt, dann erzeugt das hochgradige Irritation. Solche Leute sind gefährlich und können nur im Sinn haben, die Weltherrschaft an sich zu reißen!

Vielleicht ist die Angst vor der Disruption zuallererst die Angst vor dem eigenen Deutungsverlust. Der traditionelle Banker ist das Produkt einer fein abgestimmten Status-Hierarchie, in der Opportunismus und eine gewisse Selbstillusion unabdingbar sind. Die Angst vor den Fintechs ist vor allem die Angst vor dem Moment, in dem sich diese Selbstillusion aufzulösen beginnt. Und sichtbar wird, dass es in Sachen Geld nicht um Magie geht. Dass das Geld in Zukunft auch ohne die Zauberei des "Bankings" seine Wege zum Kunden finden wird.

Die deutsche Energie-Branche wurde nicht durch Technologie "disruptiert". Auch nicht (wirklich) durch Angela Merkel, die nach dem Desaster von Fukushima die komfortablen Atom-Meiler abdrehen ließ. Die Energie-Konzerne à la Eon und RWE haben sich durch ihre Kultur selbst in die Krise geritten. Sie waren träge, innovationsfeindlich und selbstgerecht. Sie agierten als Monopolisten. Sie verstanden zu spät, dass eine Welt, in der die Menschen selbst anfangen, Energie zu produzieren, eine ganz andere Welt sein würde als die, die am Strom von zentralen Kraftwerken hängt, welche nur von Hundertschaften von Ingenieuren betrieben werden können.

Disruption entsteht immer dann, wenn alte Systeme träge, selbstgerecht und zukunftsblind werden. Viele Unternehmen aber – die Mehrheit! – sind durchaus vital und lernfähig. Gerade deutsche Mittelständler üben seit Jahrzehnten die Kunst der graduellen Evolution: Sie verbessern ihre Produkte, aber auch ihre Prozesse, ständig. So laufen sie den Disrupteuren einfach davon – indem sie den Wandel, dessen Opfer sie werden könnten, selbst gestalten!

Um das Wesen der Disruption zu verstehen, ist es nützlich, die Gesetze der Evolution zu kennen. Auch in der Evolution der Arten kommt es immer wieder zu gewaltigen Umschwüngen und Kaskaden, in denen neue Spezies auf der Bildfläche erscheinen und alte verschwinden. Gesteuert wird dieser Wandel durch zwei Faktoren: einerseits äußere Katastrophen, etwa Kometeneinschläge oder radikale Klimawandel (es gab in der Erdgeschichte Klimawandel-Prozesse, die weitaus virulenter waren als das menschengemachte Global Warming). Andererseits durch die evolutionäre Drift, in der biologische Systeme und Spezies ständig komplexer und interdependenter werden. Die heutige Disruptionsdebatte verkürzt die Zukunft auf das katastrophische Modell, dem die technischen Veränderungen zugeordnet werden. Aber ist die Digitalisierung wirklich ein Kometeneinschlag?

Die Devise "Das eine löst das andere ab" ist völlig un-evolutionär. Organismen und Organisationen sind vielschichtige Entitäten, die in ihrer Lebendigkeit einen hohen Grad an Adaptivität aufweisen. Die Evolution ist spontan, sie füllt jede Nische, sie erfindet sich selbst immer wieder neu. Und wir müssen auch verstehen, dass Evolution und Disruption an einer gewissen Stelle dasselbe sind (nicht das gleiche): Evolution findet nur durch permanente Störung statt. Komplexe Organismen brauchen ein Immunsystem, und Immunsysteme müssen ständig "trainiert" werden – durch Infektionen, oder in der Wirtschaftswelt: durch Krisen!

So gesehen ist "Disruption" nur eine Information, die zur Veränderung anregt – eine konstruktive Störung. Die Autokonzerne werden sich durch die Existenz von Google und Apple selbst verändern. Die Taxibranche reagiert heute schon auf die Bedrohung durch Uber. Amazon selbst gründet heute reale (analoge) Buchläden. Der Absatz von E-Books stagniert, und nie gab es so viele gedruckte Bücher wie heute. Universitäten müssen und können sich auf das Internet einstellen, aber rein virtuelle Studiengänge funktionieren nur schlecht, weil Lernen und Wissen ganz viel mit echter Zwischenmenschlichkeit zu tun haben. Ähnliches gilt für das ewige Gerücht des Pflegeroboters: Roboter können soziale Fragen nicht lösen, weil es sich um menschliche, nicht um technische Fragen handelt. Ansonsten gilt für die gesamte Frage der Substitution von Arbeit durch Roboter: Jede Arbeit, die sowieso schon mechanisch ist, wird früher oder später ersetzt. Aber sofort entstehen Kaskaden neuer Nachfragen: nach komplexerer, kreativerer, emotionaler und nach sinnstiftender Arbeit.

Wenn wir Disruption verstehen wollen, müssen wir also auch über Adaption und Mutation sprechen. Müssen die wunderbaren Zukunftsgeschichten erzählen, in denen sich schon totgeglaubte Unternehmen völlig neu erfunden haben. Wie aus IBM, der Firma, die ein einziges Betriebssystem vermarktete, ein Wissensunternehmen neuen Typs wurde. Wie aus Pharma-Firmen Gesundheits-Provider, aus Blechkonzernen Mobilitäts-Provider und aus Stromverkäufern Energie-Netzwerker wurden. 

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Innovation und Neugier

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Wie entstehen Produkte und Dienstleistungen? In der komplexen Netzwerköonomie wird Innovation immer wichtiger: die Fähigkeit, neue Sichtweisen einzunehmen, neue Ideen zu entwickeln und neue Zukunftsperspektiven für Organisationen zu entwerfen.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.