Storytelling: Die Geschichte des Problems

Geschichten helfen uns zu begreifen: Manchmal verstehen wir Dinge erst wirklich, wenn wir uns vornehmen, sie uns und anderen zu erzählen. Ein Auszug aus dem Workbook Entwickeln.

Von Verena Muntschick

Das Gespräch ist die Basis jeder sozialen Kooperation und damit jeden gesellschaftlichen Fortschritts. Wenn wir mit anderen Menschen kommunizieren, wollen wir etwas erfragen und erfahren, was wir noch nicht kennen. Einen Dialog führen heißt, miteinander zu reden, ohne ein Ergebnis zu erzwingen. Im Zentrum steht das gemeinsame Denken, das Teilhaben und Sich-Beteiligen an einer gemeinschaftlichen Sache, nicht das konfrontative Argumentieren von Standpunkten.

Wie aber führt man ein gutes Gespräch über ein möglicherweise heikles Problem, ohne sich auf konträre Meinungen und Ansichten zu versteifen? Was bedeutet es, ein Problem zu besprechen, ohne am Ende enttäuscht über ein fehlendes oder ungenaues Ergebnis zu sein?

Storytelling

Geschichten sind Informations- und Wissenseinheiten, in denen wir unser Denken sortieren und eine Richtung geben. Geschichten sind eine Art und Weise, uns mit Erlebtem auseinanderzusetzen, Möglichkeiten zu erforschen, Perspektiven auszuprobieren. Mit Storys festigen und ergründen wir unser Wissen gleichermaßen.

Wir lieben Geschichten, weil sie in sich eine konsumierfreundliche Geschlossenheit und einen emotional ansprechenden Spannungsbogen Machen Sie Ihr ganz persönliches Problem zum Helden der Geschichte! haben. Sie helfen uns zu begreifen: Manchmal verstehen wir Dinge erst wirklich, wenn wir uns vornehmen, sie uns und anderen zu erzählen. Wir durchdringen die Bedeutung ihrer Teile oft erst dann richtig, wenn wir sie als Geschichte weitererzählen können. Der Gehalt, der springende Punkt von etwas, das uns beschäftigt, wird erst in der Geschichtenform aufgedeckt.

Am Ende geht es immer um den Kern der Geschichte. Dafür müssen nicht alle Einzelheiten begriffen werden oder gar richtig sein. Geschichten verkürzen auch, steuern aber die Aufmerksamkeit und Konzentration auf das Wesentliche.

Geschichten sind im Gegensatz zu nüchternen Analysen lebendig, ihre häufige Metaphern-Form berührt uns auf verschiedenen Ebenen. Darum erinnern wir uns an sie auch eher, wir nehmen Informationen auf diese Art und Weise besser auf und an. Geschichten wirken im Unterbewussten weiter. Erkenntnisse reifen so über einen längeren Zeitraum weiter und leiten Problemlösungsprozesse ein.

1. Exposition

Los geht’s: Jede Story beginnt in einer gewohnten Welt: Hier kennt der Held sich aus, es gibt Regeln und Routinen, an die er sich halten und die er anwenden kann. Hier fühlen wir uns sicher, können nicht so leicht überrascht werden. Aber: Hier schwingt auch schon ein Gefühl des Mangels mit. Das unkonkrete Wissen, dass es nicht so bleiben kann, dass sich etwas ändern wird.

2. Ruf zum Abenteuer

Dies ist der Moment, in dem der Held die Unausweichlichkeit einer Veränderung begreift und ihm klar wird, dass er aus seiner gewohnten Welt, aus der Komfortzone ausziehen muss: Ein Konflikt kann nicht ungelöst bleiben. Der Blick öffnet sich auf das, was sein könnte – die Reise beginnt mit dem Auszug ins Unbekannte.

3. Verweigerung

Es liegt in der Natur des Menschen, der Notwendigkeit von Veränderungen erst einmal auszuweichen, Ausflüchte zu suchen und sich dem Ruf des Abenteuers zu verweigern. Strategien werden gewählt, mit denen versucht wird, dem Konflikt und seinen Forderungen aus dem Weg zu gehen.

4. Begegnung mit dem Mentor

Der Held stößt auf eine Wissensinstanz, eine Quelle der Weisheit – das kann ein Mensch, aber auch ein Buch sein – , die dafür sorgt, dass das Abenteuer nicht länger verweigert wird: Hieraus entspringt die nötige Energie, der Anstoß für die innere Motivation des Helden, sich auf die Reise zu machen.

5. Anstieg

Bei den Schritten auf dem neuen Weg lernt der Held eine neue Welt kennen, begegnet neuen Verbündeten ebenso wie neuen Feinden, besteht Abenteuer und übersteht Bewährungsproben. Was in der Außenwelt passiert, verändert das Innere des Helden notwendig mit.

6. Klimax/Turning Point

Es kommt zum wichtigsten Moment der Geschichte: Der Wendepunkt, die Entscheidung für eine Richtung: das Begreifen, das wirkliche Verstehen der Situation, die schlimmste Wendung, die Umkehrung von allem, der Entscheidungskampf, die Krise. Danach wird nichts mehr so sein, wie es vorher war. Alles steht auf dem Spiel. 

7.Rückweg/Falling Action

Etwas Altes vom Helden stirbt – und er erlebt eine Art Wiedergeburt als derjenige, der die neue Richtung gewählt hat. Der Weg ist jetzt klar, über das Geschaffte wird gejubelt, die Energie für die Reise zum Selbst ist freigesetzt und eine Belohnung in Aussicht.

8. Resolution

Die Hinwendung zur Veränderung ist unumkehrbar: Ein Zurück gibt es nicht, höchstens einen Rückschlag – doch dann wird das Neue integriert und damit eine höhere Stufe erreicht. Die Verwandlung ist vollzogen, der Held hat an Weisheit gewonnen. All das, was gelernt wurde, wird integrierbar und kann sich entfalten. Das Problem ist beherrscht und der Lösungsraum ist offengelegt. Neuer Sinn entsteht.

Empfehlen Sie diesen Artikel!

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Innovation und Neugier

Dossier: Innovation und Neugier

Wie entstehen Produkte und Dienstleistungen? In der komplexen Netzwerköonomie wird Innovation immer wichtiger: die Fähigkeit, neue Sichtweisen einzunehmen, neue Ideen zu entwickeln und neue Zukunftsperspektiven für Organisationen zu entwerfen.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Verena Muntschick

Die studierte Germanistin, Anthropologin und Biologin ist seit 2014 für das Zukunftsinstitut tätig. Als Projektmanagerin, Researcherin und Autorin arbeitet sie an Studienprojekten und Auftragsarbeiten.