Sinn-Karrieristen: Entdeckung der Langsamkeit

Die Hälfte des Lebens ist um, und nun? Sinn-Karrieristen verfallen nicht in Nostalgie, sondern wagen den Neuanfang – und  finden schließlich zu sich selbst.

Quelle: Lebensstile für morgen (2014)

Pixabay / CC0

Was will ich eigentlich? Was ist mir wichtig im Leben? Mit diesen oder ähnlichen Fragen beschäftigen sich die Sinn-Karrieristen zu Beginn. Dabei wirkt ihr Leben von außen gesehen mehr als gesettled. Sie haben einen gutbezahlten Job, leben in einer langjährigen Partnerschaft, die Kinder sind aus dem Haus oder werden langsam flügge. Und plötzlich stehen sie vor einer Sinnkrise und beginnen ihr bisheriges Leben in Frage zu stellen: Der Weg auf der Karriereleiter war steil, die Familie ist versorgt, aber was ist mit MIR?

Häufig gönnen sie sich dann auf der Suche nach sich selbst auch eine Auszeit – zeitlich wie räumlich. Sinn-Karrieristen suchen einen smarten Weg zum Weniger, Lebensqualität ist ihr höchstes Ziel. Ihr bisheriges Leben empfinden sie als durchdrehendes Hamsterrad, aus dem es auszusteigen gilt.

Wir verorten Wohlstand definieren sie über Freiheit und Selbstbestimmung den Lebensstil der Sinn-Karrieristen in der Altersgruppe der 45- bis 60-Jährigen. Nach unseren Berechnungen können 1,52 Millionen Menschen in Deutschland diesem Lebensstil zugeordnet werden; das entspricht 7,8 Prozent der 45- bis 60-Jährigen. Selbstverwirklichung, gesunde Umwelt und Spaß und Freude spielen im Leben der Sinn-Karrieristen eine übergeordnete Rolle. Weniger wichtig ist ihnen dagegen eine anerkannte Stellung in der Gesellschaft sowie ein sicherer Arbeitsplatz.

Leben und Werte

Hape Kerkeling hat es vorgemacht. „Ich bin dann mal weg“ ist längst nicht nur zu einem Bestseller, sondern zum Lebensmotto eines neuen Lebensstils geworden. Sinn-Karrieristen müssen sich und den anderen nichts mehr beweisen. Zielstrebig und ehrgeizig waren sie meist ein Leben lang, nun gilt es, sich nicht mehr über die Arbeit zu definieren und intrinsische Motive zu verfolgen. Zeit ist ihr höchstes Gut. Sie suchen das Glück in der Gegenwart und nicht irgendwann in einer fernen Zukunft. Sie genießen den Moment und beschäftigen sich nicht permanent mit Dingen, die passieren könnten.

Um dieses Lebensglück zu erreichen, konzentrieren sie sich ganz auf sich selbst. Sinn-Karrieristen hören in sich hinein, schöpfen Lebenskraft aus der eigenen Mitte. Downshifting bedeutet für sie, ihren eigenen Weg zu finden, sich auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu konzentrieren und die Entschleunigung zu nutzen, um neue Energien freizusetzen. Wohlstand definieren sie nicht mehr über materielle Werte, sondern über Freiheit und Selbstbestimmung.

Diese Rückbesinnung auf das eigene Ich resultiert aus einer sich stetig verlängernden Lebenszeit, aber auch aus einer Multioptionalität an Möglichkeiten. Schließlich bedeutet heute der Eintritt ins Rentenalter längst nicht mehr das Warten auf den baldigen Tod. Der Lebensabend ist in weite Ferne gerückt. „Viele zwischen 40 und 50 Jahren fragen sich: ,Wie schaffe ich die nächsten 25 Jahre?‘“ sagt Jutta Rump, Leiterin des Instituts für Beschäftigung der Fachhochschule Ludwigshafen, in einem Interview (Hergert u.a. 2013).

Dieser Knackpunkt, nicht mehr so weiterzumachen wie bisher, ist häug bei den Sinn-Karrieristen mit einem radikalen Schnitt verbunden: Sie stellen ihre Ernährung um und achten bewusst auf ihr Wohlbefinden. Sie definieren Gesundheit neu, indem sie die Lebensenergie in den Mittelpunkt rücken und ihren Lebensstil danach ausrichten. In diesem Zusammenhang widmen sie sich auch häufig spirituellen Fragen, erlernen neue Techniken der Kontemplation. Fast die Hälfte der Sinn-Karrieristen (45 Prozent) bezeichnen sich selbst als religiöse, gläubige Menschen. Doch nur 35 Prozent ihrer Altersgenossen stimmen dieser Aussage zu.

Sinn-Karrieristen unterhalten sich gern über schöngeistige Themen, über Kunst und Philosophie (39 Prozent im Vergleich zu 28 Prozent aller 45- bis 60-Jährigen). Die aktive Teilnahme am kulturellen Leben und soziales Engagement ist 79 Prozent von ihnen wichtig; damit liegen Sinn-Karrieristen wiederum weit über dem Durchschnitt von 61 Prozent aller 45- bis 60-Jährigen. Da verwundert es kaum, dass Sinn-Karrieristen Angeboten, die eine tiefgreifende Selbsterfahrung garantieren, zu einem regelrechten Boom verhelfen. Sei es bei der täglichen körperintensiven Mitarbeit auf einer Alm, bei der geistigen Einkehr in einem Kloster oder bei einem gemeinnützigen Hilfsprojekt in einem Entwicklungsland.

  • Porträt: Sabine (56). „Geschafft!“ ruft sie freudig in ihr Handy und grinst übers ganze Gesicht. „Glückwunsch, meine Ayurveda-Meisterin!“ erwidert er. Sabine, 56, und Jörg, 53, haben sich vor fünf Jahren in einem Kloster in Indien kennen und lieben gelernt. Die Versicherungskauffrau steckte damals in einer tiefen Krise: ihr Vater war verstorben, ihre Beziehung der Bezeichnung nicht mehr würdig, der Job nur noch reine Routine, die Kinder beide inzwischen aus dem Haus; sie fühlte sich ausgebrannt, einsam und gelangweilt. Eine Freundin brachte sie auf die Idee, ein Sabbatical zu nehmen. Drei Monate Auszeit, möglichst weit weg vom Alltag. Seitdem sie wieder zurück ist, hat sie ihr Leben komplett umgekrempelt: Sie trennte sich von ihrem Mann, mit dem sie 30 Jahre verheiratet war, kündigte ihren Job, in dem sie beinahe genauso lange gearbeitet hatte, und zog zurück in ihr Elternhaus in einer Kleinstadt bei Frankfurt. „Keine Kompromisse mehr“ ist ihr Motto. Sie kümmert sich um ihre gebrechlicher werdende Mutter und schulte zur Heilpraktikerin um. Währenddessen richtete sie mit der Hilfe von Jörg im Erdgeschoss des Hauses ihre eigene kleine Praxis ein. Seit gut einem Jahr ist ihre Praxis eröffnet. Auch wenn sie nun am Wochenende oder nach Feierabend für ihre Kunden da ist und viel mehr arbeitet als in ihrem „alten“ Beruf, ist sie glücklich. Zudem hat sie seit heute ihren Master of Science in Ayurveda in der Tasche. „Endlich lebe ich! Und mache das, was mir wichtig ist! Kommst du heute Abend vorbei und wir gehen zur Feier des Tages lecker essen?“

Unsere Studie "Lebensstile für morgen"

Situativer Konsum und Multigrafien sorgen für Albträume im Marketing. Bis gestern: Als neue Klassifizierungsebene identifizieren wir in Lebensstile für morgen die Avantgarde in unterschiedlichen Lebensphasen, analysieren auf empirischer Basis ihr Einflusspotenzial auf den Mainstream und liefern Ihnen so ein operativ anwendbares Bild von Wertesystemen im Wandel.
Mehr über die Studie

Arbeit und Karriere

Mein Haus, mein Dienstwagen, meine Kinder … mein Sabbatical. „Es sind nicht Karriereverweigerer oder Freizeitapostel, die sich Auszeiten nehmen – es sind die klassischen Leistungsträger, die Karrieremenschen“ (Hergert u.a. 2013). Über die Hälfte (55 Prozent) der 45- bis 59-Jährigen in Deutschland können sich laut einer forsa-Umfrage vorstellen, ihren Job für einen längeren Zeitraum zu unterbrechen – oder hätten das rückblickend gerne getan. Dabei steigt der Wunsch, für längere Zeit auszusteigen, generell mit dem Bildungsabschluss: Während nur 39 Prozent der Erwerbstätigen mit Hauptschulabschluss bereit sind, ihren Job zu unterbrechen, liegt die Zahl bei Personen mit Abitur oder Studium bei 65 Prozent (Forsa/BMBF 2013).

„Das Streben nach mehr Freizeit und einer besseren Work-Life-Balance ist noch immer ein Thema von Eliten“, schrieb “Zeit Online” (12.2.2013). Erst wenn der Mensch bis zu einem gewissen Grad abgesichert ist, beginnt er, im Sicherheitsnetz nicht nur monoton zu strampeln, sondern zu tanzen. Dieser Tanz bringt ihn zu mehr Lebensqualität und Glück. 69 Prozent der Führungskräfte in Deutschland träumen von einer Auszeit – glaubt man einer Umfrage der Personalberatung Heidrick & Struggles. Die Sinn-Karrieristen sind diejenigen, die diesen Traum Wirklichkeit werden lassen.

Die Sinn-Karrieristen entwickeln häufig aus dieser Zeit des Müßiggangs kreative Ideen, die sie mit Elan und neuer Kraft in Angriff nehmen. 78 Prozent, also mehr als drei Viertel der Sinn-Karrieristen, bezeichnen sich selbst als offen für neue Chancen und Herausforderungen. Der Anteil der Gründer zwischen 45 und 64 Jahren machte für das Jahr 2012 knapp 31 Prozent der Gesamtgründungen aus (KfW Bankengruppe 2013). 2007 lag der Anteil dagegen lediglich bei rund 23 Prozent. Vorangetrieben durch den demografischen Wandel, wird künftig die Zahl der Gründer über 45 Jahre (gleichzeitig auch die geburtenstarke Generation der Babyboomer) zunehmen, davon ist das RKW Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft in seiner Studie „Gründerinnen und Gründer ab dem mittleren Alter“ (2013) überzeugt.

  • Meditation für Manager: Paul Kohtes, einer der führenden PR-Berater in Deutschland und Zen-Lehrer, bietet schon seit einigen Jahren Zen-Seminare für Führungskräfte an. „Früher war es undenkbar, dass Führungskräfte ihr Interesse an spirituellen Themen bekennen“, erklärt Paul Kohtes in einem Interview. Er selbst entdeckte schon vor über 30 Jahren die Zen-Meditation als Methode für sich, um zu einer inneren Balance zu gelangen.
  • Gründungsberatung 50plus: Das Social Business „Gründer 50plus“ möchte berufserfahrene Menschen über 50 Jahre dazu ermutigen, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Fachkundige Beratung in Sachen Existenzgründung bildet das Fundament der Betreuung durch Gründer 50plus. Dem leitenden Kopf Ralf Sange, selbst im besten Alter, geht es mit dem Unternehmen nicht um Gewinnmaximierung, sondern um die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen.

Konsum und Freizeit

Dass Selfness boomt und die Selbstfindung enorme Marktpotenziale entfaltet, beweisen die unzähligen Ratgeber-Magazine in den Kiosk-Regalen – und es werden immer mehr. Titel wie “Happinez”, “Emotion”, “Sensa”, “Psychologies”, “HappyWay”, “Herzstück” oder “Flow” sprechen Menschen auf emotionaler und spiritueller Ebene an. Slogans wie „Einfach glücklich leben“ oder „Inspiration für Leib & Seele“ versprechen Gestressten Wege aus ihrem Dilemma.

Die Chefredakteurin von “Flow”, Sinja Schütte, beschreibt das „Magazin für Achtsamkeit, Inspiration und Zeitgeist“ im Interview mit the-shopazine.de folgendermaßen: „,Flow‘ Zeitverschwendung und Hektik gelten als neue Todsünden sieht anders aus, fühlt sich ganz anders an und erzählt auch Geschichten anders. Langsamer, direkter und kein bisschen effektheischend.“ Mit diesen Aspekten werden die Sinn- Karrieristen perfekt angesprochen, denen jegliches laute Marketinggeschrei zuwider ist. Sie sind die stillen Genießer, die Wert auf ein gutes Essen und höchste Qualität legen. Für Qualität oder Produkte und Services mit einem hohen immateriellen Wert sind die Sinn-Karrieristen gerne bereit, auch mal tiefer in die Tasche zu greifen.

Allerdings sind sie kritisch und überlegen genau, ob sie etwas wirklich brauchen. Weniger ist mehr. Den Sinn-Karrieristen ist ihre „Frei-Zeit“ heilig – Zeitverschwendung, Hektik gelten für sie als neue Todsünden. Der Journalist Martin Spiewak, geboren 1964, beschreibt es treffend in Anbetracht seines bevorstehenden 50. Geburtstags: „Die Erkenntnis der Knappheit macht mich wählerisch. Ich überlege mehr denn je, wofür ich meine Zeit nicht verschwenden will: mittelmäßige Bücher, belanglose Zeitungsartikel, Menschen, an denen mir nicht wirklich liegt, öde Fernsehrituale. (...) Auf Zeitvernichtungsprogramme wie Facebook kann ich verzichten“ (Spiewak 2014).

  • Spirituelle Entschleunigung im Kloster: Der Wunsch nach einer Einkehr auf Zeit erschließt für die traditionellen kirchlichen Einrichtungen ganz neue Geschäftsfelder. Sowohl die katholische wie auch die evangelische Kirche bieten Möglichkeiten zur Auszeit im Kloster. Mehr als 200 Einrichtungen in Deutschland öffnen ihre Pforten für gestresste Manager und interessierte Ruhesuchende.
  • Umweltbewusst Konsumieren: Mit dem Slogan „Don’t buy this jacket“ forderte der Outdoor-Ausstatter Patagonia seine Kunden auf, erst zu denken und dann zu kaufen. Dass dahinter mehr steckt als nur eine clevere Marketing-Strategie, zeigt die ökosoziale Ausrichtung des Unternehmens durch seinen Gründer Yvon Chouinard bereits seit den 90erJahren.

Trendprognose: Die fitten Alten von morgen

Die Sinn-Karrieristen sind der Lebensstil, der die Mitte des Lebens nutzt, um alte Routinen über Bord zu werfen und zu neuen Ufern aufzubrechen. Während ihr zurückliegendes Leben in geregelten Bahnen verlief – Familie, Kinder, erfolgreicher Job – sind sie am Peak angelangt und blicken zurück. Doch statt sich befriedigt zurückzulehnen, sind sie überzeugt und gar ein wenig empört, dass das nicht alles gewesen sein kann. Sie durchleben eine Krise, mit der sie sich aber nicht abfinden, sondern in der sie ihre Identität neu justieren und aus der sie gestärkt wieder hervorgehen. Sinn-Karrieristen werden durch ihren Tatendrang und durch die einfache Tatsache, dass zu ihrer Gruppe die geburtenstärksten Jahrgänge (die sogenannten Babyboomer) zählen, zu einer neuen gesellschaftlichen und ökonomischen Kraft. Die Sinn- Karrieristen auf der Suche nach mehr Lebensqualität von heute sind die gesunden, aktiven und mental fitten „Alten“ von morgen. Denn Studien beweisen schon heute: Wer mit 50 beginnt, Sport zu treiben, und sich geistig fordert, beugt den Gebrechen des Alters vor.

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Lebensstile

Dossier: Lebensstile

Der Megatrend Individualisierung hat dazu geführt, dass sich Menschen nicht mehr an Cluster-Codes halten: Im 21. Jahrhundert wechseln sie zwischen Clustern nach situativen Anlässen, mehrmals pro Tag. Heutige Lebensstile definieren sich deshalb nicht mehr nach äußeren Zuschreibungen, sondern nach Wünschen und Werten.

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