Social Cocooning: Die neue Heimeligkeit

Eine neue Sehnsucht nach Miteinander, Unbeschwertheit, Gemütlichkeit und Vertrauen prägt das zunehmende Interesse der Menschen nach Social Cocooning. Statt Egozentrismus und Ausgehkultur stehen Wir-Gefühl und Wohlfühlort im Vordergrund. Ein gekürzter Artikel der Studie „Die Neue Achtsamkeit“.

Von Anja Kirig

StockSnap.io / Alisa Anton / CC0

In einer zunehmend unverbindlichen, virtuellen und schnellen Welt steigt die Sehnsucht nach wirklicher Empathie, ehrlicher Kommunikation und authentischem Kontakt in ungezwungener Atmosphäre. Dieses neue Miteinander wird unabhängig von Einkommen, aber auch von Alter, Geschlecht oder Herkunft gepflegt. Es ist ein Rückzug in die Heimeligkeit, der einfach und unkompliziert umgesetzt werden kann, was ihn auch so ungemein attraktiv macht. Im Zeitalter des Individualismus und der Multigrafien werden Lebensstile durchweg freier gestaltet: Cocooning, also der Rückzug in die eigenen vier Wände, wird zum sozialen Resonanzraum.

Nach einer intensiven Zeit, in der Menschen wenig bei sich und auch wenig vollständig im analogen Face-to-Face-Kontakt miteinander waren, hat die Welle der Achtsamkeit dazu geführt, dass das Ich aus dem In-sich-Suchen hinaustritt und wieder echte Resonanzmomente im Wir sucht. Basis ist hierfür ein Ort, der Heimat vermittelt.

Lagerfeuer des 21. Jahrhunderts

Social Cocooning ist eine neue Lagerfeuermentalität, deren Kern ein auf Kontakt basierendes Zusammentreffen von Menschen in entspannender Wohnzimmeratmosphäre ist. Die Aktualität des Social Cocooning zeigt sich unter anderem in der Liste der „Wörter des Jahres 2016“ des britischen Wörterbuchs Collins („Top 10 Collins Words of the Year 2016“, collinsdictionary.com, HarperCollins Publisher). Zwei der unter die Top Ten gewählten Begriffe beschreiben wichtige Aspekte des neuen Lebensstils des Social Cocooning: Hygge sowie JOMO.

„Hygge“ gehört in Dänemark fest zur Alltagskultur, auch in anderen skandinavischen Staaten wie Norwegen praktiziert man diese Form der Lebensart. Der Begriff, Hygge impliziert eine komplexe Emotion und Situation, die nur auf der Grundlage einer Wir-Qualität entstehen kann der ursprünglich aus dem Altnordischen stammt, bedeutet heute in Dänemark: Gemütlichkeit, Gefühl von Wohlbefinden, Entspannung sowie angenehme Atmosphäre, besonders in Gemeinschaft mit Familie oder Freunden und gerne verbunden mit gemeinsamen Mahlzeiten, Spielen oder Vergleichbarem (Store norske leksikon, snl.no/hygge). Hygge ist also mehr als das Aufsuchen eines Ruheortes, um Erholung zu erhalten, es impliziert eine komplexe Emotion und Situation, die nur auf der Grundlage einer Wir-Qualität entstehen kann.

JOMO ist die Abkürzung für „The Joy Of Missing Out“ (Freude am Verpassen) und beschreibt den Trend, dass immer mehr Menschen jeglichen Alters das Risiko eingehen, einen tollen Event zu verpassen, um stattdessen die Zeit beschaulich zu verbringen. Angelehnt ist das Kürzel an FOMO für „Fear Of Missing Out“ – einer Verpassensangst, die seit der Eventisierung und Verbreitung von sozialen Medien um sich greift. Statt der Suche nach Resonanz im Außen, beim Weggehen oder der Selbstdarstellung, wird beim Joy Of Missing Out erlebt, dass die Resonanz nicht in einer inszenierten, temporären Event- und Freizeitkultur zu finden ist.

Social Cocooning als Resonanzphänomen auf ein unsicheres Weltgefühl

Social Cocooning kann als eine Antwort, eine Reaktion auf diese sich im Wandel befindende politische und ökonomische Weltsituation betrachtet werden. Wie so oft bei sozialen Trendphänomenen begann es mit einem Food-Trend. Ganz gleich, ob privat inszenierte Dinner-Duelle, Social-Dining-Events oder Supper Clubs, in deren Rahmen Fremde über Plattformen wie „Eatwith“ in die eigene Küche zum Essen eingeladen werden – Menschen begannen sich jenseits der wachsenden Außer-Haus-Kultur mit ihrem Überangebot an Food Trucks und Gastronomie alternativ auf den kreativen und gemeinschaftlichen Prozess des Essenzubereitens zu konzentrieren. Küchen als Treffpunkt haben seit jeher etwas Heimeliges, in dessen Rahmen im 21. Jahrhundert das nachinszeniert wird, was man gemeinhin unter Großfamilie versteht oder idealisiert. Social Cocooning geht über solche „Familien“-Events hinaus, es ist mehr die Sehnsucht nach dem „Tribe“, all jenen Zusammenschlüssen, die Halt geben, Gehör schenken, Verbindung ermöglichen.

Social Cocooning ist mehr als eine äußerliche Inszenierung von Hygge

Doch Social Cocooning geht weit über Kaminfeuer, Kerzen, Kekse, Brotbacken und Stricken hinaus. So wenig es ausschließlich ein Food-Trend ist, so wenig ist es ein reines Thema der Wohnkultur oder die Inszenierung eines skandinavischen Replikats. Das gemeinsame Element impliziert stets eine wie auch immer geartete Verbindung zum Gegenüber, die mehr ist als ein zufälliges Beisammensein. Das gemeinsame Moment beim Social Cocooning erfordert nicht zwangsläufig Kommunikation, es geht um ein Miteinander, das auch stumm verbinden und für Resonanz sorgen kann.

Auch Slow Reading Clubs, die sich regelmäßig in Cafés treffen, einfach, um gemeinsam zu lesen, können als eine in der Öffentlichkeit stattfindende Social-Cocooning-Aktivität verstanden werden. Man bringt das Buch mit, das man gerade lesen möchte. Die aus Neuseeland stammende Idee, gemeinsam, ohne Ablenkung zu lesen, statt E-Mails zu checken oder auf Facebook zu surfen, stößt mittlerweile international auf Nachahmer (slowreadingco.com).

Social Cocooning ist kein Technikfeind

Konnektivität ist selbstverständlicher Bestandteil des Social Cocooning. Gerade erst die modernen Technologien machen unsere vier Wände zu dem Ort, an dem wir mit der Umwelt in Kontakt treten können. Und so machen auch die steigende Mobilität der Gesellschaft und das Unterwegssein das Phänomen des Social Cocooning interessant. Der Wunsch der Menschen nach einem Eintauchen in eine bereits existierende soziale Gruppe, die nicht erst mühsam aufgebaut werden muss, in der durch Bewertungen und Rezensionen ein neues Vertrauen entgegengebracht werden kann, wird zum Schlüssel der Rezensionsgesellschaft und ihrer Sehnsucht nach „sozialem“ Ankommen. Und das weltweit, an Orten, an denen man zuvor noch nie war. Der Erfolg von Airbnb, Co-Living- und Co-Working-Angeboten zeigt, wie Konnektivität und Realkontakt harmonieren.

Das Cocooning der Zukunft

Im Gegensatz zu importierten Begriffen wie „Hygge“, die Gefahr laufen, von Marketing und Medien instrumentalisiert zu werden, lässt sich „Social Cocooning“ in seinem fundamentalen Bedürfnis nach Gemeinschaftsgefühl und „Tribe“ erklären. Es geht jedoch nicht um eine „neue Spießigkeit“, sondern um einen bewussten, kreativen Umgang mit Dingen, Menschen und Situationen, die eingebunden in ein starkes soziales Element sind. Für die Zukunft der Gesellschaft sind jene funktionierenden Mikrogemeinschaften notwendig, in denen das Individuum einen Platz findet, um Abstand vom Alltag zu gewinnen und gleichzeitig – unabhängig davon, ob es sich um extrovertierte oder introvertierte Persönlichkeiten handelt – im Miteinander die eigenen Batterien wieder aufladen kann.

Social Cocooning wird künftig weiter an Popularität gewinnen, da es zum einen so einfach umzusetzen ist, und zum anderen die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen den Trend befeuern: Natürlich trägt auch eine als bedrohlich empfundene Öffentlichkeit dazu bei, dass die Menschen sich ins Private zurückziehen.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Lebensstile

Dossier: Lebensstile

Der Megatrend Individualisierung hat dazu geführt, dass sich Menschen nicht mehr an Cluster-Codes halten: Im 21. Jahrhundert wechseln sie zwischen Clustern nach situativen Anlässen, mehrmals pro Tag. Heutige Lebensstile definieren sich deshalb nicht mehr nach äußeren Zuschreibungen, sondern nach Wünschen und Werten.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Anja Kirig

Die Politologin und Journalistin ist seit 2005 für das Zukunftsinstitut als Autorin zahlreicher Studien tätig. Zu Anja Kirigs Schwerpunkten zählen Food, Freizeit, Gender, Gesundheit, Konsum, Neo-Ökologie und Tourismus.