„Jeder Fehler ist einzigartig“

Hung Lam betreibt zusammen mit Eddy Yu das CoLAB, ein Designstudio in Hongkong. Der Anspruch seiner Designkonzepte: die Balance aus Business, Kultur und Gesellschaft.

Quelle: Trend Update 08/2014

Einmal sollte der Designer Hung Lam für den Porzellanhersteller Loveramics eine Kollektion entwerfen. Doch anstatt einfach ein Bild auf die Tassen zu malen und seinen Namen daneben zu schreiben, damit das Porzellan teurer verkauft werden kann, fuhr Lam ins chinesische Hinterland – „das echte China“, sagt er, Hongkong scheint außerhalb davon zu liegen – und sah sich die Loveramics-Fabriken an. Die Zufahrtswege waren links Es geht darum, Fehler und Schwächen in Schönheit zu verwandeln und rechts vollgestellt mit Ausschussware, also mit Tellern und Tassen, die sich nicht verkaufen lassen. Doch bei genauerem Hinsehen erwies sich der Großteil des Geschirrs als voll funktionsfähig. Nur winzig kleine schwarze Brandflecken waren auf einigen Tassen zu sehen, wo beim Brennen ein Stück Asche auf das Porzellan geweht worden war. Hung Lam nahm sich genau diese Ausschussware vor. Und anstatt die kleinen schwarzen Flecken zu vertuschen, hob er sie noch extra hervor und schrieb daneben: „I’mperfect“.

Auch der Tee-Salon in der Hongkonger Oil Street ist Teil des Designkonzepts, einer „Bewegung“, die Hung Lam gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Eddy Yu ins Leben gerufen hat. „I’MPERFECT lautet der Name dieses Konzepts, ein Wortspiel aus „imperfect“ – unvollkommen – und „I’m perfect“ – „Ich bin perfekt“. Auf die Frage, worin die Schönheit von Fehlern besteht, antwortet der Designer wie aus der Pistole geschossen: „Uniqueness“ – Einzigartigkeit. Es geht darum, Fehler und Schwächen in Schönheit zu verwandeln. Was auf den ersten Blick als störend erscheint, stößt einen Prozess an, an dessen Ende eine Metamorphose hin zum Einzigartigen steht.

Was ist deine größte Schwäche?

So ist auch der Teesalon im Hongkonger Art Space ein Zugang zu dieser Einzigartigkeit geworden: Bevor die Gäste Tee trinken dürfen, werden sie mit verbundenen Augen durch den Garten geführt. Über Kopfhörer wird ihnen meditative Musik vorgespielt, während sie still auf Stühlen im Gras sitzen. Doch die Stille ist nur äußerlich; innerlich sind sie auf der Suche nach dem Gefühl, das sie am meisten stört. Die Frage ist: Was empfindest du als deine größte Schwäche? Anschließend wählen die Gäste des Teesalons aus einer Liste aus: „Müdigkeit“ wählen die meisten Chinesen, die Deutschen dagegen sind oft „verwirrt“. Hung Lam kennt Deutschland gut, immer wieder kommt er für Workshops und Symposien zu Besuch. So auch an dem Tag, als wir uns zum Interview treffen.

Hung Lam ist klein und schmächtig. Müde sitzt er an diesem Spätnachmittag auf dem Stuhl vor dem Recorder, der unser Interview aufzeichnet. Draußen warten schon seine Gastgeber, die ihn zum Flughafen bringen wollen. Hung Lam hat schon viel geredet an diesem Tag und viel geschafft in diesem Leben, trotzdem sieht er jünger aus, als er ist. Und manchmal richtet er „Das Streben nach Perfektion richtet Schaden an" sich auf und etwas trägt ihn, befeuert ihn, treibt ihn durch diesen anstrengenden Tag, dieses anstrengende Leben. „Die Menschen in Hongkong sind Perfektionisten. Es fällt ihnen schwer, es sich zu verzeihen, wenn sie Fehler machen, wenn sie nicht perfekt sind. Dieser Stress wird zu einem gesundheitlichen Problem.“ Das I’mperfect-Konzept, das zunächst bloß nach einer lustigen Idee klingt, bekommt eine andere Tragweite, wenn Lam sagt, dass er mit psychiatrischen Organisationen in Hongkong zusammenarbeitet. „Das Streben nach Perfektion richtet Schaden an. Es schadet der Umwelt, es schadet der Gesellschaft, es schadet den Menschen. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas tun muss.“

Tee trinken also, aber nicht irgendeinen Tee irgendwie. Erst verstehen, wo es hakt. Und genau diese Schwäche dann akzeptieren, zulassen, transformieren. Das ist die Idee hinter der I’mperfect-Bewegung, die sich von Hung Lam und seinem CoDesignLab in Hongkong gelöst und weiter verbreitet hat. Jetzt gibt es Yoga-Sessions und Schmerz-Workshops, die Designidee wird zur Lebensphilosophie. Oder ist es eine Lebensphilosophie, die zur Design-Idee wurde?

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend Individualisierung

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Unsere Biografien verlaufen heute entlang neuer Brüche, Umwege und Neuanfänge. Sie sind viel mehr zu „Multigrafien“ geworden. In einer Gesellschaft, die uns immer mehr individuelle Freiheiten gibt, uns aber auch immer stärker unter Entscheidungsdruck setzt, verändern sich Werte – und mit ihnen ändert sich die Wirtschaft, in der DIY-Kultur und Nischenmärkte entstehen.

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