Innovationen, erfunden für den Krieg

Wie das Militär Innovationen vorantreibt: Exoskelette und Flugdrohnen rücken in den Fokus der Öffentlichkeit – werden sie bald unseren zivilen Alltag prägen?

Von Cornelia Kelber (10/2016)

Echte Innovationen zeichnen sich dadurch aus, dass sie wirklich gebraucht werden. Doch damit sie überhaupt entstehen können, muss auch das entsprechende Budget investiert werden. Eine echte Innovation braucht Geld, Zeit und Köpfchen. Und genau deshalb ist das Militär ein so wichtiger Innovationstreiber geworden. Die nötigen Mittel kommen hier aus Steuergeldern – und schaffen Strukturen, von denen auch private Unternehmen massiv profitieren.

Regierungen auf der ganzen Welt investieren Unsummen in ihre Verteidigungsapparate, deren Wettrüsten immer stärker in Richtung Digitalisierung und Virtualisierung tendiert. Kriegsführung im Cyberspace kostet. Laut dem schwedischen Friedensforschungsinstitut SIPRI betrugen die weltweiten Militärausgaben im Jahr 2015 insgesamt 1.760 Milliarden Dollar. Cybersecurity wird zum neuen Schlüsselmarkt der Rüstungsbranche. Und große Rüstungsunternehmen wie BAE Systems, Lockheed Martin Corporation und Raytheon Company wenden sich zunehmend dem zivilen Sektor zu. Die innovativen Technologien, die sie dabei entwickeln, wirken auf die gesamte Gesellschaft.

Heute ist eine Reihe sowohl öffentlich bekannter als auch geheimer Forschungseinrichtungen im Auftrag der Armeen tätig. Das können kleine Initiativen sein wie etwa das "Athena Project", bei dem die Besatzung eines Schiffes der U.S. Navy Brainstormings zu technischen und organisatorischen Fragen veranstaltet. Oder große Organisationen wie das U.S. Army Research Laboratory (ARL), das mit Inhouse-Spezialisten und in Zusammenarbeit mit Privatfirmen und Universitäten beispielsweise an Nano-Flugdrohnen forscht.

Manche Innovationen, die militärischen Ursprungs sind, haben unseren zivilen Alltag derart grundlegend geprägt, dass man beinahe vergisst, woher sie eigentlich kamen. Das gilt für das Internet, das als Arpanet des US-Verteidigungsministeriums in den 1960er-Jahren seinen Anfang nahm. Das gilt auch für das amerikanische Ortungssystem GPS, das heute jeder zur Navigation beim Autofahren und als Tracking-Technologie beim Joggen verwendet. Die öffentlichen Gelder für Forschung und Entwicklung in der Armee können auch heute Grundlagenforschung fördern, die den Alltag der zivilen Gesellschaft in Zukunft stark verändern könnte. Besonderes Augenmerk liegt dabei im Moment auf Flugdrohnen und Exoskeletten.

Die U.S. Army benutzt Flugdrohnen schon seit Jahren als Kampfmittel, und auch die deutsche Bundeswehr plant, bewaffnete Drohnen in naher Zukunft einzusetzen. Bis 2025 will Deutschland zusammen mit Italien, Frankreich und Spanien eine eigene Eurodrohne entwickelt haben. In der Zwischenzeit sollen bewaffnungsfähige Drohnen vom Typus "Heron TP" von der israelischen Armee geleast werden. Unbewaffnete Aufklärungsdrohnen, ebenfalls geliehen, sind bereits im Einsatz. Längst bevölkern Drohnen in Form von sogenannten Koptern auch den zivilen Alltag.

Exoskelett ist der aus der Tierwelt entlehnte Begriff für einen hydraulischen Roboter-Anzug, der die Bewegungen seines Benutzers vorwegnimmt und verstärkt. In Frankreich wurde 2014 das Modell Hercule vorgestellt, das ausdrücklich sowohl für die militärische Nutzung – zur Verstärkung der Körperkraft von Soldaten – als auch für die zivile Anwendung zu medizinischen Zwecken gedacht ist. Das sind auch die Einsatzbereiche des Exoskelett-Modells der Firma Ekso Bionics, die in der Vergangenheit schon Patente an den Rüstungskonzern Lockheed Martin Corporation verkauft hat. Der erste Kick der Fußball-WM 2014 in Sao Paulo wurde von einem Querschnittsgelähmten ausgeführt, der einen Roboter-Anzug von Ekso trug. Bilder, die um die Welt gingen – gewaltige Publicity für das Unternehmen.

Kritiker lassen sich jedoch von solchen PR-Stunts nicht blenden: Der friedliche Fortschritt einer gesunden Menschheit ist keineswegs die oberste Priorität von Rüstungskonzernen und militärischen Think-Tanks. Das ARL-Laboratory rühmt sich auf seiner Webseite ganz offen mit seiner erfolgreichen Analyse der "Lethality", der tödlichen Wirkung von Waffensystemen. Doch das Militär war schon immer ein fruchtbarer Boden für Innovationen. "Macht" ist ein ganz entscheidender Treiber in der Technolution, der Evolution technischer Innovationen. Schon in der Antike folgten auf Kriege regelrechte Innovationswellen, wie auch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. So wurde Wernher von Braun zur Symbolfigur für den (erschreckend nahtlosen) Technologietransfer aus der Rüstungsindustrie der Nazis in die Weltraumforschung der amerikanischen NASA.

Neue Technik soll Herrschern helfen, sich gegen konkurrierende Mächte zu behaupten. Doch Macht ist immer auch Gegen-Macht. Und wenn sie einmal in der Welt ist, ist es der Technik egal, wer sie für welche Zwecke verwendet.

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