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Neue Familienwerte: Regenbogenfamilien zeigen, dass das klassische Familienbild von Mutter, Vater, Kind zur Diskussion steht.

Quelle: Trend Update 08/2014

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Traditionsverklärte Aussagen wie „Kinder brauchen eine Mutter und einen Vater“ haben mittlerweile wenig mit der Lebensrealität vieler Familien zu tun. Der Familienbegriff befindet sich im Wandel und das heutige Familienbild ist so vielfältig wie nie. Gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern, die sogenannten Regenbogenfamilien, rücken dabei zunehmend in das Bewusstsein der Gesellschaft – vor allem dank prominenter Vorbilder.

Auch wenn sieben von zehn Familien noch immer der klassischen Familienkonstellation entsprechen, haben sich in den letzten Jahrzehnten alternative Formen, die die Familiengründung von der Ehe entkoppeln, etabliert. Neue familiäre Lebensformen wie die MommaDaddys, die Alleinerziehenden (17 Prozent, Statisches Landesamt Baden-Württemberg 2012), die Patchwork-Familien oder die unverheirateten Lebensgemeinschaften mit In den USA gehören Adoptionen durch homosexuelle Paare schon fast zur Normalität Kindern (6 Prozent) gewinnen immer mehr an Bedeutung.

Aber auch gleichgeschlechtliche Eltern sind längst Teil der gesellschaftlichen Realität. Der Duden nahm bereits 2009 den Begriff „Regenbogenfamilie“ als Neuwort auf für eine Familienform, in der sich mindestens ein Elternteil als lesbisch, schwul, bisexuell oder transgender (Kurz: LGBT) definiert. Laut dem Mikrozensus lebten 2012 bundesweit bereits 73 000 Paare gleichgeschlechtlich zusammen – und damit doppelt so viele wie vor 15 Jahren. 32 000 Paare davon waren sogar rechtlich als Lebenspartner eingetragen – Tendenz steigend.

Mit dem rechtlichen Eintrag (in Deutschland seit 2001 möglich) geht für gleichgeschlechtliche Paare häufig nicht nur die Absicht, die Beziehung zu festigen, sondern vor allem auch der Wunsch nach einer Familie und Kindern einher. 2012 hatten bundesweit bereits neun Prozent solcher Paare Kinder. Sie stammten häufig aus früheren heterosexuellen Partnerschaften oder wurden in die aktuelle gleichgeschlechtliche Beziehung hineingeboren. Adoptionen hingegen gestalteten sich, für deutsche Paare zumindest, schwierig.

In den USA gehören Adoptionen durch homosexuelle Paare schon fast zur Normalität. Und Großbritannien erweist sich in Europa als Vorreiter im Hinblick auf die Gleichstellung homosexueller Paare: Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sind bereits seit 2004 mit allen Rechten und Pflichten einer Ehe ausgestattet – und mit der Möglichkeit, gemeinsam Kinder zu adoptieren. Ferner können gleichgeschlechtliche Paare seit März 2014 sogar den Bund der Ehe schließen.

In Deutschland hingegen wurde zu Beginn des Jahres erst ein Gesetz erlassen, das homosexuellen Lebensgemeinschaften das Recht auf eine sogenannte Sukzessivadoption, die Adoption eines vom Partner vorher adoptierten Kindes, zuspricht. Eine gemeinsame Adoption bleibt aber weiterhin nur heterosexuellen Ehepaaren vorbehalten. Bundesjustizminister Heiko Maas, auf dessen Initiative das Gesetz zurückgeht, sieht es trotzdem als Fortschritt und erklärt, dass „ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg zur völligen rechtlichen Gleichstellung von Lebenspartnerschaften“ gemacht wurde.


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Enge Eltern-Kind-Beziehungen

In Deutschland wachsen heutzutage zwischen 16.000 und 19.000 Kinder in Regenbogenfamilien auf. Und auch wenn immer wieder, vor allem kirchlich geprägte, Stimmen laut werden, die darauf pochen, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind und Kinder sowohl Vater als auch Mutter brauchen, gibt es genügend Studien, die das Gegenteil belegen. Zu den renommiertesten deutschen Studien zählt die der Universität Bamberg. Diese stellte bereits 2009 keine Entwicklungsauffälligkeiten bei Kindern aus Regenbogenfamilien fest. Vielmehr sei die Eltern-Kind-Beziehung gerade in gleichgeschlechtlichen Familien eng und der Familienalltag gestalte sich offen und tolerant. Ferner gehen Regenbogenfamilien offensiver mit ihrer Lebensform um. Meist sind auch der Freundeskreis, Arbeitskollegen sowie das Umfeld der Der Trend geht in Richtung Familie für alle Kinder über die besondere Familiensituation informiert.

Die ganz besondere Familiensituation eines lesbischen Paares mit zwei Kindern ist auch Thema in dem Independentfilm „The Kids Are All Right“ (2010). Hollywood beweist hier zur Abwechslung Mut: Nicht nur ist das lesbische Paar mit Julianne Moore und Annette Bening prominent besetzt, der Film setzt sich auch auf eine sehr unkonventionelle, witzige und vor allem „normale“ Art mit dem Leben und den Konflikten in einer Regenbogenfamilie auseinander. Gerade solche Filme zeigen, dass wir uns in einem gesellschaftlichen Wertewandel befinden, was Sexualität und Familie betrifft. Diese Entwicklung wird in letzter Zeit auch von berühmten Persönlichkeiten demonstriert. So sprachen zuletzt der Fußballer Thomas Hitzlsperger und die Schauspielerin Ellen Page (Juno, Inception) offen über ihre Homosexualität und Musikergrößen wie Ricky Martin und Elton John berichten über ihre Erfahrungen mit Leihmutterschaften.

Was 1999, als sich der Schlagerstar Patrick Lindner als schwul outete und ein neun Monate altes Waisenkind adoptierte, für viel Empörung in Deutschland sorgte, wird heute weitestgehend akzeptiert. Eine Studie zu Familienleitbildern des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, die sich mit der Frage auseinandersetzte, was eine Familie sei, belegt sogar, dass gerade viele junge Menschen bis 39 Jahre (88 Prozent) homosexuelle Paare mit Kindern genauso als Familie definieren wie ein heterosexuelles verheiratetes Paar mit Kindern.

Zuwendung, Vertrauen und Liebe, ob hetero- oder homosexuell, der Trend geht in Richtung Familie für alle. Regenbogenfamilien haben ihr Nischendasein verlassen. Einige Homosexuellenorganisationen sprechen sogar von einem „Gayby-Boom“. In der Gesellschaft wird zunehmend offen und ehrlich über Sexualität, Orientierung, Ehe und Liebe gesprochen. Die Akzeptanz steigt. Nach Vorreiter Großbritannien, wo die Homo-Ehe zu Beginn des Jahres eingeführt wurde, setzte auch Australien ein deutliches Statement im Bezug auf plurale Lebensformen. Australische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger können sich seit April 2014 nicht nur zwischen männlich und weiblich entscheiden, sondern sich auch als geschlechtsneutral, als sogenannte Norries, eintragen lassen. Auch wenn in Deutschland die rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare eine Erfolgsgeschichte ist, hört die Toleranz auf, sobald es um Kinder geht.

Trotz der seit Jahren steigenden Zahlen bei den Alleinerziehenden und dem bröckelnden Bild des klassischen Mutter-Vater-Kind-Modells, tun sich Politik und Gesellschaft schwer, sich mit dem Trend zur Regenbogenfamilie auseinanderzusetzen. Solange nicht genau hier angesetzt wird und die Aspekte der Individualität und familiären Vielfalt nicht ins politische und gesellschaftliche Bewusstsein vordringen, werden sich Regenbogenfamilien leider auch weiterhin mit Diskriminierungen und Ungleichheiten auseinandersetzen müssen.

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Dossier: Lebensstile

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Der Megatrend Individualisierung hat dazu geführt, dass sich Menschen nicht mehr an Cluster-Codes halten: Im 21. Jahrhundert wechseln sie zwischen Clustern nach situativen Anlässen, mehrmals pro Tag. Heutige Lebensstile definieren sich deshalb nicht mehr nach äußeren Zuschreibungen, sondern nach Wünschen und Werten.

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