Interview: Die Stadt der Zukunft verführt

Dr. Martin Knöll, Leiter der Forschungsgruppe „Digitale Stadtspiele“ an der TU Darmstadt, über die Potenziale von Gamification für die Stadt der Zukunft

Die heutigen Städte sind erheblich sauberer, sicherer und bieten eine bessere Versorgung als die Städte vor hundert Jahren. Sind diese Faktoren für eine lebenswerte Stadt nicht ausreichend?

Bewohner von Städten stellen heute eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Anforderungen an ihren Lebensraum. Wir möchten gesundes, regionales Essen, eine schadstofffreie, leise Umgebung, in guten Nachbarschaften wohnen, vielfältige Möglichkeiten zur Erholung, ausreichend Grünraum, gleichzeitig aber auch eine anregende urbane ”Eine lebenswerte Stadt kann nur mit Green Design und Active Design funktionieren” Umgebung, intermodale Mobilität und wirtschaftliche Stabilität. Einfach nur sicher und sauber reicht also nicht. Aber eine lebenswerte Stadt kann nur funktionieren, wenn zwei Faktoren, Green Design und Active Design, zusammenspielen. Bei Green Design handelt es sich um die ökologische Gestaltung der Städte. Während Active Design eine Gestaltung forciert, die mehr körperliche Bewegung und auch soziale Interaktion fördert. Im besten Falle ist eine lebenswerte Stadt eine Synergie aus Active und Green Design.

Wie wichtig ist dabei der Aspekt Gesundheit?

Das kommt auf die Gewichtung an – und ob man auf den „Panikzug“ aus England und den USA aufspringen möchte. Hier ist beispielsweise der Anteil der Fettleibigen erheblich höher als in Deutschland. Dennoch sind auch bei uns „Walk-ability“ – die Attraktivität unserer Städte für Fußgänger – und die Förderung von alltäglichen körperlichen Aktivitäten wie Treppensteigen Aspekte, die in der Architektur und Stadtplanung einen höheren Stellenwert bekommen. Gesundheitsorientierte Stadtplanung heißt aber auch, Menschen sozial zu vernetzen und Orte für der Gemeinschaft anzubieten. Das formulieren auch die Active Design Guidelines des New Yorker Bürgermeisters Michael Bloomberg und zeigen Gestaltungsbeispiele, die zu mehr Bewegung und Begegnung in der Stadt anregen sollen.

Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit Digital Health Games. Wie funktionieren diese Spiele und welche Ziele werden damit verfolgt?

Urban Health Games können wieder Anreize schaffen, die alltäglichen Stadträume anders wahrzunehmen und sich aktiv und bewusst hindurchzubewegen. Grundsätzlich unterscheiden wir drei Kategorien. Dabei steht nicht immer die Bewegung allein im Vordergrund, sondern auch die Vernetzung der Bewohner. Durch Collaborative Games wie CryptoZoo verabreden sich die Spieler, um gemeinsam Objekte wie Freitreppen, Bänke oder Parkplätze umzunutzen. Die Stadt funktioniert hier als Bühne, um Bewegungen möglichst unterhaltend zu inszenieren, zu trainieren und sich bei anderen abzuschauen. Das Game hilft dabei, die “Urban Health Games sind ideale Analysetools für Stadtplaner und Architekten” Übungen zu lernen, Parcours zu finden und sich mit anderen zu verabreden.

Was können Games darüber hinaus noch für die Gesundheit leisten?

Expressive Games nutzen die realen Orte als eine Spiel-Kulisse, die entweder in starkem Kontrast oder im Einklang mit der Geschichte steht, die auf dem Smartphone-Screen erzählt wird. Gerade in einem Fastfood-Restaurant, so argumentieren Game-Experten wie Ian Bogost, können digitale Spiele am überzeugendsten beispielsweise bestimmte Essgewohnheiten thematisieren. Selfreflective Games sind eine weitere Kategorie, in der Spieler durch Bewegung und körperliche Anstrengung beispielsweise eine virtuelle Landschaft auf dem Smartphone steuern. Durch Positionsbestimmung reagiert die Spielelandschaft auf Bewegung nach links oder rechts und durch Pulsmesser auf verschiedene Grade der Anstrengung. Das Herz wird zum Joystick. Gerade Selfreflective Games versprechen, einiges über die komplexen Zusammenhänge zwischen gebauter Umwelt, Bewegung und Vitalparametern wie Herzfrequenz, Stress-Levels oder gar Blutzuckerwerte zu lernen.

An welcher Form von Digital Health Games arbeitet Ihre Forschungsgruppe „Digitale Stadtspiele“?

In Seminaren wie „Lunchtime Exercises“ versuchen wir von diesen gerade genannten Beispielen zu lernen, indem wir Konzepte und Prototypen für digitale Bewegungsspiele, sogenannte „Exergames“, entwickeln, die ihr Umfeld in den Spielverlauf miteinbeziehen – beispielsweise zu einem kleinen Abstecher auf dem Weg zur Mensa oder Kantine verführen. Die Studierenden arbeiten in Teams mit Psychologen und Serious-Games-Forschern zusammen an Prototypen, die sie in ihrem alltäglichen Umfeld testen und evaluieren. Aus unserer Sicht ist dabei interessant, Gestaltungsrichtlinien wie die Active Design Guidelines von Michael Bloomberg auf die Probe zu stellen, zu experimentieren und innerhalb einer Spielsituation zu inszenieren und auf die Spitze zu treiben.

Wie beeinflussen Health Games Städte und Architektur, und was können Kommunen, Stadtplaner und Architekten daraus lernen?

Neben dem individuellen Anreiz, sich aktiver im Raum zu bewegen, um der eigenen Gesundheit etwas Gutes zu tun, sind Urban Health Games ideale Analysetools für Stadtplaner und Architekten. Eine bestimmte räumliche Konfiguration regt bestimmte Handlungen an, provoziert und ermöglicht sie. Allerdings stützt sich aktuell dieses Wissen auf Beobachtungen und erst vereinzelt auf aktuelle Daten. Mithilfe der Games kann man nun verschiedene Architekturen oder räumliche Situationen datengestützt analysieren und Rückschlüsse ziehen, welche räumlichen Konfigurationen funktionieren und welche nicht. Die gewonnenen Erkenntnisse können dann entsprechend in Architektur und Städtebau umgesetzt werden und dort einen Zusatznutzen bieten. Der Architekt gewinnt dadurch ein Werkzeug, das ihm hilft, wichtige Designentscheidungen bei Investoren, Kunden und politischen Entscheidungsträgern zu argumentieren. Denn er kann nun visualisieren und belegen, welche Konsequenzen bestimmte räumliche Konfigurationen mit sich bringen. Noch ein Schritt in die Zukunft gedacht wäre die sinnvolle Implementierung von digitalen Medien in die Architektur. Wenn wir beispielsweise Architektur und Stadträume als eine Kulisse für ein Spiel verstehen, das sich mit der Umgebung verschränkt, dann wäre das eine mobile, intervenierende und temporäre Form von Architektur.

Und wie würde Ihre Stadt der Zukunft aussehen?

Die Stadt der Zukunft verführt. Sie ist eine spielerische Form der Bürgerbeteiligung. Eine Stadt, die ein Feedback bekommt, da sie bewusster genutzt wird. Denn durch Urban Health Games erkennt der User, welchen Einfluss städtische Räume auf das eigene Verhalten haben. Damit kann der Bürger nun auch eine Aussage darüber treffen, wie Stadt überhaupt aussehen soll. Dahinter steckt die Idee, dass das digital unterstützte Spielen noch ein anderes Potenzial mit sich bringt: nämlich das Zusammenkommen der Bewohner im physischen Raum, um sich zu treffen und zu kollaborieren Die Stadt der Zukunft ist eine spielerische Form der Bürgerbeteiligung  – und im besten Fall gemeinsam die Stadt zu verändern.

Dr.-Ing. Martin Knöll leitet die Forschungsgruppe „Digitale Stadtspiele“ an der TU Darmstadt. Interdisziplinär am Fachbereich Architektur sowie Elektrotechnik und Informationstechnik angesiedelt, erforscht die Gruppe wissenschaftlich-technische Grundlagen und Potenziale mobiler Serious Games für die Stadtplanung. Knöll hat in London zu ortsbezogenen Medien und Architektur geforscht und an der Universität Stuttgart über „Urban Health Games“ für die Stadtplanung promoviert.

Empfehlen Sie diesen Artikel!

Der Artikel hat Bezug zu folgenden Formaten:

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend Urbanisierung

Megatrend Urbanisierung

Wir befinden uns erst am Beginn einer neuen Stufe der Urbanisierung: Städte erfahren eine Renaissance als Lebens- und Kulturform. Die Städte der Zukunft werden vielfältiger, vernetzter, lebenswerter und in jeder Hinsicht „grüner“ sein als wir sie lange Zeit erlebt haben. Vor allem aber wandelt sich das Verhältnis und Bewusstsein der Menschen zu ihren Städten.

Interviews

Interviews

In unserem täglichen Umfeld bewegen sich viele spannende Vordenker und Zukunftsgestalter. Und manchmal haben wir die Möglichkeit, den Austausch mit diesem besonderen Personen zu dokumentieren. Lassen Sie sich inspirieren!