Mindshift: Warum der mentale Wandel der eigentliche Zukunftswandel ist

Die steigende Komplexität zwingt uns förmlich dazu, die Welt neu zu denken. Denn mit unseren gewohnten Denkmustern und Fähigkeiten stoßen wir an unsere Grenzen. Die Achtsamkeits-Bewegung bereitet den Weg für den notwendigen Mindshift! Ein gekürzter Auszug aus der Studie “Die Neue Achtsamkeit”.

Von Matthias Horx

Pixabay / jniittymaa0 / CC0

Das Versagen der (traditionellen) Zukunftsforschung


Die Welt verändert sich. Sie beschleunigt sich – in rasendem Tempo. Digitalisierung, Globalisierung, Automatisierung: Dieser Wandel ist spektakulär. Unaufhaltbar. So lautet das Credo, die Propaganda jener „Futuristik“, die längst zu so etwas wie Common Speech geworden ist: Autos fahren automatisch. Roboter verwöhnen uns, vor allem, wenn wir alt sind. Menschen liegen entspannt auf Liegen und steuern alles mit dem Finger. Bunte Ströme von Daten fließen um die Welt und schaffen ständigen Zuwachs an Fröhlichkeit und Lebensqualität. Alle leben in „Smart Homes“, und, ja doch, alle Krankheiten sind besiegt.

So also ging Zukunft – zumindest bis vor Kurzem. Denn plötzlich spüren wir, dass wir etwas Entscheidendes vergessen haben. Die Geschichte scheint uns einen Strich durch die Rechnung zu machen. Ein völlig anderer Ton liegt plötzlich in der Luft. Ein Ton von rückwärts und vorbei.

Die Zukunftsmacht der Gefühle


Noch bevor das Global Warming über uns hereinbricht, scheint eine andere Reibungswärme den Planeten heftig zu erhitzen: jene psychologische Energie, in der sich plötzlich, wie aus dem Nichts, Massen-Erregungen, Hass-Orgien und Gerüchte-Tsunamis entfalten.

Beschreibbar ist das Phänomen zunächst als Überforderung der Seele: Global vernetzte Kommunikation bringt alle und alles in Verbindung, aber damit wird auch alles und werden alle zur Bedrohung des einmal etablierten – und als „Normalität“ empfundenen – Status quo. Steigende Komplexität der Lebenswelten erfordert vom Einzelnen bestimmte „Skills“: Umgang mit Unsicherheit, Moderation der eigenen Fähigkeiten, emotionale und kommunikative Kompetenz. Nicht jeder fühlt sich der mentalen Anforderung gewachsen, sich selbst im Wandel zu verändern.

Im Kern des Hass-Populismus geht es um Selbstwertgefühle. In der globalen, digitalen Welt wird „Identität“ zu etwas Flüssigem. In diesem Bruch entsteht eine kollektive Krise der Identität, die zu Hass-Ausbrüchen und einem brachialen Kampf um den eigenen Opferstatus führt.

Resonanzphänomene: Die Mutation des Medialen


Der Soziologe Hartmut Rosa hat mit seinem Buch „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“ einen neuen Schlüssel zum Verstehen der Wirklichkeit geliefert. Resonanz ist das, was Säuglinge von den Eltern existenziell brauchen, um nicht zu sterben. Resonanz führt zur Entwicklung eines stabilen Ich – was wir als Anerkennung in Schule und Beruf erleben können, als Bestätigung und Achtung unseres Selbst. Resonanz formt uns zu ganzen Wesen. Resonanz ist der „vibrierende Faden“, der uns mit der Welt verbindet, der uns am Leben hält. Wer Resonanz erlebt, kann lieben und Liebe empfinden. Wer jedoch keine Resonanz in seinem Leben erlebt – durch das, was wir Liebe oder Zuneigung nennen –, der verkümmert, wird depressiv und aggressiv.

Familien, aber auch Firmen, sind Institutionen der Resonanz. Demokratien sind komplexe Resonanzsysteme, die sich immer wieder durch Selbststeuerungen Resonanz ist der „vibrierende Faden“, der uns mit der Welt verbindet, der uns am Leben hält verändern. Große Städte sind ineinander verwobene hochkomplexe Resonanzstrukturen mit erstaunlichen Fähigkeiten der Selbstorganisation. Ökonomien erzeugen Resonanzen von Waren, Innovationen und Wünschen. Die Resonanztheorie bietet eine Metaphysik des lebendigen Seins. Sie erklärt, dass gelungene Zukunft nichts anders ist als gelungene Weltbeziehung.

Auch der atemberaubende Siegeszug der sozial-digitalen Medien lässt sich durch die Resonanzperspektive erklären. Wir sind, als soziale Verbindungswesen, ungeheuer empfänglich für alle Formen des Gesehen- und Gehörtwerdens. Daran setzt digitale Technologie unmittelbar an. Social Media macht uns süchtig nach ständig gesteigerten Resonanzoperationen. Das „Like“ auf Facebook landet direkt im Belohnungszentrum unseres Gehirns. Das Smartphone zapft direkt die Endorphine und Dopamine der Selbstwirksamkeit an. Schon wieder eine Message! Wir werden gewollt!

Das Internet ist eine gigantische Echokammer, die alle Impulse verstärkt und dabei ständig neue Konnektome erzeugt. Die Digitalisierung hat aber auch die analogen Medien radikal verändert. In der Rund-um-die-Uhr-Echtzeit-Welt bildet sich eine für die menschliche Psyche völlig ungewohnte Umwelt aus. Und genau hier entsteht inmitten der Shitstorm- und Angstwelt ein neuer großer mentaler Gegentrend, der in die Zukunft weist: die Achtsamkeits-Bewegung.

Achtsamkeit: Der wichtigste Gegentrend unserer Zeit


Jeder Impuls hat einen Gegenimpuls, jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. Resonanz bedeutet eben auch, dass die Muster der Welt in ständigem Ausgleich schwingen. Zu jedem Shitstorm gehört ein Lovestorm. Der Brexit hat einen Gegenimpuls ausgelöst – in allen Ländern Kerneuropas stieg die Zustimmung zur EU erheblich. In der Wahl Trumps wird uns plötzlich deutlich, wie kostbar politische Ausgleichs- und Achtsamkeit ist die Kulturtechnik der reifen Individualität in einer konnektiven Welt. Kommunikationsformen sind. Und: Immer mehr Menschen beginnen, ihr digitales Kommunikationsverhalten im Sinne einer analog-digitalen Balance zu steuern. Immer mehr Menschen lernen, sich von den Erregungssystemen der Medien abzukoppeln und ihre mentale Autonomie wiederherzustellen. Immer mehr Menschen entwickeln Selbstwirksamkeitsstrategien gegen ihre Ängste. Dazu kann auch ein gesundes Maß an Gleichgültigkeit gehören – wenn man so will: Nicht-Resonanz. Jeder Achtsamkeits-Prozess beginnt mit einer notwendigen Distanzierung, einem Innehalten. Einen Moment lang entkoppeln wir uns von allem, was „dort draußen“ behauptet wird.

Achtsamkeit heißt, dass man das Trommelfeuer der Erwartungen, die Flut der Bilder und Ideologien, abschalten lernt – um wahrzunehmen, was ist. In der Achtsamkeits-Haltung erproben wir unsere neuronale Plastizität, unsere Fähigkeit, anders als in den Reflexen von Zorn, Angst, Neid, Furcht auf die Welt zu reagieren. Erst wenn man Menschen wahrnehmen kann, ohne sie unentwegt zu bewerten, erfährt man Verbundenheit. Achtsamkeit ist die Kulturtechnik der reifen Individualität in einer konnektiven Welt.

Wir brauchen eine neue Mutation der Menschheit, die den atavistischen Geist in die Gegenwart bringt, damit die Zukunft überhaupt möglich wird. Denn die Zukunft entsteht in Wahrheit nicht durch Technologien, sondern in unserer inneren Antwort auf das, was Technologien anrichten und ermöglichen. Auf diese Art und Weise verläuft der Fortschrittsprozess in einer ewigen inneren Schleife, zwischen dem Außen der Veränderung und dem Innen der mentalen Muster. Der Pfeil der Zukunft krümmt sich ständig in sich selbst, er ist eine Spirale, die dennoch, auf längere Sicht, nach oben weist, durch alle Krisen hindurch.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Lebensstile

Dossier: Lebensstile

Der Megatrend Individualisierung hat dazu geführt, dass sich Menschen nicht mehr an Cluster-Codes halten: Im 21. Jahrhundert wechseln sie zwischen Clustern nach situativen Anlässen, mehrmals pro Tag. Heutige Lebensstile definieren sich deshalb nicht mehr nach äußeren Zuschreibungen, sondern nach Wünschen und Werten.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.