Intelligente Integration: Die neue Sicherheit

Der Terror in Brüssel wirft erneut die Frage auf: Wie kann Integration gelingen? Umfassende Sicherheit kann nur entstehen, wenn die Politik alle Bürger einbezieht.

Von Dr. Daniel Dettling

Pixabay / falco / Hände / CC0

Disruption, das radikale Infragestellen von Geschäftsmodellen durch die Digitalisierung, galt bislang nur für Unternehmen und nicht für Politik und Staat. Ihr "Geschäftsmodell" setzt auf das Konzept der Ruhigstellung der Bürger nach dem Motto "Kümmert Euch nicht! Lebt, arbeitet und konsumiert! Wir machen das schon!" Auf die Ankunft von hunderttausenden Flüchtlingen im vergangenen Jahr war die Politik jedoch alles andere als vorbereitet. Das staatliche Frühwarnsystem hat versagt. Ohne das spontane und selbstlose Engagement der Bürger wäre es 2015 zu einer sozialen Katastrophe gekommen. Nach der Willkommenskultur im vergangenen Jahr geht es nun um eine Kultur der intelligenten Integration. Gelingt sie, wird auch der islamistische Terror kaum noch eine Chance haben.

Politikverdrossene Bürger stoßen auf Flüchtlinge

Die Gesellschaft für deutsche Sprache ist ein Seismograf für Trends. Mit dem "Wort des Jahres" greift sie Begriffe auf, die prägend für die Einstellungen der Bürger sind. Auf "Politikverdrossenheit" (1992) und "Wutbürger" (2010) folgte im 2015 "Flüchtlinge". Wenn politikverdrossene Wutbürger auf Flüchtlinge stoßen, sind Angst und Panik nicht weit. Ihren Nutzen daraus ziehen Alarmisten, Populisten und Terroristen. Die einen sind Apokalyptiker, die anderen verteidigen eine ewige Gegenwart. Gemein ist ihnen das Fehlen einer positiven Idee von Zukunft. Die große Mehrheit der Bürger will aber nicht zu jenen gehören, die sich wie Schauspieler oder Zuschauer verhalten. Sie wollen Partner und Mitwirkende eines offenen Projektes sein. In der Einwanderungsgesellschaft sehen sie ein Integrationsprojekt, das sie selbst betrifft.

Integration statt Assimilation

Jede Antwort beginnt mit einer Frage: Was sind die gemeinsamen Werte, Ziele und Anliegen? Den allermeisten Menschen, die hier leben, geht es um die Chance auf ein gelingendes Leben bei Wahrung ihrer Selbstachtung und Identität. Hannah Ein "pragmatischer Humanismus" sieht Vielfalt als Chance und betont das Gemeinsame. Arendt hat auf diesen Zusammenhang in ihrem Aufsatz "Wir Flüchtlinge" schon 1943 hingewiesen: Der Verlust der eigenen Heimat und Sprache darf nicht zu einem Verlust der Identität führen. Die von vielen beschworene “Pflicht zur Integration“ führt als praktisches Konzept in die Irre. Der "vorbildhafte Deutsche" als Ziel dieser Integrationspflicht existiert nämlich nicht. Statt einer "Tyrannei der Werte" geht es um einen "pragmatischen Humanismus", der in der Vielfalt der Identitäten keine Bedrohung, sondern eine Chance sieht und das Gemeinsame betont. Nicht nur die Flüchtlinge müssen integriert werden. Es geht um das Integrieren aller hier lebenden Menschen – um das Erschaffen von etwas Neuem, das vorher nicht existiert hat. Intelligente Integration nutzt die Interessen und Leidenschaften der Bürger für eine innovative Fortentwicklung der Gesellschaft und Wirtschaft.

Unternehmerische Bürger und politische Unternehmer

Zum Beispiel neue Leitbilder und Initiativen. Das neue Leitbild ist nicht der Volkes Meinung repräsentierende Politiker, sondern der unternehmerische Bürger bzw. der politische Unternehmer. Inspiriert vom Engagement der Bürger reagiert jetzt auch die Wirtschaft und hat die bundesweite Kampagne und Initiative "Wir zusammen" gestartet. Der Verein "More than Shelters" will aus Flüchtlingsunterkünften menschenwürdige Lebensräume machen. Und auch Einzelkämpfer können etwas bewirken. Bereits vor 16 Jahren hat der Sozialunternehmer Michael Stenger in München eine private Schule nur für Flüchtlinge gegründet. Kaum ein Schüler fällt durch, fast jeder schafft den Hauptschulabschluss, jeder Fünfte wechselt sogar auf die Realschule oder das Gymnasium. Das Beispiel macht längst Schule, viele Industrie- und Handelskammern beteiligen sich, überall entstehen neue Einrichtungen. Michael Stenger ist überzeugt: "Wir bekommen das Zehnfache von dem zurück, was wir investieren." Projekte und Initiativen wie diese verringern die Kluft zwischen Managern und Mitarbeitern, Politikern und Bürgern, zwischen "denen da oben" und "jenen da unten".

Die Integrationsindustrie aufbrechen

Geld und Ressourcen sind in der Regel nicht das Problem. Es sind eher die Institutionen, Strukturen und Prozesse. Die Integrationsindustrie ist ein aufgeteilter Markt in Deutschland. Neue Die Politik muss wieder lernen, Menschen als Subjekte und nicht als Objekte zu betrachten. Anbieter und Ideen sind meist nicht willkommen. Dies aufzubrechen erfordert einen neuen politischen Ansatz. Analog zu Social Design-Prozessen, welche die Menschen in den Mittelpunkt stellen und ihr Wissen und ihre Kreativität nutzen, muss Politik wieder lernen, Menschen als Subjekte und nicht als Objekte zu betrachten. Die Flüchtlinge wissen selbst am besten, was sie wollen und brauchen. Niemand ist motivierter als sie.

Eine Politik der intelligenten Integration setzt auf die Kollaboration aus ökologischen Lebensräumen, Politik und Wirtschaft. Die real existierende Politik verkennt jedoch die neue Macht, die in dem Engagement der Bürger und Unternehmen liegt. Statt auf Bürgerengagement und Zivilgesellschaft setzt sie auf das Umverteilen von Geld und ein Denken in Lagern. Die einen (SPD) reden von Solidarität, die anderen (CDU/CSU) von Sicherheit. Eine Politik der intelligenten Integration setzt auf den persönlichen Mut und eine Praxis der sozialen Verpflichtung und führt zu mehr Solidarität und Sicherheit als eine rein repressive oder präventive Politik der Sicherheit und Überwachung. Erst eine Politik der intelligenten Integration produziert umfassende Sicherheit.

Über den Autor:
Dr. Daniel Dettling ist Gründer der Denkfabrik re:publik, Mitgründer der Deutschen Gesellschaft für Politikberatung (degepol) und Referent des Zukunftsinstituts. Der Jurist und Politikwissenschaftler publiziert zu Fragen der Netzdemokratie, der Sozial- und Wirtschaftspolitik, der Bürgergesellschaft und der politischen Kommunikation.

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