Free-Aging: Jenseits des Rentendaseins

Die Free-Ager hadern nicht mit dem Leben im Alter. Sie erleben ihre neu gewonnene Lebenszeit bewusst, individuell und jenseits des Rentnerdaseins. Sie treten für das Altern als Teil des Lebens ein und machen damit vor, was es heißt, mit sich selbst im Einklang zu sein. Ein gekürzter Auszug aus der Studie “Die Neue Achtsamkeit”.

Von Verena Muntschick und Diana Hertle

StockSnap.io / Ian Schneider / CC0

Weltweit steigt die Lebenserwartung kontinuierlich an. Individuelle Biografien gewinnen damit beständig an aktiver Lebenszeit hinzu, denn gleichzeitig sind die Menschen auch länger fit und gesund als früher. In einer Gesellschaft, in der das Leben ab 65 Jahren nicht nur der Rest, sondern ein beträchtlicher Teil des Lebens ist, verändern sich die Lebensläufe gravierend.

Multigrafien lösen das dreiphasige Biografiemodell (Kindheit, Erwachsenen- und Erwerbsleben, Ruhestand) zunehmend ab. Biografien werden vielschichtiger und bunter; die strengen Abläufe, die einst für ein Menschenleben vorgesehen waren, verändern und vervielfältigen sich: In der zweiten Lebenshälfte kommen neue Phasen des Aufbruchs und Un-Ruhestands hinzu. Mit 50 Jahren wird oft noch mal ein familiärer oder beruflicher Neuanfang gewagt – der gewonnenen Lebenszeit wird mit aktiven, mutigen und freudigen Lebensentwürfen begegnet.

Von der Biografie zur Multigrafie / Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland zum 31. Dezember 2015, Statistisches Bundesamt, 2016 / Zukunftsinstitut

Free-Ager sind die Protagonisten des neuen Lebensabschnitts „Alter“ als eigenständige und wertvolle Lebensphase. Sie lehnen die kulturell geprägte Rolle des passiven, unproduktiven und abseits der Gesellschaft geführten Rentnerdaseins ab, die im 20. Jahrhundert mit der Einführung des Renten- und Pensionssystems entstand. Sie lehnen aber auch den Jugendwahn ab, der sich als Folge davon breit machte – und der die Angst einer ganzen Gesellschaft vor dem selbst erschaffenen Monstrum namens Alter(n) widerspiegelt. Diese Orientierung an Jugendlichkeit mit zunehmendem Alter, die im Marketingbegriff „Anti-Aging“ gipfelt, führte eine ganze Generation in die Sackgasse.

Alt werden, alt sein – eine neue Haltung

In einer Welt, in der eine ernsthafte Debatte über eine Wirtschaft nach dem Wachstum sogar in der Ökonomie geführt wird und „Cradle to Cradle“ als neues, altes wirtschaftliches Prinzip kollektiv wahrgenommen wird, finden Der kulturelle Mindshift vom Anti- zum Pro-Aging ist eingeläutet Free-Ager ihren Platz mit ihrer neuen Haltung zum Altern. Der kulturelle Mindshift vom Anti- zum Pro-Aging ist damit eingeläutet. Wilhelm Schmid, Lebensphilosoph und Autor des überaus erfolgreichen Buches „Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden“, zeigt auf, was es heißt, die Perspektive zu wechseln und das Altern als Gewinn und nicht als Verlust zu betrachten. Der einzige Verlust, den der Mensch in seinem Leben tatsächlich erlebe – so seine Meinung –, ist das Leben selbst.

Wer einmal 50 geworden ist, hat eine Menge Lebenserfahrung gesammelt, die schützend wirken und eine tiefe Gelassenheit erzeugen kann. Nur wer durch Lebenskrisen geschritten ist, Verletzungen erfahren hat und Erfolge in diversen Dimensionen feiern durfte, kann eine Resilienz aufbauen, die keine äußere Kraft benötigt, sondern sich aus einer inneren Ausgeglichenheit nährt. Darin liegt eine große Freiheit, die sich – anders als die Freiheit der Jugend – nicht aus einer äußeren Optionenvielfalt ergibt, sondern aus einer inneren Gelöstheit.

Free-Ager schaffen soziale Verbundenheit

Laut Statistischem Bundesamt nutzte 2015 fast die Hälfte aller Personen ab 65 Jahren das Internet. Dies taten Free-Ager nicht nur, um mit ihren Kindern in Kontakt zu bleiben, sondern auch zur besseren sozialen Vernetzung untereinander: Online-Plattformen wie Seniorbook in Deutschland oder Stitch in Australien bieten neben romantischen Bekanntschaften viele weitere Möglichkeiten, um sich mit anderen Senioren zu vernetzen: Reisepartner, Wandergruppen oder Kunst- und Kulturliebhaber finden sich hier zusammen und organisieren gemeinsame Freizeitaktivitäten.

Free-Ager legen großen Wert auf eine funktionierende soziale Infrastruktur in ihrer unmittelbaren Wohnumgebung. Der Wunsch nach Gemeinschaft und kooperativem Schaffen ist in allen Lebensbereichen gewachsen – Nachbarschaftsnetzwerke oder Urban-Gardening-Projekte bilden zwei der vielen neuen Plattformen für einen generationsübergreifenden Austausch. Die Free-Ager sind nicht unwesentliche Triebfedern, denen es mit Erfahrung und dem richtigen Gespür für die Bedürfnisse ihres Umfeldes gelingt, eine Kooperationskultur zu erschaffen, die gemeinnütziges Handeln zur neuen moralischen Grundhaltung macht.

Die Tatsache, dass mehr als 40 Prozent der 65- bis 85-Jährigen einer ehrenamtlichen Tätigkeit nachgehen, macht deutlich, dass sich immer mehr ältere Menschen als ein aktiver, mitverantwortlich handelnder Teil unserer Gesellschaft verstehen und als solcher verstanden werden möchten (Generali Altersstudie 2017). Ein Mehr an (reflektierter) Selbstverwirklichung und (sinnhafter) Gemeinschaft führt zu einem Zuwachs an sozialer Verbundenheit, der die Gesellschaft vitaler, resilienter macht.

Die Free-Aging-Welt

Es ist die demografische Entwicklung, nicht die Technologie, die unserer Gesellschaft das Fenster in ein neues Zeitalter öffnet. Denn bei der Verschiebung der Altersstruktur sämtlicher westlicher Gesellschaften durch einen seit Jahrzehnten abnehmenden Anteil der jüngeren Generation nimmt der Anteil der Älteren an der Gesamtgesellschaft ebenso beständig zu. Noch immer erzeugt diese sich ankündigende Mehrheit eine Angst in der Gesellschaft, die sich durch jüngste Wahlergebnisse selbst zu befeuern scheint: Die Älteren treten als die Treiber der Wahlerfolge von Brexit und Trump auf – als jene, die mit ihrer Masse die Rolle rückwärts zu konservativen Werten entschieden haben.  

Doch ein neues Altersbild und ein konstruktives Miteinander der Generationen kann den Boden bereiten für eine neue Qualität sozialer Wirklichkeit, die sich nicht am Schema Jung/Alt orientiert. Denn die Prioritäten der Älteren unterscheiden sich im Wesentlichen nicht von den Wünschen der Jüngeren. Ihre Interessen einen sich in der Sehnsucht nach einem neuen gesellschaftlichen Miteinander; nach Achtsamkeit für das Hier und Jetzt; nach freier, unverplanter Zeit und mehr Raum für individuelle Lebensgestaltung.

Die wiederentdeckte Weisheit der Alten schafft eine Gesellschaft, die mit komplexen Entscheidungen umgehen kann, indem sie stets den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Eine Gesellschaft, die es wagt, Risiken einzugehen und inkonsistent zu denken. Nicht, weil sie immer weiter wachsen will, sondern weil sie sich ihrer selbst gewiss ist.

3 Lebensstile zum Trendphänomen Free-Ager / Zukunftsinstitut

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Lebensstile

Dossier: Lebensstile

Der Megatrend Individualisierung hat dazu geführt, dass sich Menschen nicht mehr an Cluster-Codes halten: Im 21. Jahrhundert wechseln sie zwischen Clustern nach situativen Anlässen, mehrmals pro Tag. Heutige Lebensstile definieren sich deshalb nicht mehr nach äußeren Zuschreibungen, sondern nach Wünschen und Werten.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Verena Muntschick

Die studierte Germanistin, Anthropologin und Biologin ist seit 2014 für das Zukunftsinstitut tätig. Als Projektmanagerin, Researcherin und Autorin arbeitet sie an Studienprojekten und Auftragsarbeiten.

Diana Hertle

Die Studentin für Management sozialer Innovationen und ausgebildete Erzieherin befasst sich mit der Vereinbarkeit und Wechselwirkung von klassischer Wirtschaft und sozialen, ökologischen Herausforderungen. Dabei ist sie auf der Suche nach dem Social Business der Zukunft. Außerdem interessiert sie sich dafür welche Auswirkungen der Megatrend Gesundheit auf die Generation Y hat. Das Zukunftsinstitut unterstützt sie in den Bereichen Research, Bildredaktion und als Autorin.