Interview: "Es gibt eine Lücke im System"

Anja Bittner, Johannes Bittner und Ansgar Jonietz haben die Austausch-Plattform washabich.de gegründet, um Spezialisten und Laien miteinander zu vernetzen.

Quelle: Trend Update

Das "Was hab' ich?"-Gründerteam: Anja Kersten, Johannes Bittner, Ansgar Jonietz (Foto: Amac Garbe / ein-satz-zentrale.de)

Ihre Website setzt auf Kollaboration und Austausch untereinander – mit großer Resonanz seitens der Patienten. Worauf basiert Ihrer Meinung nach der Erfolg?

Entscheidend ist sicherlich, dass wir Patienten und Mediziner in einer Win-Win-Situation zusammenbringen. Die Patienten profitieren, weil sie eine individuelle und leicht verständliche Erklärung ihres medizinischen Befundes erhalten. Die Mediziner investieren viel ehrenamtliche Zeit in diese Erklärungen, aber sie lernen auch dazu, weil sie zum Beispiel üben, komplexe Sachverhalte leicht verständlich auszudrücken. Wir bieten also Spezialistenwissen in einer individuellen, für medizinische Laien verwertbaren Form an – das ist unser Schlüssel zum Erfolg.

Die Seite washabich.de ist seit 2011 online. Wie hat sich seither die neue Generation Patienten verändert?

Schon seit 2001 befragt die Bertelsmann Stiftung regelmäßig Patienten zu ihrem bevorzugten Entscheidungsverhalten beim Arzt. Und seit Bewusstsein für die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit einer guten Kommunikation zwischen Arzt und Patient nimmt zu 2001 ist die Verteilung der Antworten nahezu konstant: Im Schnitt möchten 73 Prozent der Deutschen Therapieentscheidungen mit dem Arzt gemeinsam oder sogar allein treffen. Veränderungen sind also auf der anderen Seite gefragt. Immer mehr Medizinische Fakultäten nehmen die Kommunikation in die Lehre auf. Das Bewusstsein für die Notwendigkeit und vor allem Sinnhaftigkeit einer guten Kommunikation zwischen Arzt und Patient nimmt, wenn auch langsam, zu. Wir zeigen durch die große Resonanz auf unser Angebot seit 2011, dass es offensichtlich eine Lücke im System gibt. Diese Lücke gilt es zu schließen, durch Kommunikationsschulungen auf ärztlicher Seite, Ermutigung der Patienten, bei unverständlichen Dingen nachzuhaken und natürlich auch durch strukturelle Veränderungen, damit Arzt und Patient mehr Zeit mit- und füreinander haben.

Nicht selten fühlen sich Patienten von ihrem Arzt nicht ernst genommen und alleine gelassen. Wie kann die Gesundheitsbranche das Ihrer Meinung nach ändern?

Die meisten Ärzte sind ernsthaft um ihre Patienten bemüht, viele sehen ihren Beruf als Berufung. Trotzdem stimmt wie in jeder Lebenssituation nicht immer die Chemie zwischen Arzt und Patient, und natürlich gibt es auch schwarze Schafe. Doch Patienten haben in Deutschland freie Arztwahl. Nur in seltenen Fällen gibt es keinen Ausweg aus einem gestörten Vertrauensverhältnis. Die Kommunikation hat dabei einen wesentlichen Einfluss auf das Vertrauen. Wenn Ärzte bereits im Studium lernen, kurze Gesprächszeiten möglichst intensiv mit dem Patienten zu nutzen und Patienten mutiger ihre Bedürfnisse und Fragen äußern, dann ist sicher schon ein guter Schritt zu einem besseren Arzt-Patient-Verhältnis getan.

Immer mehr Ärzte möchten gerne in Teilzeit arbeiten. Diese Arbeitsform setzt nicht nur viel Dialog und Vertrauen in die Arbeit des anderen voraus, sondern auch flexible Patienten. Wie kann da das Patienten-Arzt-Vertrauen gewährleistet werden?

Patienten, denen es wichtig ist, immer beim gleichen Arzt zu sein, sind bemüht, geplante Arztbesuche nach dem Terminplan ihres Arztes zu richten. Sicher wird es aber zukünftig auch andere Wege der Arzt-Patient-Kommunikation geben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Telemedizin auch in der direkten Kommunikation zwischen Patient und (Haus-)Arzt Einzug hält. Dann werden vielleicht auch weitere Strecken zwischen dem Patienten und dem Arzt seines Vertrauens liegen, ohne dass ein Arztwechsel nötig ist.

Ist partizipative Medizin die Medizin der Zukunft?

Die Medizin der Zukunft ist eine individuelle Medizin. Wir können nicht alle Menschen über einen Kamm scheren. Für viele wird die Teilhabe an Behandlungsentscheidungen, die ausführliche Information über Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten Der Wunsch nach Teilhabe an Behandlungsentscheidungen wird umso geringer, je bedrohlicher die Erkrankung ist die bevorzugte Form der medizinischen Versorgung sein. Aber wir wissen aus Studien, dass der Wunsch nach Teilhabe an Behandlungsentscheidungen umso geringer wird, je bedrohlicher die Erkrankung ist. Patienten der Zukunft werden sicher nicht weniger Ängste haben und auch unter ihnen wird es diejenigen geben, die lieber die Scheuklappen aufsetzen als mit eventuell belastenden Informationen oder gar Entscheidungen konfrontiert zu sein. Und auch das muss in Zukunft ein weiterhin akzeptierter Weg für die medizinische Versorgung sein.

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Megatrend Gesundheit

Megatrend Gesundheit

Gesundheit ist nicht mehr das Gegenteil von Krankheit, sondern ein Bewusstsein für die Balance der individuellen Lebensenergie. Die Medizin verwandelt sich daher vom spezialisierten Reparaturbetrieb in einen gewaltigen Sektor im Dienste des Gesundheits-Prosumenten. Der Gesundheitsmarkt ist und bleibt auch in Zukunft ein wichtiger Eckpfeiler der Wirtschaft.